Adipositas gilt als ein wesentlicher Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und eine erhöhte Gesamtmortalität.1,2 Gleichzeitig zeigen wissenschaftliche Beobachtungen immer wieder ein scheinbar widersprüchliches Bild: Bei älteren Patient:innen ab 65 Jahren scheint in bestimmten klinischen Situationen oder nach operativen Eingriffen, ein höherer Body-Mass-Index (typisch definiert als BMI 25-35 kg/m2) mit besseren Überlebenschancen verbunden zu sein. Dieses Phänomen wird als „Adipositas-Paradoxon“ bezeichnet.3,4 Doch wie lässt sich das erklären?
Im Allgemeinen ist das Altern mit Multimorbidität und Funktionsverlust assoziiert, was postoperative Regeneration in der Regel erschwert. Allerdings könnte ein höherer BMI bei älteren Erwachsenen protektiv auf die Gesamtmortalität wirken.3
Insbesondere im höheren Lebensalter zeigt sich, dass Menschen mit leicht erhöhtem BMI, also im Bereich von Übergewicht oder milder Adipositas, nach medizinischen Eingriffen teilweise stabilere Verläufe aufweisen als normal- oder untergewichtige Personen. Demgegenüber ist ein niedriger BMI bei älteren Betroffenen häufig mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen bei Eingriffen, verzögerte Heilungsprozesse und eine gesteigerte Sterblichkeit verbunden.3,4
Dieses Muster widerspricht auf den ersten Blick der bekannten Rolle von Übergewicht als gesundheitlicher Risikofaktor und legt nahe, dass Körpergewicht im klinischen Kontext differenzierter betrachtet werden sollte.3,4
Ein zentraler Ansatz zur Erklärung dieses Phänomens ist die größere metabolische Reserve bei höherem BMI. In Belastungssituationen wie Operationen oder akuten Erkrankungen steigt der Energiebedarf des Körpers deutlich an. Personen mit höheren Fett- und Muskelreserven können auf diese Energiereserven zurückgreifen und so katabole Stresssituationen möglicherweise besser kompensieren.3
Darüber hinaus spielt die Muskelmasse eine entscheidende Rolle. Ein höherer BMI ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit einem ungünstigen Gesundheitszustand, sondern kann auch mit einem größeren Anteil an Muskelmasse einhergehen. Diese trägt wesentlich zur Funktionsfähigkeit und Mobilität von älteren Betroffenen bei.5
Auch der Ernährungszustand ist von Bedeutung. Hohes Alter geht häufig mit Mangelernährung einher, die wiederum die Wundheilung, die Immunabwehr und den Allgemeinzustand beeinträchtigen kann.6 In diesem Kontext wird diskutiert, ob ein moderates Mehr an Körpergewicht im Sinne von ausreichend Muskelreserven und einem guten Ernährungszustand einen gewissen Schutz darstellen könnte.4
Ein weiterer möglicher Aspekt ist, dass ungewollter Gewichtsverlust auch auf eine bereits bestehende Grunderkrankungen zurückzuführen sein kann. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, dass normalgewichtige oder untergewichtige Personen eine höhere Gesamtmortalität haben, obwohl andere Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.3
Trotz dieser Beobachtungen darf das Adipositas-Paradoxon nicht missverstanden werden. Für die Allgemeinbevölkerung bleibt Adipositas ein klarer Risikofaktor für zahlreiche chronische Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten.
Zudem ist der BMI als alleinige Maßzahl nur eingeschränkt dafür geeignet, die gesundheitliche Situation eines einzelnen Menschen zu beurteilen. Er gibt weder Auskunft über die Verteilung des Körperfetts noch über den Anteil an Muskelmasse. Gerade viszerales Fett gilt weiterhin als besonders ungünstig für den Stoffwechsel.3,7
Das Adipositas-Paradoxon zeigt, dass Körpergewicht nicht isoliert bewertet werden sollte. Gerade bei älteren Patient:innen sind funktionelle Reserven, Muskelmasse und Ernährungszustand entscheidend. Ein leicht erhöhter BMI kann in Belastungssituationen Vorteile bieten, etwa durch größere Energiereserven. Dennoch bleibt Adipositas ein zentraler Risikofaktor für viele chronische Erkrankungen. Ziel ist daher weniger ein bestimmter BMI als vielmehr eine stabile körperliche Verfassung durch ausgewogene Ernährung, Bewegung und den Erhalt von Muskelmasse. Damit wird deutlich, dass pauschale Aussagen über “gesundes” oder “ungesundes” Gewicht zu kurz greifen, denn entscheidend ist letztlich das Zusammenspiel von Körperzusammensetzung und individueller Belastbarkeit.3,4
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