Übergewicht und Adipositas werden meist als Folge einer langfristigen positiven Energiebilanz betrachtet.1 Eine aktuelle Forschungsrichtung erweitert dieses Bild jedoch um einen bislang wenig beachteten Faktor: den Wasserhaushalt. Neue Erkenntnisse aus der Tierwelt legen nahe, dass Fettgewebe möglicherweise nicht nur als Energiespeicher dient, sondern unter bestimmten Bedingungen auch mit der Anpassung an Wassermangel in Zusammenhang stehen könnte. Die bisherigen Beobachtungen stammen jedoch aus Tierstudien. Ob sich diese Mechanismen auf den Menschen übertragen lassen, muss noch weiter erforscht werden.2-4 Dennoch ergibt sich aus diesen Erkenntnissen die provokante Frage: Kann Wassermangel zur Fettleibigkeit beitragen?
Der Blick in die Tierwelt zeigt, dass Fettgewebe aus evolutionsbiologischer Sicht mehr Aufgaben erfüllen könnte als bisher angenommen. Bei der Oxidation von Lipiden entsteht durch die Mitochondrien sogenanntes „metabolisches Wasser“ (1,1 ml Wasser pro 1 g Fett).2-4 Dabei spielt das Hormon Vasopressin eine wichtige Rolle. Es fördert die Wasserspeicherung, indem es an Mechanismen beteiligt ist, die mit Wasserretention und Fettstoffwechsel verknüpft sind. Diese können bei ihrem Abbau zur Entstehung von metabolischem Wasser beitragen. Eine experimentelle Laborstudie mit Mäusen beschreibt, dass insbesondere Tiere mit eingeschränkter Wasserverfügbarkeit hohe Vasopressinspiegel und einen hohen Fettanteil aufweisen, sodass metabolisches Wasser als zusätzliche Wasserquelle genutzt werden kann.2
Dementsprechend kann ein höherer Körperfettanteil unter Umständen höhere Wasserreserven begünstigen. Männliche Patienten mit Adipositas berichteten nach Dehydration über ein geringeres Durstgefühl als normalgewichtige Personen nach dem gleichen Wasserentzug. Demnach wird angenommen, dass Adipositas Auswirkungen auf Signalwege haben könnte, die Durst und die Freisetzung von Vasopressin regulieren.5
Gerade Fruktose steht in diesem Zusammenhang im Fokus, da Tierstudien darauf hindeuten, dass sie an Stoffwechselreaktionen beteiligt sein könnte, die der Körper als Anpassung an Wassermangel aktiviert. Im Körper kann sie Stoffwechselwege aktivieren, die mit Durst, Vasopressin und Fettaufbau verbunden sind. Besonders Fruchtzucker kann das Durstgefühl aufrechterhalten oder sogar verstärken, sodass der Körper weiterhin Signale von Wassermangel wahrnimmt. Somit kann Fruktose Stoffwechselprozesse anregen und Vasopressin aktivieren, was langfristig auch die Speicherung von Fettreserven begünstigen kann.4
Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von der Fruktose-Überlebenshypothese.6 Diese besagt, dass Fruktose einen evolutionär bedingten Überlebensschalter aktiviert, der den Organismus auf Zeiten knapper Ressourcen vorbereiten soll und mit Hunger, Durst, Gewichtszunahme und Fettansammlung verbunden ist. Ausgelöst wird dieser Mechanismus entweder durch die Aufnahme von Fruktose oder durch die körpereigene Fruktoseproduktion aus Glukose. In einer Umgebung mit reichlich fruktose- und glukosehaltigen Lebensmitteln könnte dieser Mechanismus dauerhaft aktiviert werden und die Entstehung von Adipositas und Stoffwechselstörungen begünstigen.6
Ob eine höhere Wasseraufnahme tatsächlich Übergewicht verhindern kann, ist bislang nicht abschließend geklärt. Experimentelle Zellstudien mit Zellen tierischen Ursprungs zeigen zwar, dass Wassermangel die Fettspeicherung anregen kann, dies bedeutet jedoch nicht im Umkehrschluss, dass eine erhöhte Wasserzufuhr vor Fettspeicherung schützen kann.2
Dennoch unterstreicht die Forschung die Bedeutung eines ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalts, insbesondere durch den Konsum kalorienfreier Getränke wie beispielsweise Wasser oder Getränke mit kalorienfreien Süßstoffen. Es wurde belegt, dass der Ersatz kalorienhaltiger durch kalorienfreie Getränke zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 2 bis 2,5% führen kann.7 Für einen direkten und eindeutigen Effekt von häufigem Wassertrinken auf das Körpergewicht gibt es derzeit jedoch keine eindeutigen Belege.
Trotzdem gelten ausreichendes Trinken und eine Begrenzung stark zuckerhaltiger Getränke weiterhin als wichtige Bestandteile der Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas.1
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