FOLLOW-UP | Wir haben von euch erfahren, wo Bürokratie euch im Alltag ausbremst und die zuständigen Stellen konfrontiert. Doch die Antworten lassen auf sich warten – oder zu wünschen übrig. Wir meinen: Jetzt erst recht!
Automatische Eingangsbestätigungen. Funkstille. Ein geisterhaft leeres Postfach. Und da, wo Antworten kommen, klingen sie wie aus dem Lehrbuch für folgenlose Kommunikation: viel Verständnis, jede Menge Floskeln, von Inhalt keine Spur. Dabei haben wir konkrete Probleme adressiert, eindrucksvoll illustriert von Beispielen aus eurem Alltag. In euren Beiträgen fanden sich unzählige Situationen, in denen Bürokratie Versorgung aktiv blockiert oder ausbremst. Was wir als Reaktion darauf zurückbekommen haben, sind Sätze wie: „Die Thematik wird bereits geprüft“ und „es bedarf komplexer Abstimmungsprozesse“.
Was man uns (und somit auch euch!) jedoch schuldig bleibt, sind echte Antworten. Keine Stellungnahmen zu den geschilderten Missständen, keine Einordnung konkreter Fälle und – vor allem – keine erkennbare Bereitschaft, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, die tagtäglich in Praxen, Apotheken und Kliniken stattfindet.
Das eigentliche Problem beginnt allerdings bereits, bevor überhaupt jemand antworten kann: Man erreicht niemanden. Zuständigkeiten sind kaum nachvollziehbar, die Verantwortung wird gern schnell weitergereicht. Kontaktmöglichkeiten sind oft gut versteckt oder veraltet. Findet man sie dann, landet man nicht selten bei einem Kommunikationsmittel, das selbst Symbol des Problems ist: Ungelogen fanden wir im Impressum einiger offizieller Stellen lediglich eine Faxnummer.
Während im Versorgungsalltag also jede Verordnung sekundengenau dokumentiert werden will, scheint es auf Systemebene akzeptabel, faktisch nicht erreichbar zu sein. Wer so agiert, entzieht sich nicht nur der Kommunikation, sondern auch der Verantwortung. Das ist frustrierend und ernüchternd – aber vor allem ist es aufschlussreich. Denn dieses Schweigen bestätigt genau das, was viele von euch beschreiben (beispielsweise hier und hier): Ein System, das Anforderungen stellt – aber sich selbst keiner Schuld bewusst ist. Ein System, das Kontrolle ausübt, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Das Ausbleiben von Antworten ist dabei kein Zufall, sondern Teil der Struktur.
Generell fallen uns im Kontakt mit zuständigen Stellen gewisse Muster auf. Das Reaktions- und Antwortverhalten lässt sich grob in drei Kategorien teilen: Verweigerung, vorgeschobene Machtlosigkeit, und Rechtfertigung per Status quo.
Ausgerechnet zu den Themen Prüfpflicht und Retaxen – also Themen, die mehrere User beschäftigen (zum Beispiel hier und hier) – wird eine Stellungnahme verweigert: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu den angesprochenen Themen im Rahmen externer Community‑Initiativen nicht inhaltlich positionieren. Als Institution sind wir gehalten, alle Marktteilnehmer und Kommunikationsformate gleich zu behandeln und können daher nicht auf einzelne Community‑ oder Forenbeiträge mit individuellen Stellungnahmen reagieren“ (Stellungnahme der Apothekerkammer Nordrhein).
Mehrere Stellungnahmen verweisen auf die Bundesebene und behaupten, nichts tun zu können. Auf eure Kritik zum Thema Strahlenschutz erhalten wir die Antwort: „Über den aktuellen Stand der Diskussion kann derzeit nur das Bundesumweltministerium Auskunft geben“ (Stellungnahme Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales zum Thema Strahlenschutz). Dabei werden leider keine brauchbaren Verweise auf Ansprechpersonen inkludiert – das macht es umso schwieriger, die Reaktionen nicht als Verweigerungshaltung à la „nicht meine Baustelle“ zu lesen.
Auf ihrer Website heißt es, die KBV setze sich für Bürokratieabbau ein. Auf konkrete Beispielen aus der Versorgungspraxis (hier und hier) kommt jedoch nur eine generische Erläuterung geltender Zuständigkeiten und (in behördlichem Tempo) laufender Prozesse: „Auf bundesmantelvertraglicher Ebene setzt sich die KBV derzeit in Verhandlungen dafür ein, dass die Antragsformulare für die Psychotherapie deutlich verschlankt und in ein digitales Verfahren überführt werden. Da in diesem Fall zusätzlich eine gesetzliche Regelung erforderlich ist, damit das geplante digitale Antragsverfahren umgesetzt werden kann, hat die KBV sich mit diesem Thema auch an den Gesetzgeber gewandt“ (Stellungnahme KBV zur KV-Abrechnung). Da kommt einem das Sprichwort in den Sinn: Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet 1.000 Gründe.
Wenn Anfragen im Nichts verschwinden, dann kann die Konsequenz nicht sein, leiser zu werden. Sondern lauter. Wir werden weiter nachhaken. Im ersten Schritt sind wir dort, wo es möglich war, auf Länderebene gegangen. Jetzt eskalieren wir nach oben auf Bundesebene. Wir werden öffentlicher. Konkreter. Unbequemer. Wir werden die Widersprüche sichtbar machen – zwischen Anspruch und Realität, zwischen Kontrolle und Verantwortung. Und wir werden weiter fragen: Warum bleibt ein System, das jeden einzelnen Arbeitsschritt überprüft, selbst so konsequent unüberprüfbar?
Diese Kampagne lebt davon, dass viele nicht mehr bereit sind, den Status quo einfach hinzunehmen. Deshalb rufen wir erneut auf: Lasst uns den Druck erhöhen! Teilt eure Erfahrungen, benennt konkrete Fälle.
Wo nimmt dir das System Wind aus den Segeln?
Ob Weiterbildungswahnsinn, Formular-Fehlersuche oder Zank um Zuschüsse: Teile deine Erfahrungen – wir geben dir Rückenwind.
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Macht mit uns sichtbar, wo Prozesse blockieren, wo Zeit verloren geht – und wo Versorgung leidet. Und vor allem: Werdet laut. Denn Veränderung passiert nicht, weil Systeme von sich aus reagieren. Sie passiert, wenn der Druck so groß wird, dass Nicht-Reagieren keine Option mehr ist.
Bildquelle: Alexandra Mirghes, Unsplash