Adipositas im Kindesalter ist längst kein Randthema mehr – und dennoch wird sie häufig noch immer verharmlost. Prof. Dr. Andreas Jenke, Kinderarzt mit langjähriger Erfahrung in der Betreuung adipöser Kinder und Jugendlicher, fordert ein Umdenken: medizinisch, gesellschaftlich und politisch. Im Gespräch mit ihm wird deutlich, warum frühe Intervention entscheidend ist – und weshalb er die medikamentöse Therapie nicht als Tabu, sondern als notwendige Option betrachtet.
Dreimal pro Woche betreut Prof. Jenke in seiner Sprechstunde Kinder und Jugendliche mit teils schwerem Übergewicht. Hinzu kommen Patient:innen aus spezialisierten Programmen. Doch was er sieht, sei nur „die Spitze des Eisbergs“.
Lange Zeit sei Adipositas im Kindesalter nicht mit der gleichen Dringlichkeit betrachtet worden wie andere chronische Erkrankungen, sagt Jenke. Adipositas sei eine chronische Erkrankung – und müsse daher entsprechend ernst genommen und behandelt werden.
Besonders alarmierend: Die Weichen werden früh gestellt. Zwischen dem zweiten und dem 16. Lebensjahr werde die Anzahl der Fettzellen im Körper festgelegt1,2, so Jenke. Sei diese Zahl einmal erhöht, bleibe sie bestehen und die Zellen behalten ein epigenetisches Gedächtnis der Fett Akquisition – selbst nach invasiven Eingriffen.3 Spätere Diäten verkleinern Fettzellen lediglich – sie verschwinden nicht.3 Das erschwert langfristige Gewichtsreduktion erheblich.
„Wenn wir erst mit 14 oder 15 anfangen, ist es oft deutlich schwieriger. Wir müssen viel früher eingreifen.“
Die Zahlen seien eindeutig, betont Prof. Jenke: Ein Großteil der Kinder mit Adipositas bleibe auch im Erwachsenenalter schwer übergewichtig.4 Damit steige das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und schwere Lebererkrankungen deutlich an.
Doch nicht nur körperliche Folgen spielen eine Rolle. Chronische Entzündungsprozesse im Fettgewebe könnten auch psychische Auswirkungen haben.5 Depressionen und Essstörungen könnten die Problematik zusätzlich verstärken – eine Spirale, die schwer zu durchbrechen ist.
Hinzu komme die gesellschaftliche Stigmatisierung. „Babyspeck“ werde lange verniedlicht, berichtet Jenke. Später folge dann oft Ausgrenzung, etwa im Sportunterricht.
„Das Kind versteht nicht, warum es mit zwölf plötzlich gehänselt wird, wenn ihm vorher immer gesagt wurde, das sei doch nur niedlich.“
Viele Eltern kämen erst mit ihren Teenagern in die Sprechstunde – häufig sei es dann bereits sehr spät. Denn die Weichen würden oft schon im frühen Kindesalter gelegt. Kleine Kinder seien vollständig vom familiären Umfeld abhängig: Ernährung, Bewegungsverhalten und der Umgang mit Essen als Trost oder Belohnung würden dort geprägt.
Ein zentrales Problem sieht Jenke in der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von stark zuckerhaltigen Lebensmitteln. Zucker sei evolutionär als wertvolle Energiequelle verankert – heute jedoch im Übermaß verfügbar. Hinzu kommen Missverständnisse: Auch vermeintlich „gesunde“ Produkte wie Smoothies oder stark fruchthaltige Snacks können hohe Zuckermengen enthalten.
Neben Aufklärung über Ernährung fordert Jenke mehr Bewegung im Alltag – etwa durch zusätzliche Sportstunden in der Schule. „Wir sind bewegende Organismen. Ohne Bewegung können wir auch nicht gut denken.“
Gleichzeitig warnt er vor Schuldzuweisungen. Familien bräuchten Unterstützung, gerade in sozial benachteiligten Strukturen. Regelmäßige Gewichtskontrollen und frühzeitiges Feedback durch Kinderärzt:innen seien essenziell.
Die wohl kontroverseste Frage: Sollte Adipositas im Kindesalter neben einer Therapie durch Lebensstilintervention auch medikamentös behandelt werden Für Prof. Jenke ist die Antwort klar:
„Ich halte es für eine Pflicht.“
Er sieht in der medikamentösen Therapie – eingebettet in ein strukturiertes Programm mit Bewegung und Ernährungsberatung – eine echte Chance. Wichtig sei jedoch, dass sie niemals isoliert eingesetzt werde. Sie müsse Teil eines Gesamtkonzepts sein, das Verhaltensänderungen begleitet und unterstützt.
Aktuell ist eine solche Therapie erst ab einem bestimmten Alter zugelassen. Jenke würde sich wünschen, früher intervenieren zu können, um die Entstehung zusätzlicher Fettzellen zu begrenzen.
Er betont, dass er die Therapie verantwortungsvoll und selektiv einsetzt – nicht bei leichtem Übergewicht, sondern bei Jugendlichen ab 12 Jahren mit diagnostizierter Adipositas in Ergänzung zur Lebensstilintervention. Seine bisherigen Erfahrungen mit Jugendlichen seien positiv, relevante Nebenwirkungen habe er bislang nicht beobachtet.
Warum also die Zurückhaltung? „Eltern wollen ihren Kindern keine Medikamente geben“, erklärt er. Dieses Muster ziehe sich durch viele Bereiche der Pädiatrie – selbst wenn eine frühe Behandlung langfristige Schäden verhindern könne.
Neben individueller Therapie sieht Jenke dringenden Handlungsbedarf auf gesellschaftlicher Ebene. Er plädiert für:
Er verweist darauf, dass enorme Summen für die Behandlung von Folgeerkrankungen ausgegeben werden, während präventive Maßnahmen häufig aus Kostengründen blockiert würden.
„Wir haben jetzt endlich ein Werkzeug“, sagt er mit Blick auf neue Therapieoptionen. „Wir müssen jetzt nur noch den Mut haben, es verantwortungsvoll einzusetzen.“
Der Vergleich mit dem Nichtraucherschutz dränge sich auf: Auch hier habe es Jahrzehnte gedauert, bis ein gesellschaftliches Umdenken stattfand. Heute sind Warnhinweise selbstverständlich, Rauchen im Flugzeug unvorstellbar.
Ähnlich wünscht sich Jenke eine neue Haltung im Umgang mit kindlicher Adipositas – ohne Stigmatisierung, aber mit Klarheit.
„Wir müssen endlich anfangen, unsere Kinder zu retten.“
Sein Appell ist deutlich: Adipositas im Kindesalter ist keine Frage von Disziplin oder Moral, sondern eine ernstzunehmende chronische Erkrankung. Je früher Gesellschaft, Politik und Medizin gemeinsam handeln, desto größer sind die Chancen, langfristige gesundheitliche Schäden zu verhindern.
Die Mittel seien da. Jetzt brauche es den Willen, sagt Jenke.
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