Fatigue beschreibt eine krankhafte Erschöpfung, die durch Ruhe oder Schlaf nicht ausreichend verbessert werden kann. Sie betrifft körperliche, emotionale und kognitive Ebenen und kann unabhängig von vorangegangener Belastung auftreten – im Gegensatz zu einer vorübergehenden Müdigkeit, die sich in der Regel durch Erholung und ausreichend Schlaf verbessern lässt.1 Verschiedene Symptome oder Anzeichen können auftreten, u. a.:
Patient:innen und Ärzt:innen sollten drauf achten, Fatigue nicht mit einer Depression zu verwechseln, da die Symptomatik ähnlich sein kann: Von Trauer, Angst bis hin zu nachlassendem Interesse.2
Fatigue ist eine der häufigsten Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung: Rund 60–90 % der Patient:innen entwickeln sie im Verlauf der Therapie. Auch nach Abschluss der Behandlung bleibt die Fatigue bei 20–50 % der Betroffenen bestehen, auch über Jahre hinweg.3 Diese Erschöpfung kann unabhängig von der Tumorart auftreten – von Mammakarzinomen bis hin zu Urothelkarzinomen.1
Fatigue ist ein multifaktorielles Geschehen: Verschiedene Ursachen können einzeln oder in Kombination auftreten und sich gegenseitig verstärken. Zu den wichtigsten Auslösern zählen sowohl die Tumorerkrankung selbst als auch ihre Behandlung.2,3 Auch Schlafstörungen, Anämie oder medikamentenbedingte Nebenwirkungen können zur Fatigue beitragen.
Darüber hinaus können auch Faktoren ohne primär körperlichen Ursprung zur Fatigue beitragen – etwa psychische Belastungen, Stress oder die Angst vor Therapieergebnissen.1
Fatigue äußert sich individuell sehr unterschiedlich. Hierbei sind körperliche, geistige und emotionale Symptomatiken zu unterscheiden:
Tabelle 1: Übersicht über verschiedene körperliche, geistige und emotionale Symptome bei Fatigue (modifiziert nach 1)
Körperliche Symptome
Geistige Symptome
Emotionale Symptome
Wichtig ist, dass Patient:innen ihre Symptome individuell einschätzen, da das Erleben von Fatigue von Person zu Person stark variieren kann. Die Beschwerden müssen für die Diagnose über mindestens 2 Wochen nahezu täglich auftreten und deutlich den Alltag beeinträchtigen.1
Der natürliche Reflex bei Erschöpfung ist es, sich auszuruhen und körperliche Anstrengung zu vermeiden. Bei Fatigue ist das jedoch meist nicht der richtige Weg. Durch die verringerte Aktivität kann ein sogenannter „Fatigue-Teufelskreis“ entstehen: Weniger Bewegung führt zum Abbau von Muskulatur und damit zu einer Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit, was die Erschöpfung wiederum verstärkt.
Abb. 1: Fatigue Teufelskreis. Modifiziert nach 1
Eine besonders wirksame Maßnahme zur Behandlung von Fatigue ist die Bewegungstherapie. Empfohlen werden Ausdauertraining zwei- bis dreimal pro Woche sowie zusätzlich Krafttraining ein- bis zweimal wöchentlich. Dabei ist es wichtig, dass Patient:innen sich nicht überanstrengen und das Training stets in Absprache mit den behandelnden Ärzt:innen erfolgt. Auch alltägliche Bewegung – etwa Treppensteigen statt Aufzugfahren – kann einen wertvollen Beitrag leisten.1,3,4
Abb. 2: Wie sich Bewegung auf den Fatigue-Teufelskreis auswirken kann. Modifiziert nach 1
Ein spezifisches Medikament zur direkten Behandlung von Fatigue existiert derzeit nicht und wird auch in keiner Leitlinie empfohlen. Entscheidend ist daher, die zugrunde liegende Ursache der Fatigue zu erkennen und gezielt zu behandeln. So sollte beispielsweise eine Anämie mit einer Bluttransfusion oder durch die Gabe von Erythropoetin therapiert werden. Die medikamentöse Behandlung richtet sich somit stets individuell nach den jeweiligen Auslösern der Fatigue.1,3
Komplementäre Therapien, wie z. B. Yoga oder Thai-Chi kann bei einer Fatigue unterstützend wirken. Außerdem sollten Psychoonkologische Beratungen miteinbezogen werden, falls nötig. Kontaktadressen können dabei die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für psychosoziale Onkologie e.V. (dapo e.V.) oder die Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) der Deutschen Krebsgesellschaft sein.1,3
Fatigue ist eine häufige, aber oft unterschätzte Begleiterscheinung onkologischer Erkrankungen. Für Ärzt:innen ist es daher entscheidend, diese Symptomatik aktiv zu erkennen und gezielt anzusprechen. Eine frühzeitige Sensibilisierung – nicht nur für Fatigue, sondern für Begleiterkrankungen allgemein – ermöglicht eine ganzheitlichere Betreuung von Patient:innen und kann maßgeblich zur Verbesserung ihrer Lebensqualität beitragen. Ein offenes Gespräch, individuelle Diagnostik und interdisziplinäre Ansätze sollten integraler Bestandteil jeder onkologischen Betreuung sein.
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