Lange Zeit wurde Menschen mit einer Krebserkrankung überwiegend Schonung empfohlen.1 Inzwischen zeigt eine wachsende Zahl an Studien, dass körperliche Aktivität für viele Patient:innen zahlreiche positive Effekte hat.1,2 Bewegung kann Nebenwirkungen von Krebstherapien reduzieren, die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern und das psychische Wohlbefinden stärken.3,4 Damit wird körperliche Aktivität zunehmend als wichtiger Bestandteil der onkologischen Versorgung verstanden.
Regelmäßige Bewegung kann bei onkologischen Patient:innen verschiedene körperliche Funktionen positiv beeinflussen (Abbildung 1).3,4 Dazu gehören unter anderem eine verbesserte Herz-Kreislauf-Funktion, eine gesteigerte Muskelkraft und Beweglichkeit sowie eine bessere Sauerstoffversorgung des Körpers.3-5 Ein besonders gut untersuchter Effekt betrifft die tumorassoziierte Fatigue, die zu den häufigsten und belastendsten Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung zählt.6 Studien zeigen, dass körperliche Aktivität eine der wirksamsten nicht-medikamentösen Maßnahmen zur Reduktion dieser Erschöpfung sein kann.2
Neben den körperlichen Effekten spielt auch die psychische Komponente eine wichtige Rolle. Bewegung kann Stress reduzieren, die Stimmung verbessern und Symptome von Angst oder Depressionen lindern.4 Darüber hinaus kann körperliche Aktivität dazu beitragen, das Vertrauen in den eigenen Körper zu stärken und soziale Isolation zu vermeiden.3,5
Abb. 1: Einfluss von Bewegung, körperlicher Aktivität und Sport auf die körperliche und seelische Gesundheit. Nach 4 und 7.
Bewegung kann Krebspatient:innen nicht nur dabei unterstützen, sich während der Therapie körperlich und psychisch stabiler zu fühlen: Auch im Hinblick auf die langfristige Prognose gibt es Hinweise auf positive Effekte. So zeigte sich beispielsweise, dass körperlich aktive Brustkrebsüberlebende ein deutlich geringeres Sterberisiko aufweisen können.3 Ähnliche Beobachtungen wurden auch bei Darm- und Prostatakrebs beschrieben.3 Die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden unter anderem eine verbesserte Durchblutung, positive Effekte auf das Immunsystem sowie Veränderungen hormoneller und metabolischer Faktoren.3
Die Empfehlungen zur körperlichen Aktivität orientieren sich häufig an allgemeinen Bewegungsempfehlungen für Erwachsene, werden jedoch an den individuellen Gesundheitszustand angepasst.8,5 Die Deutsche Krebshilfe empfiehlt mindestens zwei- bis dreimal wöchentlich 30 Minuten moderate Bewegung. Alternativ kann dieselbe Zeit auf fünf bis sechs kürzere Einheiten aufgeteilt werden.9 Ergänzend wird meist ein moderates Krafttraining empfohlen, etwa zwei Einheiten pro Woche, um Muskelmasse und funktionelle Leistungsfähigkeit zu erhalten oder wieder aufzubauen.2,3 Ein ausgewogenes Bewegungsprogramm kann verschiedene Trainingsformen kombinieren.3
Zur Optimierung der Trainingsplanung können auch MET-Einheiten (metabolic equivalent of task) genutzt werden, die den Energieverbrauch unterschiedlicher Aktivitäten vergleichbar machen.10 So können Patient:innen Schritt für Schritt das empfohlene Wochenpensum von 18–25 MET erreichen.3
Sport und Bewegung sind jedoch nicht in jeder Situation uneingeschränkt möglich. Nach Operationen, bei akuten Infektionen, ausgeprägter Anämie oder bestimmten Komplikationen kann eine Anpassung oder vorübergehende Einschränkung notwendig sein.2,5 Bei Knochenmetastasen ist besondere Vorsicht geboten, um Frakturen zu vermeiden.2 Vor diesem Hintergrund ist eine individuelle Trainingsplanung entscheidend, die Tumorart, Therapiephase, Begleiterkrankungen, allgemeine Gesundheit und bisherige Aktivität berücksichtigt.5
Dabei helfen praxisnahe Werkzeuge wie die Borg-Skala: Die Skala reicht von „überhaupt keine Anstrengung“ (Borg 6) bis „größtmögliche Anstrengung“ (Borg 20).11 Sie ermöglicht Patient:innen, das subjektive Belastungsempfinden während der körperlichen Aktivität einzuschätzen. Werte um Borg 13 („etwas anstrengend“) markieren die Grenze zwischen gut tolerierbarer Belastung und Überlastung.11 Werden diese Werte in einem Trainingstagebuch dokumentiert, lassen sich Fortschritte sichtbar machen und Überlastungen vermeiden.
Körperliche Aktivität kann nicht nur Menschen mit einer Krebserkrankung unterstützen, sondern möglicherweise auch zur Krebsprävention beitragen. Epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass regelmäßige Bewegung das Risiko für bestimmte Tumorerkrankungen senken könnte. Schätzungen zufolge stehen etwa 9 % der Brustkrebsfälle und rund 10 % der Darmkrebsfälle mit Bewegungsmangel in Zusammenhang.3
Körperliche Aktivität spielt sowohl in der Krebsprävention als auch während der Behandlung von Krebspatient:innen eine wichtige Rolle. Sie kann Therapie-Nebenwirkungen lindern, körperliche und psychische Gesundheit stärken und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Entscheidend ist, dass Trainingsprogramme individuell angepasst und medizinisch begleitet werden.
Erfahren Sie in unserer kurzen Videoreihe, wie Bewegung Patient:innen gezielt helfen kann. Professor Dr. Freerk Baumann, Experte für onkologische Bewegungswissenschaften, zeigt praktische Übungen, erklärt Effekte auf Körper und Psyche und gibt Tipps für sicheres Training.
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