Die aktualisierte GeriPAIN-Leitlinie1 rückt ein zentrales Thema stärker in den Fokus: Schmerzen im Alter sind häufig, aber sie müssen nicht hingenommen werden. Gerade bei sehr alten Patientinnen und Patienten (> 80 Jahre) führen Schmerzen oft zu Funktionseinschränkungen, Immobilität und einem Verlust an Selbstständigkeit.2 Ziel der Leitlinie ist es daher, ein strukturiertes und zugleich individualisiertes Schmerzmanagement zu etablieren.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist die frühzeitige Schmerzerfassung. Empfohlen wird ein Screening innerhalb von 24 Stunden nach Erstkontakt, gefolgt von einem differenzierten Assessment bei Bedarf. Besonders bei kognitiven Einschränkungen sollte die Selbstauskunft durch beobachtungsbasierte Fremdeinschätzungen ergänzt werden. Gleichzeitig gilt: Akute Schmerzen müssen unmittelbar behandelt werden, unabhängig vom vollständigen Assessment.
Versorgungsbereiche:Die GeriPAIN-Leitlinie richtet sich an alle Settings, in denen geriatrische Patientinnen und Patienten betreut werden:
Anwenderzielgruppen:
Zentrale Themen und Empfehlungen:
Die Leitlinie betont klar den multimodalen Ansatz. Nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Bewegung, Physiotherapie oder Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie wie achtsamkeitsbasierte Verfahren können Schmerzen lindern sowie Funktionalität und mentales Wohlbefinden nachhaltig beeinflussen.
In der medikamentösen Therapie gilt weiterhin „start low, go slow – but go“. Nicht-Opioid-Analgetika wie Paracetamol oder Metamizol können eingesetzt werden, erfordern jedoch eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) sollten aufgrund ihres Nebenwirkungsprofils nur zurückhaltend und möglichst kurzfristig verwendet werden. Insgesamt zeigt sich: Auch scheinbar „milde“ Analgetika sind im Alter nicht automatisch unproblematisch.
Eine zentrale Botschaft der GeriPAIN-Leitlinie ist, dass Opioide bei entsprechender Indikation auch bei geriatrischen Patientinnen und Patienten eingesetzt werden können. Die oft bestehende Zurückhaltung ist nicht grundsätzlich gerechtfertigt, entscheidend sind eine sorgfältige Indikationsstellung, unter strikter Abwägung von Nutzen und Risiken, und ein strukturiertes Therapiemanagement. Zur Orientierung sollte die LONTS-Leitlinie herangezogen werden.3
Wichtig ist eine engmaschige Kontrolle von Wirksamkeit und Nebenwirkungen sowie die Berücksichtigung potenzieller Interaktionen, etwa mit Antidepressiva oder Neuroleptika. In der Praxis sollten bevorzugt retardierte Opioidpräparate eingesetzt werden, um gleichmäßige Wirkspiegel und eine bessere Verträglichkeit zu erreichen. Hinsichtlich der Wirkstoffe gilt Hydromorphon als gut steuerbar mit vergleichsweise günstigem Nebenwirkungsprofil und geringer Interaktionsanfälligkeit, was insbesondere bei multimorbiden Patientinnen und Patienten von Vorteil sein kann. Ältere Patienten benötigen unter Umständen eine niedrigere Dosis als die für Erwachsene empfohlene, um eine ausreichende Analgesie zu erzielen.3–5
Die Leitlinie plädiert für ein differenziertes, aber keineswegs zurückhaltendes Vorgehen. Auch im hohen Alter ist eine effektive Schmerztherapie möglich und Opioide haben darin bei richtiger Anwendung einen festen Platz.
Referenzen: