Eine Diagnose, die einst das Lebensende bedeutete, gehört heute für viele zum Alltag: Moderne Therapiekonzepte haben die Prognose zahlreicher Tumorentitäten grundlegend verändert und Krebs in vielen Fällen von einer unheilbaren Krankheit zu einer chronischen Erkrankung gewandelt. Wie sehr die Erkrankung Teil des Lebens bleibt, zeigt sich daran, dass sich noch rund ein Drittel der Krebsüberlebenden fünf bis sechzehn Jahre nach der Diagnose weiterhin als „Krebspatient“ bezeichnet.1 Diese Chronifizierung verschiebt auch das psychische Belastungsprofil und macht die psychoonkologische Mitbetreuung zu einer Daueraufgabe der onkologischen Versorgung.
Psychische Komorbidität ist in der Onkologie generell häufig: In einer deutschen epidemiologischen Studie erfüllte fast ein Drittel der Krebspatienten (31,8 %) die Kriterien einer psychischen Störung innerhalb der letzten vier Wochen, am häufigsten Angststörungen (11,5 %), Anpassungsstörungen (11,1 %) und affektive Störungen (6,5 %). Die höchsten Prävalenzen fanden sich beim Mammakarzinom (41,6 %) und bei Kopf-Hals-Tumoren (40,8 %).2
Bei langen Verläufen treten spezifische Belastungen in den Vordergrund. Leitsymptom ist die Progredienzangst: die Angst vor Fortschreiten oder Wiederkehr der Erkrankung, die sich typischerweise vor Staging-Terminen zuspitzt. Krankheitsbezogene Ängste erreichen bei mehr als 20 % der chronisch Erkrankten ein klinisch relevantes Ausmaß, bleiben unbehandelt über die Zeit stabil und gehen mit deutlichen Einbußen der Lebensqualität einher.3 Hinzu kommen kumulative Nebenwirkungen der Dauertherapie, Fatigue sowie Rollenveränderungen in Familie und Beruf.4
Die 2023 aktualisierte S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatient:innen“ versteht sich als Querschnittsleitlinie für alle malignen Erkrankungen über den gesamten Krankheitsverlauf. Sie empfiehlt ein systematisches Screening der psychosozialen Belastung, das sogenannte Distress-Screening, mit validierten Instrumenten, etwa dem Distress-Thermometer oder der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS), und zwar nicht nur bei Diagnosestellung, sondern wiederholt im Verlauf.4
Gerade bei chronifizierten Erkrankungen ist dieser Punkt zentral: Der Unterstützungsbedarf verändert sich über die Zeit, und Belastungsspitzen treten oft erst Monate oder Jahre nach der Diagnose auf, etwa bei Therapieumstellungen, Progress oder dem Übergang in eine palliative Situation.4 Viele Patienten sprechen psychische Probleme zudem nicht von sich aus an. Ein niedrigschwelliges, routinemäßiges Screening entlastet beide Seiten und objektiviert die Indikationsstellung.
Für psychoonkologische Interventionen liegt inzwischen belastbare Evidenz vor, auch spezifisch für die fortgeschrittene, chronische Situation. Ein Beispiel ist die CALM-Therapie (Managing Cancer and Living Meaningfully), eine kurze, manualisierte psychotherapeutische Intervention für Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung. In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 305 Teilnehmenden reduzierte CALM depressive Symptome gegenüber der Standardversorgung signifikant nach drei und sechs Monaten und verbesserte die Auseinandersetzung mit dem Lebensende.5 Die S3-Leitlinie widmet den psychoonkologischen Interventionen in der Palliativphase erstmals ein eigenes Kapitel.⁴
Bei langen Verläufen nicht heilbarer Erkrankungen verschwimmt die Grenze zwischen kurativer Phase und Palliativsituation. Die S3-Leitlinie „Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung“ empfiehlt, Palliativversorgung frühzeitig und parallel zur tumorspezifischen Therapie zu integrieren.6 Eine Studie von Temel et al. zeigte beim metastasierten NSCLC, dass eine frühe palliativmedizinische Mitbetreuung Lebensqualität und Stimmung verbesserte: Depressive Symptome traten seltener auf (16 vs. 38 %), und das mediane Überleben war in der Interventionsgruppe länger (11,6 vs. 8,9 Monate).⁷
Für das Gespräch mit Patienten ist dabei die Entkopplung von "palliativ" und "terminal" entscheidend. Viele Betroffene leben Monate oder Jahre in einer palliativen Situation. Wer den Begriff früh, sachlich und positiv besetzt einführt, senkt die Schwelle für die Inanspruchnahme unterstützender Angebote erheblich.
Für die Umsetzung im Versorgungsalltag stehen mehrere Strukturen zur Verfügung:
Verständliche Informationen für Betroffene bietet das Patientenportal Das K Wort. Einen Überblick, was Psychoonkologie im Alltag leistet und wie sich Ansprechpersonen finden lassen, gibt es hier. Eine patientengerechte Einordnung der palliativen Situation bei langen Verläufen ist hier zu finden.
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