Die Mehrheit onkologischer Neuerkrankungen betrifft heute Patient:innen im höheren Lebensalter.1 „Alt“ ist dabei keine medizinische Kategorie, sondern umfasst sehr unterschiedliche funktionelle, kognitive und soziale Ausgangslagen.1,2 Für die Therapieplanung bedeutet das: Das Geburtsdatum allein ist kein geeigneter Entscheidungsparameter.1 Aber was dann?
Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit unterscheiden sich im höheren Lebensalter stärker als in jüngeren Lebensphasen.2 Einige Patient:innen weisen bereits früh erhebliche Einschränkungen auf, während andere auch jenseits des 80. Lebensjahr belastbar und selbstständig bleiben. Entscheidend ist daher das biologische Alter, also der funktionelle Status der Patient:innen. Multidimensionale geriatrische Assessments können hier wertvolle Orientierung bieten und helfen, Therapieentscheidungen zu individualisieren.2
Das biologische Alter lässt sich nicht an einem einzelnen Parameter festmachen, sondern ergibt sich aus der Gesamtbetrachtung verschiedener patientenbezogener Faktoren. Zu berücksichtigen sind unter anderem:
Eine pauschale Therapiestrategie nach dem Prinzip „one size fits all“ gibt es in der Onkologie – insbesondere im höheren Lebensalter – nicht. Therapieentscheidungen müssen individuell getroffen werden und berücksichtigen neben Tumorbiologie und Krankheitsstadium auch funktionellen Status, Komorbiditäten und persönliche Präferenzen.1 Die Abschätzung, inwieweit ältere oder vulnerable Patient:innen tatsächlich von einer Therapie profitieren, kann herausfordernd sein, da diese Gruppen in Zulassungsstudien häufig unterrepräsentiert sind.1,2 Real-World-Daten liefern hier wertvolle Evidenz, um Wirksamkeit, Sicherheit und Alltagstauglichkeit in der Praxis abzubilden. Die LEMONADE-Analyse beim fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom unterstreicht exemplarisch, wie wichtig eine sorgfältige Patient:innenselektion ist: Viele Platin-ungeeignete Patient:innen erhielten entweder keine systemische Therapie (Untertherapie) oder mussten frühzeitig eine reduzierte Platintherapie abbrechen (Übertherapie).4
Neben der Frage, welche Patient:innen von einer Therapie profitieren, ist es auch entscheidend, in welcher Therapiesequenz sie eingesetzt wird. Bei manchen Tumorentitäten, wie dem diffus großzelligen B-Zell-Lymphom (DLBCL), kann dabei die Erstlinientherapie die größte – und oft einzige – Chance auf Heilung oder langfristige Krankheitskontrolle darstellen.5 Gelingt in dieser Phase keine stabile Remission, stehen bestimmte Therapien für vulnerable Patient:innen in späteren Linien häufig nicht mehr zur Verfügung.
Wenn alle Therapien mit Aussicht auf Heilung ausgeschöpft sind, für die Patient:innen zu belastend sind oder nicht gewünscht werden, richtet sich der Fokus der Behandlung stärker auf die Erhaltung von Lebensqualität und Symptomkontrolle.1 Solche Entscheidungen erfordern eine offene Kommunikation und eine klare Zielklärung zwischen Patient:in und Ärzt:in.1 Zentrale Fragen sind dabei:1
In manchen Situationen ist es medizinisch und ethisch vertretbar, nicht alle Therapieoptionen auszuschöpfen, sondern sich auf symptomlindernde oder weniger belastende Strategien zu beschränken.1,2,6 So kann bei bestimmten Tumorentitäten auch ein abwartendes Vorgehen die sinnvollste Option sein, beispielsweise bei einem sehr früh erkannten, kleinen Prostatakarzinom.1,2
Darüber hinaus sollten auch Alltagsaspekte in die Therapieentscheidung einbezogen werden: Dazu zählen etwa Dauer und Frequenz von Therapie-Sitzungen, lange Anfahrtswege, oder die Frage, ob Patient:innen während und nach der Behandlung ausreichend unterstützt sind.1 Wenn Betroffene beispielsweise nicht selbstständig zur Toilette gehen können oder auf kontinuierliche Hilfe angewiesen sind, kann dies die Belastung einer ansonsten gut wirksamen Therapie erheblich erhöhen. In solchen Fällen kann auch die Darreichungsform einer Therapie einen Unterschied machen: Subkutane Applikationen im Vergleich zu intervenösen Darreichungsformen können beispielsweise kürzere Behandlungszeiten ermöglichen und somit die Behandlung erleichtern.7
Eine bewusste Reduktion oder der Verzicht auf Therapie ist also nicht grundsätzlich ein Zeichen von Unterversorgung, sondern kann medizinisch sinnvoll sein. Im Gegenteil: Maßnahmen, die den Sterbeprozess lediglich hinauszögern oder Patient:innen zusätzlich belasten, sollten unterlassen werden. Andernfalls besteht die Gefahr einer Überversorgung („overuse“, aggressive Behandlung am Lebensende), bei der der potenzielle Schaden den erwartbaren Nutzen überwiegt.6
Gleichzeitig gilt: Krebstherapie kennt keine Altersgrenze. Entscheidend ist eine individuelle Abwägung, die medizinische Machbarkeit, Alltagstauglichkeit und die Präferenzen der Patient:innen berücksichtigt.1
Bei älteren Patient:innen endet die onkologische Betreuung nicht mit Abschluss der Tumortherapie. Längere Rekonvaleszenzzeiten, funktioneller Abbau nach stationären Aufenthalten, Infektanfälligkeit oder Mangelernährung können den Therapieerfolg nachhaltig beeinflussen.1,2
Frühzeitige unterstützende Maßnahmen, wie Ernährungsberatung, Physiotherapie, soziale Unterstützung oder rehabilitative Angebote, können in die Therapieplanung einbezogen werden, um Komplikationen vorzubeugen.1
Ältere und multimorbide Patient:innen sind in klinischen Studien weiterhin unterrepräsentiert, was evidenzbasierte Entscheidungen erschwert.1,2 Gleichzeitig gewinnen ethische Fragen an Bedeutung: Wer entscheidet bei eingeschränkter Entscheidungsfähigkeit? Wie wird Nutzen gegen Belastung abgewogen?
Im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs setzt das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt jetzt ein klares Signal: Die neue Förderrichtlinie „Alter und Krebs“ soll die Versorgung älterer Patient:innen verbessern. Ziel ist es, Strategien für Prävention, Diagnostik und Therapie zu entwickeln, um die Lebensqualität und Lebensspanne älterer Patient:innen zu optimieren.8
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M-DE-00029823