„Was esse ich später? War das zu viel? Habe ich genug gegessen? Was gibt es heute noch im Kühlschrank? Wann ist die nächste Mahlzeit? Oder sollte ich es lieber lassen? Und was, wenn ich später wieder Hunger bekomme?“ Bei manchen Menschen sind solche Gedanken ein ständiger Begleiter, wie ein ununterbrochenes Hintergrundrauschen rund ums Essen – das als sogenanntes „Food Noise“ beschrieben wird. Bei Menschen mit Übergewicht ist dieses Phänomen besonders häufig: Etwa 57 % sind von wiederkehrenden, als belastend empfundenen Gedanken ans Essen betroffen.1
Food Noise beschreibt eine anhaltende gedankliche Auseinandersetzung mit Essen, Mahlzeiten oder Kalorien.2 Betroffene erleben Essen als ständig präsent: Schon während einer Mahlzeit denken sie an die nächste, Essensreize ziehen sofort Aufmerksamkeit auf sich und die Gedanken lassen sich nur schwer unterdrücken. Im Unterschied zu normalem Hunger oder Appetit ist das Phänomen durch seine Beständigkeit und den damit verbundenen Leidensdruck gekennzeichnet und geht über ein rein körperliches Signal hinaus.2 Psychologisch wird Food Noise häufig als gesteigerte „Food Cue Reactivity“ beschrieben, also als erhöhte Reaktion auf Essensreize wie Gerüche, Bilder, Werbung oder soziale Situationen.2,3
Die Ursachen sind multifaktoriell: Neben biologischen Mechanismen spielen psychologische und gesellschaftliche Faktoren eine wichtige Rolle.2 Besonders hilfreich zur Erklärung ist das sogenannte CIRO-Modell (Cue – Influencer – Reactivity – Outcome; Abbildung 1).2,3 Am Anfang stehen die „Cues“, also äußere und innere Reize. Dazu zählen etwa Essenswerbung, Social Media, Gerüche oder ständig verfügbare Lebensmittel, aber auch Stress, Emotionen oder physiologische Hungersignale.2 Wie stark Menschen auf diese Reize reagieren, hängt von den „Influencern“ ab.2 Dazu gehören genetische Faktoren, hormonelle Regulation, Schlafmangel, Stress oder eine lange Diäthistorie.2 Gerade restriktive Diäten können die gedankliche Beschäftigung mit Essen langfristig verstärken. Die eigentliche „Reactivity“ beschreibt die übersteigerte Reaktion auf diese Reize: intrusive Gedanken, Cravings und das Gefühl, Essen gedanklich nicht mehr loszuwerden.2 Langfristig entstehen daraus die „Outcomes“: ein massiver Verlust an Lebensqualität, Esssuchtverhalten und ein erschwertes Gewichtsmanagement.2
Abbildung 1: Das CIRO-Modell. Nach 2.
Besonders betroffen sind häufig Menschen mit Übergewicht oder Adipositas, da hier biologische, psychologische und gesellschaftliche Faktoren zusammenwirken.1,2 Biologisch spielt dabei vor allem das Hormonsystem eine zentrale Rolle: Sättigungshormone wie GLP-1 (Glucagon-like peptide-1) und PYY (Peptid YY) wirken appetithemmend, während Ghrelin den Appetit anregt und somit die gedankliche Beschäftigung mit Essen verstärken kann. Zusätzlich beeinflussen genetische Unterschiede die individuelle Anfälligkeit für diese Signale.2 Parallel dazu erleben viele Betroffene wiederholte Diäten, restriktives Essverhalten und den dauerhaften Versuch, Essen zu kontrollieren.2 Dabei entsteht oft ein belastender Kreislauf: Je stärker Essen kontrolliert werden soll, desto präsenter wird es im Kopf.4 Verstärkt wird das Phänomen zudem durch eine Umgebung, in der Ernährung permanent sichtbar und bewertet wird, etwa durch Social Media, Werbung und gesellschaftliche Erwartungen rund um „gesunde“ Ernährung und Körpergewicht.2,5 Stress, Schlafmangel und emotionale Belastungen können Food Noise zusätzlich intensivieren.2 Zudem wird ein möglicher Zusammenhang zwischen Food Noise und der Binge-Eating-Störung diskutiert.1
In der Behandlung geht es vor allem darum, die kognitive Belastung rund ums Essen zu reduzieren.2 Hilfreich können dabei unter anderem sein:
Zwischen Mahlzeiten, Werbung und Social Media ist Essen heute ständig sichtbar. Ganz entziehen kann man sich diesem „Lärm ums Essen“ also kaum. Umso wichtiger sind Strategien, die helfen, den Umgang mit Essensreizen zu verbessern und wieder mehr Ruhe im Essverhalten zu finden. Im Beratungsalltag ist dabei entscheidend, das Thema aktiv anzusprechen: Viele Betroffene berichten nicht von sich aus über ihre gedankliche Belastung rund ums Essen, weshalb Food Noise gezielt erfragt und in der Versorgung berücksichtigt werden sollte.2
Warum es bei ADHS besonders schwerfallen kann, nicht ständig an Essen zu denken, erfahren Sie hier.
Referenzen: