Emelie* ist 42 Jahre alt und empfindet ihr Gewicht schon seit einiger Zeit als belastend. Bereits nach ihren beiden Schwangerschaften fiel es ihr schwer, wieder abzunehmen – trotz zahlreicher Bewegungsprogramme und Diäten blieb der langfristige Erfolg aus. Anfangs verlor sie einige Kilogramm, doch mit der Zeit nahm sie das Gewicht wieder zu. Diese wiederholten Rückschläge frustrieren sie zunehmend und sie wünscht sich Unterstützung dabei, ihr Gewicht nachhaltig zu senken. Daher sucht sie schließlich ein Gesundheitszentrum auf.
Bei ihrem Termin wird Emilie umfangreich untersucht. Dabei zeigt sich, dass ihr Body-Mass-Index mit 33 kg/m2 im Bereich der Adipositas liegt (BMI >30 kg/m2).1 Im Gespräch wird außerdem deutlich, wie stark Emilie emotional unter ihrem Gewicht leidet. Sie beschreibt, dass sie sich für die erneuten Gewichtszunahmen schämt und sie sich von ihrem Umfeld als undiszipliniert wahrgenommen fühlt. Die Ärzt:innen betonen jedoch, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist, die durch ein Zusammenspiel von genetischen und umweltbedingten Faktoren entsteht und kein persönliches Versagen darstellt.1-3
Bei der weiteren Anamnese wird ihr Gewichtsverlauf genauer betrachtet. Ihr wird erklärt, dass der Körper nach einer Gewichtsabnahme häufig biologisch gegensteuert. Diese kompensatorischen Anpassungen können den Energieverbrauch senken, die Fettverbrennung reduzieren und den Appetit steigern, was eine erneute Gewichtszunahme begünstigt.3 Diese Mechanismen erschweren eine dauerhafte Gewichtsstabilisierung für viele Menschen.
Emilie betont außerdem, dass es ihr schwer fällt durch körperliche Bewegung abzunehmen. Tatsächlich führt körperliches Training allein meist auch nur zu einer geringen Gewichtsabnahme (2kg – 3kg).4 Die erlebte Gewichtsstigmatisierung scheint außerdem das psychische Wohlbefinden von Emilie zu belasten und kann zu geringerer körperlicher Aktivität beitragen.4,5 Dennoch bleibt regelmäßige körperliche Aktivität für Emilie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung, da sie das Wohlbefinden fördert und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken kann.1,4
Emilie wirkt erleichtert, als sie erfährt, dass ihre Schwierigkeiten nicht einfach auf mangelnde Disziplin zurückzuführen sind. Sie hat nun ein besseres Verständnis für ihren bisherigen Gewichtsverlauf.
Da Adipositas mit einer Vielzahl an Folge- und Begleiterkrankungen einhergehen kann, fragen die Ärzt:innen Emilie, ob sie aktuell oder in der Vergangenheit andere Beschwerden hatte.1
Emelie berichtet von Schwangerschaftsdiabetes in beiden Schwangerschaften. Ihr wird erklärt, dass dies ihr Risiko für einen späteren Typ‑2‑Diabetes erhöht.6 Darüber hinaus steigert auch Adipositas das Risiko für Typ-2-Diabetes erheblich.1
Die aktuellen Untersuchungen zeigen zudem Blutzuckerwerte im prädiabetischen Bereich (HbA1c-Wert zwischen 39-47 mmol/mol).7 Vor diesem Hintergrund betonen die Ärzt:innen die Bedeutung von Lebensstilinterventionen, wie einer verbesserten Ernährung und erhöhter körperlicher Aktivität.1,4 Diese können nicht nur die Gewichtsreduktion unterstützen, sondern auch das Risiko für Typ‑2‑Diabetes deutlich senken.8,4
Dieses Wissen motiviert Emilie, sich erneut mit ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen. Sie versteht ihre Krankheit besser und ist motiviert, eine umfassende Lebensstilumstellung anzugehen.
Im Gespräch wird deutlich: Emilie leidet nicht nur körperlich, sondern auch psychisch unter ihrer Adipositas. Die wiederholten Gewichtszunahmen nach früheren Abnehmversuchen haben sie zunehmend frustriert. Sie macht sich selbst dafür verantwortlich, was ihr Selbstwertgefühl belastet. Zudem fühlt sie sich aufgrund ihres Gewichts häufig auch von anderen beurteilt.
Die Ärzt:innen ordnen für Emilie ein, dass psychosoziale Belastungen und Stigmatisierung bei Menschen mit Adipositas häufig vorkommen.1,5 Ein besseres Verständnis der Erkrankung und ihrer Ursachen kann dabei helfen, Schuldgefühle abzubauen und die Krankheitsbewältigung zu fördern. Emilie empfindet den Termin als entlastend und fühlt sich ernst genommen.
Sechs Monate nach dem ersten Gespräch kommt Emilie erneut in die Sprechstunde. Sie wurde zwischenzeitlich an eine Ernährungsberaterin überwiesen und hat erste Veränderungen in ihren Alltag integriert. Tatsächlich konnte sie bereits etwas Gewicht reduzieren (Tabelle 1). Die ersten Erfolge verbessern ihr Wohlbefinden bereits deutlich. Dennoch äußert sie die Sorge, diesen Fortschritt wie bei früheren Abnehmversuchen langfristig nicht halten zu können.
Neben Lebensstilmaßnahmen wird daher auch eine medikamentöse Therapie als mögliche Ergänzung thematisiert, wenn Lebensstilinterventionen allein nicht ausreichen. Je nach Wirkstoff können die Medikamente auf unterschiedliche Mechanismen wie Hungergefühl, Sättigung oder Energieaufnahme wirken.9 Um ihre Fortschritte besser zu halten, interessiert sich Emilie für den Einsatz einer medikamentösen Therapie.
Tabelle 1 Klinische Basisparameter und Laborwerte von Emilie bei Erstvorstellung (in Klammern) und nach sechs Monaten (ohne Klammern).
Der Fall von Emilie zeigt, wie belastend wiederholte Gewichtszunahmen und soziale Stigmatisierung für Betroffene sein können. Gleichzeitig verdeutlicht er, wie wichtig ein patientenzentrierter Umgang sowie die Berücksichtigung der Patientengeschichte ist. Wissen über biologische Anpassungsmechanismen, genetische Einflüsse und gesundheitliche Risiken kann Betroffenen helfen, ihre Situation einzuordnen und Schuldgefühle abzubauen.
Zusammenfassende Kernpunkte des fiktiven Falls:
Referenzen:
* Es handelt sich um einen fiktiven Patientenfall, der einen möglichen Verlauf der Erkrankung und Behandlung veranschaulichen soll. Sowohl die Indikation einer Behandlung als auch der mögliche Verlauf einer Behandlung in der Praxis, einschließlich einer möglichen Gewichtsabnahme, hängen vom Einzelfall ab und können von Patient zu Patient variieren.
Fußnoten:
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