Wenn der Magen-Darm-Trakt nicht in der Lage ist, die notwendige Nährstoffzufuhr zu leisten – sei es, weil er zu kurz, zu unreif, zu entzündet oder fehlgebildet ist – ist für diese Kinder parenterale Ernährung (PE) häufig die einzige Möglichkeit, Wachstum und Entwicklung sicherzustellen. Die häufigsten Indikationen im Überblick.
Chronisches Darmversagen (Intestinal Failure) bezeichnet die Unfähigkeit, aufgrund eingeschränkter resorptiver Kapazität des Darms die Protein-, Energie-, Flüssigkeits- und Mikronährstoffbilanz aufrechtzuerhalten.1 Bei Kindern ist die häufigste Ursache dafür das Kurzdarmsyndrom (KDS), meist sekundär nach ausgedehnter Darmresektion infolge von nekrotisierender Enterokolitis, Volvulus, intestinalen Atresien, Gastroschisis, Omphalozele oder postnataler Ischämie. Frühgeborene sind überproportional häufig betroffen.2,3
Therapieziel ist die intestinale Autonomie ohne PE, die je nach Ausgangslage nach etwa 2–3 Jahren mit PE erreicht werden kann.2,4
Als Frühgeburt gilt eine Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche. Da Lunge, Gehirn und Darm erst in den letzten Fetalstadien ausreifen, sind sehr unreife Frühgeborene (insbesondere VLBW <1.500 g und ELBW <1.000 g) anfällig für Komplikationen wie Atemnotsyndrom, periventrikuläre Hirnblutungen oder Retinopathia praematurorum. Ernährungstherapeutisch besonders relevant ist die NEK: eine entzündliche Darmerkrankung mit Minderperfusion und Infektion, die zu Gewebsuntergang, Perforation und Peritonitis führen kann. Die Mortalität liegt bei 5–10 %, wird die NEK früh erkannt und therapiert, ist die Prognose gut. Therapiert wird mit Nahrungspause, Antibiotika und ggf. operativer Sanierung – in dieser Phase übernimmt die PE die Nährstoffversorgung.5
Ein Volvulus ist eine Verdrehung eines Darmabschnitts um seine mesenteriale Achse, meist bedingt durch eine Malrotation in der vorgeburtlichen Entwicklung. Die Verdrehung schränkt die Blutversorgung ein und kann bis zum Darmgangrän führen; der Verdacht auf einen akuten Volvulus im Kindesalter ist ein kinderchirurgischer Notfall. Wird zu spät operiert, können betroffene Darmabschnitte nicht erhalten werden – mit der Folge eines KDS und entsprechendem PE-Bedarf.6
Bei beiden Fehlbildungen ist die Bauchdecke des Neugeborenen nicht vollständig geschlossen. Bei der Omphalozele sind die nach außen verlagerten Bauchorgane meist von einer intakten Hülle umschlossen und dadurch geschützt; die Schwangerschaft muss in der Regel nicht vorzeitig beendet werden. Bei der Gastroschisis liegen Darmschlingen frei im Fruchtwasser und werden zunehmend geschädigt, was häufig zu einem vorzeitigen Kaiserschnitt führt. Begleitend treten oft Darmatresien auf; klemmt die Gefäßversorgung ab, drohen größere Darmverluste bis zum Kurzdarmsyndrom. In beiden Fällen ist die postoperative PE-Standard, bis der Darm seine Funktion wieder aufnimmt.7
Eine Darmatresie ist ein angeborener, kompletter Verschluss des Darmlumens, am häufigsten im Duodenum oder Rektum. Etwa ein Drittel der betroffenen Kinder sind Frühgeborene oder Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht. Früh operiert, ist die Prognose meist gut; erfolgsentscheidend ist dabei auch die postoperative PE, bis der Darm seine Tätigkeit wieder aufnimmt.8
Auch Motilitätsstörungen können eine PE-Indikation darstellen, etwa die chronische intestinale Pseudoobstruktion (CIPO, bei Kindern: PIPO), bei der eine scheinbare Darmverschließung ohne nachweisbare mechanische Ursache vorliegt,9 sowie Aganglionosen wie Morbus Hirschsprung, bei denen Nervenzellen in der Darmwand fehlen.10
In der pädiatrischen Onkologie ist die PE indiziert, wenn Nährstoffziele oral bzw. enteral nicht erreicht werden können – insbesondere bei höhergradiger Mukositis, einer Schleimhautentzündung des Verdauungstrakts, die im Rahmen von Chemo- oder Strahlentherapie auftritt. Die DGEM-Leitlinie zur klinischen Ernährung in der Onkologie empfiehlt: Bei Mukositis oder gastrointestinaler Graft-versus-Host-Disease kann frühzeitig eine PE erfolgen.11
Die Graft-versus-Host-Disease (GvHD) bezeichnet eine zytotoxische Reaktion implantierter bzw. transfundierter Immunzellen gegen den Wirtsorganismus, vor allem nach Knochenmarktransplantationen oder Transfusionen bei Kindern mit angeborenen Immundefekten. Zu den gastrointestinalen Komplikationen gehören unter anderem Enteritis, Diarrhoe und Ikterus; der Verlauf kann zu Kachexie führen und im Einzelfall tödlich sein. Gerade bei gastrointestinaler Beteiligung ist eine frühzeitige PE eine wichtige supportive Maßnahme zur Sicherung der Nährstoffversorgung.11,12
Chronisches Darmversagen und KDS, Frühgeburtlichkeit mit NEK, Volvulus, Bauchwanddefekte, intestinale Atresien, Motilitätsstörungen sowie onkologische Erkrankungen und GvHD können bei Kindern eine Indikation für parenterale Ernährung darstellen. Gemeinsamer Nenner ist, dass der Magen-Darm-Trakt vorübergehend oder dauerhaft nicht in der Lage ist, den Nährstoffbedarf zu decken. Die PE schließt in diesen Fällen die Lücke – von wenigen Tagen bis zu mehreren Jahren – und ist damit eine zentrale Voraussetzung für Wachstum und Entwicklung dieser Kinder.
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