Das Lipödem ist eine chronische, schmerzhafte Fettverteilungsstörung, die nahezu ausschließlich Frauen betrifft.1 Charakteristisch sind symmetrische Fettgewebsvermehrungen an Beinen und teilweise auch an Armen, begleitet von Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Spannungsgefühlen und einer eingeschränkten Lebensqualität.2 Obwohl das Lipödem unabhängig vom Körpergewicht entstehen kann, weisen viele Patientinnen gleichzeitig Übergewicht oder Adipositas auf.1 Ein Umstand, der die Beschwerden zusätzlich verstärken kann.1
Traditionell wird das Lipödem anhand der Veränderungen von Haut und Unterhautfettgewebe in drei Stadien eingeteilt (Abbildung 1):
Abb. 1: Stadien des Lipödems. Bildquelle: AdobeStock
Stadium I: Es besteht ein Missverhältnis zwischen Rumpf und Extremitäten. Die Hautoberfläche erscheint glatt, das Unterhautfettgewebe ist jedoch bereits verdickt. Erste Beschwerden wie Druckempfindlichkeit, Spannungsgefühle oder Schmerzen können auftreten.2
Stadium II: Das Fettgewebe weist eine zunehmend knotige Struktur auf. Die Haut zeigt Unebenheiten und eine wellige Oberfläche.2
Stadium III: Es kommt zu ausgeprägten Fettgewebsvermehrungen mit größeren Gewebeüberhängen und deutlichen Veränderungen der Körperkontur.2
Die aktuelle S2k-Leitlinie „Lipödem” weist jedoch darauf hin, dass diese Stadieneinteilung nur begrenzt Aussagen über die tatsächliche Krankheitslast zulässt.3 Für die Therapieplanung sind deshalb insbesondere Schmerzen, Funktionseinschränkungen, psychosoziale Belastungen und Begleiterkrankungen relevant.3
Lipödem und Adipositas werden im Alltag häufig miteinander verwechselt. Tatsächlich handelt es sich jedoch um zwei unterschiedliche Krankheitsbilder.2 Während die Adipositas durch eine generalisierte Vermehrung des Fettgewebes gekennzeichnet ist, betrifft das Lipödem vor allem die Extremitäten und geht mit typischen Schmerzsymptomen einher.1-3 Die genauen Ursachen des Lipödems sind bislang nicht vollständig geklärt.3 Aktuelle Erkenntnisse sprechen für ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren.1 So tritt die Erkrankung gehäuft familiär auf, was auf eine genetische Veranlagung hindeutet.1 Zudem wird ein Zusammenhang mit hormonellen Einflüssen vermutet, da erste Symptome häufig während hormoneller Umstellungsphasen wie der Pubertät, einer Schwangerschaft oder den Wechseljahren auftreten.1,2 Auch Veränderungen der Mikrogefäße im Fettgewebe scheinen eine Rolle zu spielen: Durch eine erhöhte Durchlässigkeit der Kapillarwände kann vermehrt Flüssigkeit in das umliegende Gewebe gelangen.1
Die aktuelle Leitlinie betont, dass das Lipödem nicht durch Übergewicht verursacht wird.3 Gleichzeitig zählen Übergewicht und Adipositas zu den häufigsten Begleiterkrankungen. Sie können die Symptomatik verstärken, die Mobilität einschränken und das Risiko für Folgeerkrankungen erhöhen. Zudem zeigen Untersuchungen, dass Gewichtszunahmen häufig mit einer Zunahme der Extremitätenvolumina einhergehen.3
Viele Patientinnen berichten über wiederholte erfolglose Diätversuche. Ein Grund dafür ist, dass das krankhaft veränderte Lipödemgewebe deutlich schlechter auf eine Kalorienreduktion reagiert als gewöhnliches Fettgewebe. Zwar kann überschüssiges Körperfett reduziert werden, die disproportionale Fettverteilung bleibt jedoch häufig bestehen.3,4
Zusätzlich erschweren Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, psychische Belastungen und Frustration nach erfolglosen Abnehmversuchen eine nachhaltige Gewichtsreduktion.4 Daher sollte der Therapieerfolg nicht allein anhand des Körpergewichts beurteilt werden.5 Auch eine Verbesserung der Schmerzsymptomatik, der Mobilität und Lebensqualität stellt einen wichtigen Behandlungserfolg dar.5
Ziel der Ernährungstherapie ist die langfristige Gewichtskontrolle sowie die Reduktion von Begleitrisiken.
In der Praxis wird häufig eine mediterrane Ernährungsweise empfohlen.3,5 Sie basiert auf einem hohen Anteil an Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Fisch, Nüssen und hochwertigen Pflanzenölen und kann sich positiv auf Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse auswirken.5
Auch kohlenhydratreduzierte Ernährungsformen wie Low Carb oder ketogene Konzepte werden diskutiert.3,5
Entscheidend ist letztlich weniger die Wahl einer bestimmten Ernährungsform als vielmehr deren langfristige Umsetzbarkeit. Crash-Diäten sollten vermieden werden, da sie das Risiko für Gewichtsschwankungen und den Jo-Jo-Effekt erhöhen.3
Die Behandlung von Übergewicht und Adipositas sollte bei betroffenen Patientinnen integraler Bestandteil der Lipödem-Therapie sein. Leitlinien empfehlen hierfür einen multimodalen Ansatz aus Ernährungsintervention, Bewegungstherapie und gegebenenfalls verhaltenstherapeutischer Unterstützung.3,6
Da eine Gewichtszunahme die Symptomatik des Lipödems zusätzlich verstärken kann, kommt der langfristigen Gewichtskontrolle besondere Bedeutung zu.1 Ergänzend zu Ernährungsberatung und Bewegungstherapie können unterstützende Maßnahmen des Gewichtsmanagements erwogen werden.6
Darüber hinaus bilden konservative Maßnahmen weiterhin die Grundlage der Behandlung:3
Besonders geeignet sind gelenkschonende Aktivitäten wie Schwimmen, Aquafitness, Radfahren oder Walking.2 Sie unterstützen die Gewichtskontrolle und können die Beschwerden positiv beeinflussen.1,2
Auch psychosoziale Faktoren sollten berücksichtigt werden. Chronische Schmerzen, Stigmatisierungserfahrungen und wiederholte frustrane Diätversuche können die Krankheitslast erheblich erhöhen und den Therapieerfolg beeinträchtigen.4
Wenn konservative Maßnahmen ausgeschöpft sind, kann eine Liposuktion (Fettabsaugung) als operative Therapieoption in Betracht gezogen werden.3 Dabei wird das krankhaft vermehrte Fettgewebe dauerhaft entfernt.2 In geeigneten Fällen kann dies zu einer deutlichen Reduktion der Beschwerden und einer Verbesserung der Lebensqualität führen.2
Gewichtsreduktion ist keine kausale Therapie des Lipödems, kann jedoch insbesondere bei begleitender Adipositas die Symptomlast positiv beeinflussen.1-3 Sie sollte immer Teil eines multimodalen, symptomorientierten Behandlungskonzepts sein.3
Im klinischen Alltag ist entscheidend, bei entsprechender Symptomatik auch an ein Lipödem zu denken und es differenzialdiagnostisch in Betracht zu ziehen, insbesondere bei disproportionalen Fettverteilungsmustern, Schmerzen und Druckempfindlichkeit der Extremitäten.3
Der Therapieerfolg sollte nicht allein am Körpergewicht gemessen werden, sondern an der Entwicklung zentraler Symptome wie Schmerz, Funktion und Lebensqualität. Auch eine stabile Gewichtskontrolle kann helfen, eine Progression der Beschwerden zu vermeiden.3
Referenzen: