Für viele Menschen steht der Sommer für Urlaub, Freibadbesuche oder Aktivitäten im Freien. Für manche Menschen mit Übergewicht ist diese Jahreszeit jedoch mit Anspannung, Rückzug und Scham verbunden. Öffentliche Freizeitaktivitäten und die stärkere Sichtbarkeit des eigenen Körpers durch leichte Kleidung können gewichtsspezifische Unsicherheiten verstärken.1,2
Als ihre Kolleginnen und Kollegen ein gemeinsames Sommerfest am See planten, begann Anna* innerlich bereits nach einer Ausrede zu suchen. Eigentlich hätte sie gerne teilgenommen. Stattdessen sagte sie, sie habe an diesem Wochenende schon etwas vor. Der Gedanke an Badebekleidung, Blicke anderer Menschen oder mögliche Kommentare über ihren Körper löste Unbehagen aus.
„Im Sommer habe ich das Gefühl, dass mein Gewicht plötzlich überall sichtbar wird“, erzählt sie. „Im Winter kann ich mich eher verstecken. Aber sobald es warm wird, denke ich ständig darüber nach, wie andere mich sehen.“Auch spontane Situationen seien belastend: ein Freibadbesuch mit Freundinnen, ein Urlaub am Strand oder ein Wanderausflug. „Ich überlege oft schon vorher, ob ich mich dort unwohl fühlen werde. Häufig sage ich dann lieber ab.“
Gewichtsbezogene Stigmatisierung beeinflusst die soziale Teilhabe und das Gesundheitsverhalten von Betroffenen.2-4 Besonders deutlich zeigt sich dies im Zusammenhang mit körperlicher Aktivität, Sport und Freizeitaktivitäten.2,4
In einer qualitativen Studie berichten Menschen mit Adipositas, dass sie bestimmte Situationen gezielt vermeiden, um abwertenden Blicken, Kommentaren oder beschämenden Erfahrungen zu entgehen.2 Dazu können unter anderem Schwimmbäder, Fitnessstudios, Sportkurse oder Gruppenaktivitäten im Freien zählen. Viele Betroffene schildern, dass sie dort bereits negative Erfahrungen gemacht haben, etwa durch spöttische Bemerkungen, soziale Ausgrenzung oder das Gefühl, beobachtet und bewertet zu werden.2 Die Interviewstudie beschreibt unterschiedliche Strategien dieser sogenannten „Selbstexklusion“: Teilnehmende berichteten beispielsweise, öffentliche Sportangebote bewusst zu meiden, nur zu bestimmten Tageszeiten trainieren zu gehen oder körperliche Aktivität ausschließlich in als „sicher“ empfundenen Räumen auszuüben, etwa zuhause oder alleine.2 Eine systematische Übersichtsarbeit weist zudem darauf hin, dass insbesondere alltägliche Gewichtsdiskriminierung sowie internalisierte Gewichtsstigmatisierung mit geringerer körperlicher Aktivität assoziiert sind.4 Gewichtsstigma beeinflusst damit nicht nur, wo und mit wem Menschen körperlich aktiv sind, sondern auch, ob Bewegung überhaupt möglich erscheint.
Gerade in den Sommermonaten können diese Mechanismen verstärkt sichtbar werden. Situationen, in denen der eigene Körper stärker öffentlich wahrgenommen wird, etwa im Freibad, am Strand oder bei sportlichen Outdoor-Aktivitäten, werden von vielen Betroffenen als besonders belastend erlebt. Hintergrund hierfür ist unter anderem, dass Körper im Sommer stärker sichtbar werden und soziale Vergleichsprozesse zunehmen.1 Eine Studie zum sogenannten Seasonal Body Image zeigt, dass die Körperunzufriedenheit in den Sommermonaten tendenziell ansteigt.1 Als Gründe werden unter anderem eine erhöhte Körperexposition im öffentlichen Raum, verstärkte soziale Vergleichsprozesse sowie ein erhöhter medialer Fokus auf idealisierte Körperbilder („Beach-Body“-Narrative) diskutiert.1,5 Soziale Medien und Werbung tragen dazu bei, dass der eigene Körper in dieser Zeit häufiger als „optimierungsbedürftig“ wahrgenommen wird.1,5 Besonders stark sind diese Effekte bei Menschen mit höherem Körpergewicht oder ausgeprägterer Körperunzufriedenheit.1
Besonders im Sommer kann es sinnvoll sein, psychosoziale Belastungen aktiv anzusprechen. Offene, niedrigschwellige Fragen helfen dabei, diese Themen behutsam im Gespräch sichtbar zu machen.
Statt pauschaler Empfehlungen kann es sinnvoll sein, gemeinsam niedrigschwellige und individuell passende Möglichkeiten für Bewegung und soziale Teilhabe zu entwickeln. Ziel ist dabei nicht nur die Gewichtsreduktion, sondern auch, Betroffene dabei zu unterstützen, sich wieder sicherer, selbstwirksamer und aktiver im Alltag zu erleben. Bereits kleine Aspekte, etwa eine respektvolle Sprache, realistische Therapieziele und das aktive Ernstnehmen psychosozialer Belastungen, können beeinflussen, ob sich Betroffene unterstützt fühlen.6
Fußnoten:
* Es handelt sich um eine fiktive Person, die stellvertretend für Erfahrungen realer Patientinnen und Patienten steht.
Referenzen: