Bei Übergewicht, das mit Essanfällen, intensivem Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln und dem Verlust der Kontrolle über das Essverhalten einhergeht, reichen klassische Diätansätze häufig nicht aus.1,6 Denn Essen kann suchthaft wirken, insbesondere bei neurobiologischen Störungen wie der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).2 Für eine erfolgreiche Adipositas-Therapie ist ein Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen erforderlich.
Dopamin ist ein zentraler Neurotransmitter, insbesondere Belohnung im Gehirn steuert.3 Wird eine Handlung als positiv empfunden, etwa Essen, Sport, soziale Interaktion, wird Dopamin ausgeschüttet.3 Dieser Mechanismus motiviert dazu, das Verhalten zu wiederholen.3
Kalorienreiche, kohlenhydrat- oder fettreiche Nahrung kann diesen Kreislauf aktivieren – ähnlich wie andere Suchtmittel.4,5 Durch die rasche Aufnahme und einen hohen Blutzuckerspiegel steigt der Dopaminspiegel kurzfristig stark an.6 Es kommt zu einem „Kick“, der kurzfristig Stress oder negative Emotionen überlagert.6
Wird diese kurzfristige Belohnung regelmäßig genutzt, z. B. als Stressbewältigung oder Selbstberuhigung, kann sich ein suchtähnliches Essverhalten entwickeln. In der wissenschaftlichen Literatur wird insbesondere die sogenannte Binge-Eating-Störung (Binge, englisch für „Gelage“) thematisiert, wenn ein Vergleich mit Suchtverhalten gezogen wird.5 Typisch dafür sind:
Bei Menschen mit ADHS ist der Dopaminhaushalt dauerhaft gestört. Die dopaminerge Signalübertragung ist verringert, insbesondere im präfrontalen Kortex und im Belohnungssystem.9 Die Folge ist ein chronischer Mangel an innerer Belohnung, der sich klinisch u. a. in Impulsivität, Reizsuche und Motivationsproblemen äußert.9,10
Viele ADHS-Betroffene versuchen unbewusst, diesen Mangel durch schnelle Reize auszugleichen – z. B. durch Substanzkonsum oder eben Essen.9 Vor allem süße und stark verarbeitete Lebensmittel führen kurzfristig zu einer dopaminergen Belohnung und wirken wie eine Form der Selbstmedikation.6
Auffällig ist:
Dennoch wird ADHS in der Adipositas-Behandlung häufig übersehen.6
Bei vielen Betroffenen liegt das Problem weniger im fehlenden Ernährungswissen als vielmehr in einer gestörten Emotionsregulation und Impulskontrolle.6 Klassische Ernährungsberatung reicht in solchen Fällen oft nicht aus.6 Diagnostische Hinweise auf ein suchtähnliches Essverhalten sollten daher ernst genommen werden. Eine erfolgreiche Adipositas-Therapie in diesem Kontext erfordert einen multimodalen Ansatz:
Diese Maßnahmen sollten im Rahmen einer strukturierten, ärztlich begleiteten Therapie eingesetzt werden, ergänzt durch eine multimodale Basistherapie.14
Essen ist für viele Menschen mehr als Nahrungsaufnahme. Es kann Selbstmedikation oder Kompensation sein. Gerade bei Patientinnen und Patienten mit ADHS oder anderen psychischen Erkrankungen ist Adipositas nicht nur ein Stoffwechselproblem, sondern oft ein Symptom eines dysfunktionalen Belohnungssystems.Für behandelnde Ärztinnen und Ärzte bedeutet das: Psychische und neurobiologische Einflussfaktoren sollten systematisch in die Diagnostik und Therapie einbezogen werden. Bei Verdacht auf ADHS oder ein suchtähnliches Essverhalten ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Psychiatrie, Psychologie und Ernährungsmedizin entscheidend, um den komplexen Ursachen gerecht zu werden und nachhaltige Behandlungserfolge zu ermöglichen.
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