Wenn über Adipositas gesprochen wird, richtet sich der Blick oft zuerst auf die Zahl auf der Waage. Doch für Dr. Julia Janssen, Hausärztin und Internistin aus Regensburg, greift dieser Ansatz zu kurz.
„Zwei Menschen mit dem gleichen Körpergewicht können völlig unterschiedliche Körperzusammensetzungen haben“, erklärt sie. „Entscheidend ist nicht allein das Gewicht, sondern was dahintersteckt – nämlich der Anteil von Fett- und Muskelmasse.“
In ihrer Praxis arbeitet Dr. Janssen mit Bioimpedanzmessungen, um die Körperzusammensetzung ihrer Patient:innen zu analysieren. Diese Methode zeigt nicht nur, wie viel Fettgewebe vorhanden ist, sondern auch, wo es sich im Körper befindet. Besonders das viszerale Fett, also das Fett im Bauchraum, gilt als gesundheitlich kritisch, da es chronische Entzündungsprozesse fördert und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.1
Es gibt außerdem die sogenannte „fettfreie Masse“ oder Lean Body Mass im Körper. Dieser Begriff umfasst alles Körpergewebe ohne Fett – also Muskeln, Organe, Sehnen und Wasser. Von all diesen Komponenten ist die Muskulatur die Einzige, die aktiv beeinflusst werden kann. „Sie ist unser Motor“, erklärt Janssen. „Wer Muskeln aufbaut, erhöht seinen Energieverbrauch – selbst in Ruhe.“
Ein zentrales Thema in der Adipositastherapie ist für Dr. Janssen daher der Aufbau von Muskulatur. „Viele glauben, sie müssten einfach nur mehr Kardiotraining machen, um Fett zu verlieren. Dabei ist Krafttraining der entscheidende Faktor.“ Muskelgewebe sei ein aktives Stoffwechselorgan, das den Grundumsatz steuere und langfristig beim Abnehmen helfe.
Die Ärztin empfiehlt ihren Patient:innen mindestens zweimal pro Woche Krafttraining zu absolvieren, ergänzt durch moderate Ausdaueraktivität. „Krafttraining hilft nicht nur, Fett zu verbrennen, sondern schützt auch davor, während einer Diät Muskelmasse zu verlieren. Das ist entscheidend für den langfristigen Erfolg.“
Dazu empfiehlt sie eine proteinreiche, ballaststoffbetonte Kost mit 1,6 bis 2,2 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Idealgewicht. Proteine unterstützen den Muskelerhalt, fördern die Sättigung und stabilisieren den Blutzuckerspiegel. „Von Verboten halte ich nicht viel“, sagt sie. „Wichtiger ist eine realistische, alltagstaugliche Ernährungsweise. Auch mal ein Stück Schokolade ist erlaubt – entscheidend ist die Balance.“
Dabei schützt Muskeltraining nicht nur vor Gewichtszunahme, sondern auch vor dem metabolischen Syndrom, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Menschen mit mehr Muskelmasse haben eine höhere Insulinsensitivität, eine bessere Fettstoffwechselrate und weniger viszerales Fett.
„Wer regelmäßig Krafttraining betreibt, kann seine Gefäßelastizität verbessern, den Blutdruck senken und die Sauerstoffaufnahme im Gewebe steigern“, so Janssen.
In ihrer Praxis begleitet Dr. Janssen außerdem zahlreiche Patient:innen, die medikamentös behandelt werden. Die Medikamente können helfen, das Hungergefühl zu reduzieren und erleichtern so die Kalorienreduktion. Doch die Ärztin warnt: „Wer unter Medikamenten schnell Gewicht verliert, verliert nicht nur Fett, sondern auch Muskulatur. Ohne Krafttraining und ausreichende Proteinzufuhr kann das zu einem verringerten Grundumsatz und zum Jo-Jo-Effekt führen.“
Darum verschreibt sie diese Präparate nur, wenn die Betroffenen bereit sind, ihren Lebensstil aktiv zu verändern, inklusive Ernährungsumstellung und Bewegung. „Die Medikamente sind kein Wundermittel“, betont sie. „Sie können helfen, idealerweise im Zusammenspiel mit Training und einer eiweißreichen Ernährung.“
Neben Medizin und Bewegung spielt auch die psychologische Dimension eine Rolle. Viele stark übergewichtige Menschen seien über Jahre sozial isoliert, sagt die Ärztin. „Das sind oft sehr emotionale Geschichten. Wenn man sieht, wie diese Menschen durch Gewichtsverlust wieder am Leben teilnehmen, ist das unglaublich berührend.“
Sie arbeitet deshalb eng mit Ernährungsberater:innen und Fitnessstudios zusammen, die sich auf die Begleitung von Adipositas-Patient:innen spezialisiert haben. „Ein empathisches Umfeld ist entscheidend“, sagt sie. „Viele trauen sich gar nicht ins Fitnessstudio, weil sie denken, dort seien nur schlanke Menschen willkommen.“
Abschließend betont Dr. Janssen:
„Adipositas ist keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine chronische Erkrankung. Wir müssen aufhören, Betroffene zu stigmatisieren, und ihnen stattdessen echte therapeutische Unterstützung bieten.“
Ihr Wunsch: mehr Aufklärung, mehr Empathie und ein stärkeres Bewusstsein für die Rolle der Muskulatur in der Gesundheit, denn nachhaltige Gewichtsreduktion bedeutet mehr als nur Kilos verlieren.
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