Klinische Studien mit SGLT-2i zeigen beeindruckende Ergebnisse und so gehören einige Vertreter der Substanzklasse heute zur Basistherapie in Indikationen wie Typ-2-Diabetes, chronischer Nierenkrankheit und chronischer Herzinsuffizienz.1,2,3 Was unter kontrollierten Studienbedingungen gilt, erzählt im Versorgungsalltag eine andere Geschichte: Populationsbasierte Daten zeigen, dass viele Patient:innen SGLT-2i nicht so regelmäßig einnehmen, wie verschrieben.4
Die schlechte Nachricht zuerst: Baseline-Merkmale können die zukünftige Adhärenz individueller Patient:innen kaum vorhersagen. In einer großen Kohortenstudie lag die Vorhersagegenauigkeit von Modellen auf Basis demographischer und klinischer Parameter bei nur etwa 35 %.4
Dennoch lassen sich einige Gruppen mit erhöhtem Abbruchrisiko identifizieren:
SGLT-2i wirken über eine gesteigerte renale Glukoseausscheidung – eine Glukosurie, die bei regelmäßiger Einnahme nachweisbar sein sollte.7
In einer retrospektiven Analyse elektronischer Gesundheitsdaten mit insgesamt über 28.000 Urinbestimmungen bei mehr als 21.000 Patient:innen wurde untersucht, ob die Glukosurie in Routine-Urinuntersuchungen als Compliance-Marker geeignet ist. Das Ergebnis: Bei guter Therapieadhärenz zeigten 85-95 % der Patient:innen eine messbare Glukosurie. Eine abwesende Glukosurie hingegen, war ein starkes Signal für mangelnde Einnahme.7
Die Methode ist niedrigschwellig: Ein normaler Urin-Teststreifen, wie er in jeder Hausarztpraxis ohnehin verwendet wird, genügt. Eine wichtige Einschränkung gibt es dennoch: Bei Patient:innen mit fortgeschrittener chronischer Nierenkrankheit (CKD-Stadien G3b und höher) nimmt die Glukosurie-Intensität unabhängig von der Medikamenteneinnahme ab, weil die glomeruläre Filtrationsrate die Glukosemenge im Primärharn begrenzt. In dieser Gruppe ist der Test daher weniger aussagekräftig.7
1. Das Wirkprinzip bildlich erklären: Eine der wirksamsten Interventionen ist eine verständliche, mechanistische Erklärung des Wirkprinzips.8-10 Diese hat einen doppelten Vorteil: Sie schafft ein wahrnehmbares Therapieerleben und legt gleichzeitig die Grundlage dafür, den Urintest als Feedbackinstrument einzuführen.
2. Glukosurie-Check als Gesprächseinstieg nutzen: Anstatt Patient:innen zu fragen „Haben Sie die Tablette wirklich jeden Tag genommen?“ – eine Frage, die sozial erwünschte Antworten provoziert – kann die Abwesenheit einer Glukosurie im Urin als objektiver Ausgangspunkt für ein Gespräch dienen.
3. Urogenitale Infektionen proaktiv ansprechen: Da Genitalinfektionen ein häufiger Abbruchgrund sind11, sollten Ärzt:innen dieses Thema aktiv ansprechen – idealerweise schon bei der Erstverschreibung. Konkret bedeutet das: Patient:innen über das erhöhte Risiko informieren und Hygienemaßnahmen besprechen.
4. Erinnerungshilfen etablieren: Elektronische Erinnerungssysteme, wie zum Beispiel Smartphone-Alarme oder SMS-Reminder, zeigten in mehreren systematischen Reviews einen Nutzen.8,9 Auch der Hinweis, die Tablette an eine bestehende Routine (zum Beispiel Zähneputzen am Morgen) zu koppeln, kann die regelmäßige Einnahme verbessern.
5. Psychische Gesundheit im Blick behalten: Depression oder Angststörungen sind ein unabhängiger Prädiktor für Non-Adherenz.4 Patient:innen, bei denen eine solche Erkrankung bekannt ist, sollten daher ein engeres Monitoring erhalten. Eine konsequente Behandlung psychischer Erkrankungen könnte somit indirekt auch die SGLT-2i-Adhärenz verbessern.
Die Kombination mehrerer Interventionskomponenten zeigt sich dabei konsistent wirksamer als Einzelmaßnahmen.10
Die Evidenz zeigt: Adhärenz ist keine reine Charakterfrage der Patient:innen – sie ist das Ergebnis von Maßnahmen wie Aufklärung, Monitoring und Umgang mit Therapiebarrieren und Nebenwirkungen.
Der Urin-Glukosurie-Check bietet dabei eine einfache, im Praxisalltag bereits vorhandene Möglichkeit, Non-Compliance in vielen Fällen frühzeitig zu identifizieren – ohne zusätzlichen diagnostischen Aufwand. Kombiniert mit einem kurzen, ehrlichen Gespräch über Einnahmebarrieren und ggf. weiteren Maßnahmen kann das eine machbare, evidenzbasierte Strategie für die Routineversorgung sein.