Adipositas betrifft Frauen und Männer weltweit in vergleichbarer Häufigkeit, im Jahr 2022 waren 43 Prozent der Männer und 44 Prozent der erwachsenen Frauen weltweit übergewichtig.¹ Doch unter dieser Ähnlichkeit verbergen sich Unterschiede, die im Praxisalltag leicht übersehen werden: Warum lagern Frauen ihr Fett anders ein als Männer und warum kann Adipositas bei Frauen die Fruchtbarkeit und das Krebsrisiko beeinflussen? Ein Blick auf die Biologie hinter diesen Fragen zeigt, warum Beratung und Risikoeinschätzung nicht geschlechtsneutral gedacht werden sollten.
Ein zentraler Unterschied liegt darin, wo sich das Fett im Körper ansammelt. Bei Frauen setzt es sich eher unter der Haut an, etwa an Hüfte und Oberschenkel (subkutanes Fett), bei Männern eher im Bauchraum rund um die inneren Organe (viszerales Fett), das gemeinhin als das stoffwechselschädlichere Fett gilt. Eine aktuelle Studie an 253 Patientinnen und Patienten zeigte das erwartungsgemäße Bild: Bei gleichem Gesamtfettanteil hatten Männer mehr viszerales Fett, Frauen dagegen mehr Fett unter der Haut. Überraschend war jedoch, was das für die Gesundheit bedeutet: Obwohl Frauen insgesamt weniger Bauchfett hatten, korrelierte es bei ihnen stärker mit ungünstigen Blutwerten, etwa erhöhten Triglyzeriden, Blutzucker und Langzeitzucker (HbA1c), als bei Männern.2 Dieser Befund legt nahe, dass ein auf den ersten Blick unauffälliger Taillenumfang bei Frauen möglicherweise weniger über das tatsächliche Stoffwechselrisiko aussagt als bei Männern, ein Aspekt, der in der individuellen Risikoeinschätzung mitbedacht werden sollte.
Hormonell spielt Östrogen eine Schlüsselrolle. Vor den Wechseljahren scheint das körpereigene Östrogen davor zu schützen, dass sich Fett im Bauchraum ansammelt. Dieser Schutz lässt nach, sobald die Eierstöcke nach der Menopause weniger Östrogen bilden. Diese Umstellung geht mit mehr Bauchfett und einem höheren Diabetesrisiko einher, das sich durch eine Hormonersatztherapie teilweise abschwächen lässt.3 Genetische Studien zeigen allerdings, dass auch Erbfaktoren zu den Unterschieden zwischen Frauen und Männern beitragen, Östrogen ist also vermutlich nicht die alleinige Erklärung.4
Auch das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS), eine hormonelle Störung der Eierstöcke, ist eng mit Adipositas bei Frauen verknüpft. Bei Frauen mit Adipositas liegt die PCOS-Häufigkeit bei bis zu 28,3 Prozent, und damit deutlich höher als die allgemeine Häufigkeit von 11 bis 13 Prozent bei Frauen im gebärfähigen Alter. Insulinresistenz, eine chronische Entzündung im Körper und ein Überschuss an männlichen Hormonen verstärken sich hier gegenseitig und erhöhen zusätzlich das Risiko für eine Fettleber, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2.5 Klinisch relevant ist zudem, dass eine Gewichtsreduktion bei PCOS-Patientinnen oft schwerer gelingt als bei Frauen ohne PCOS.6 Gerade weil Standardmaßnahmen zur Gewichtsreduktion bei PCOS häufig weniger greifen, kommt der Diagnosestellung eine besondere Bedeutung zu: Erst sie ermöglicht ein angepasstes Vorgehen, etwa mit gezielter Behandlung der Insulinresistenz, statt allein auf klassische Lebensstilinterventionen zu setzen.
Die hormonellen Veränderungen bei Adipositas erhöhen bei Frauen zudem das Risiko für bestimmte hormonabhängige Krebserkrankungen. Am besten belegt ist der Zusammenhang bei Gebärmutterschleimhautkrebs, bei dem eine gewichtsreduzierende Operation nachweislich sowohl die Häufigkeit als auch die Sterblichkeit senken kann.7 Auch für Brustkrebs, besonders nach den Wechseljahren, wird ein erhöhtes Risiko durch Adipositas beschrieben. Vermittelt wird das unter anderem über mehr Östrogenbildung im Fettgewebe, Insulinresistenz und eine chronische, niedriggradige Entzündung im Körper.8
Neben Fettverteilung, Hormonstatus und Krebsrisiko prägen auch Lebensphasen, die mit einer hormonellen Umstellung einhergehen, den Gewichtsverlauf bei Frauen zusätzlich. Für die Praxis heißt das: Wer Adipositas bei Frauen unter Berücksichtigung dieser Faktoren einordnet, kann Risiken präziser einschätzen und Beratung sowie Therapieempfehlungen entsprechend anpassen.
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