Bei einer Krebserkrankung kann es bei vielen Patient:innen zu schwerwiegenden Stoffwechselveränderungen kommen, die zu verschiedenen klinisch relevanten Zuständen der Mangelernährung führen können. Insbesondere die Tumorkachexie als Syndrom einer zugrunde liegenden Krebserkrankung kann gravierende Folgen für die Patient:innen haben.
Mangelernährung (Synonym: Unterernährung) bezeichnet einen Zustand, der durch ein Defizit an Energie, Eiweiß und/oder anderen Nährstoffen entsteht. Sie zeigt sich meist durch ungewollten Gewichtsverlust, Kraftverlust und Veränderungen der Körperzusammensetzung. Bei Krebspatient:innen kann sie auch unabhängig vom Tumor auftreten, wird aber durch die Erkrankung häufig verstärkt.
Anorexie meint Appetitverlust und reduzierte Nahrungsaufnahme. Als Folge entzündlicher Prozesse und Therapien bei Krebserkrankten kann häufig eine sekundäre Anorexie auftreten.
Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom, das neben dem ungewollten Gewichtsverlust besonders durch einen Verlust von Muskelmasse und Körperfett bei kataboler Stoffwechselsituation und eine systemische Entzündungsreaktion gekennzeichnet ist. Sie unterscheidet sich von einfacher Mangelernährung durch ihre Komplexität und vor allem in fortgeschrittenen oder sogar refraktären Kachexiestadien [Fearon et al. Lancet Oncol 2011; 12: 489–95], Resistenz gegenüber konventioneller Ernährungstherapie. Bei Krebspatient:innen wird auch erkrankungsspezifisch von Tumorkachexie gesprochen.4
Sarkopenie beschreibt, unabhängig vom Körpergewicht, den ausgeprägten Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft. Oft tritt sie begleitend zur Kachexie auf und ist ein relevanter Risikofaktor für eine schlechtere Prognose.
Der menschliche Organismus ist dazu in der Lage, sich mit hoher Präzision an Nahrungs- und Nährstoffmängel anzupassen. Die hochkomplexe Anpassungsreaktionen soll hier nur in Kürze zusammengefasst werden, um den Hungerstoffwechsel von onkologischen Stoffwechselveränderungen zu unterscheiden.
Während des einfachen Hungerstoffwechsels (z. B. beim Fasten) schaltet der Körper auf einen katabolen Stoffwechsel um und mobilisiert körpereigene Energiereserven, um lebenswichtige Funktionen aufrechtzuerhalten. Dabei verringert sich der Grundumsatz, den Energiebedarf deckt der Körper zunächst aus gespeicherten Kohlenhydraten, Fetten und schließlich Proteinen.5-7
Der Tumorstoffwechsel ist von einer dauerhaften, chronischen Aktivierung des Immunsystems mit proinflammatorischen Mediatoren geprägt, die vom Tumor selbst sezerniert werden (z. B. Interleukine, TNF-a).5,6 Die so getriggerte Entzündungskaskade induziert teils direkt, teils indirekt über ihre Wirkung auf Organe wie Gehirn, Herzmuskulatur oder Darm, Symptome von Kachexie.8-10 Das Resultat ist eine anhaltende katabole Stoffwechsellage:6
Im Gegensatz zum Hungerstoffwechsel sind diese Veränderungen beim Tumor durch Entzündungsprozesse und den Tumor selbst getriggert und nicht adaptiv. Eine klassische "Ersparnis" bzw. Schutz von Muskulatur, wie sie im Hungerstoffwechsel ab einer gewissen Zeit passiert, findet beim Tumorstoffwechsel nicht statt, stattdessen bleibt der Proteinabbau aktiv. Einen komprimierten Überblick über die Unterschiede zwischen Hungerstoffwechsel und dem Tumorstoffwechsel bei Kachexie bietet die nachfolgende Tabelle:5,7
Tabelle 1. Unterschiede zwischen Hungerstoffwechsel und Kachexie (mod. nach Olson, 2022; Bricker, 2012).
Nach den aktuellen -Leitlinien und einem internationalen Konsensuspapier gliedert sich die Kachexie in folgende Stadien: 4,11
Nicht alle Krebspatient:innen sind von Kachexie betroffen oder durchlaufen alle drei Stadien. Derzeit gibt es noch keine einheitlichen objektivierbaren Kriterien wie Biomarker, die Diagnosestellung erfolgt über das klinische Erscheinungsbild.4,11,12
Frühzeitiges Management, schon bei Diagnosestellung, wirkt sich günstig auf die Prognose aus.1 Das „Window of opportunity“ für eine aussichtsreiche Intervention ist dabei eng gesetzt: während der Präkachexie kann einer Progression in eine Kachexie durch passendes Management noch entgegengewirkt werden, bereits kachektische Patient:innen können teils nur symptomatisch behandelt werden und in einer refraktären Kachexie steht nur noch eine palliative Versorgung zur Verfügung.1,7
Bildquelle: KI generiert
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