Peter* hat in den letzten Jahren eine schleichende Veränderung seines Lebensstils erlebt. Früher war er sportlich aktiv und spielte regelmäßig Fußball. Heute ist Peter 45 Jahre alt, beruflich stark eingespannt und in den Familienalltag eingebunden. Zeit für Bewegung bleibt da kaum und Mahlzeiten finden oft nur nebenbei statt. Besonders abends greift er häufiger zu einfachen Snacks. Seit drei Jahren ist bei ihm eine arterielle Hypertonie bekannt, die medikamentös behandelt wird. Im Rahmen seiner jährlichen Kontrolluntersuchung fällt auf, dass sein Body-Mass-Index im Bereich der Adipositas liegt. Da Übergewicht ein relevanter Risikofaktor für chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck sein kann, stellt sich den Ärzt:innen die Frage, wie dieses Thema möglichst sensibel angesprochen werden kann.1
Abbildung 1 Stationen der Patient:innenbetreuung am Beispiel von Peter (fiktives Fallbeispiel)
Im Gespräch wird zunächst eine vertrauensvolle Basis geschaffen. Es wird erläutert, dass regelmäßige Bewegung nicht nur das Gewicht beeinflussen kann, sondern auch unabhängig davon zahlreiche gesundheitliche Vorteile für das Herz-Kreislauf-System und das allgemeine Wohlbefinden bietet. Anschließend wird Peter behutsam gefragt: „Wäre es für Sie in Ordnung, wenn wir neben Ihrem Blutdruck auch Ihr Gewicht kurz besprechen?“
Peter reagiert zögerlich. Er betont, dass er grundsätzlich wisse, wie man abnehme und verweist auf seine frühere sportliche Aktivität. Peter zieht auch in Betracht, wieder mit dem Fußball zu beginnen, dennoch möchte er darüber hinaus keine weiteren medizinischen Maßnahmen bezüglich seines Gewichts angehen. Vor diesem Hintergrund wird seine Zurückhaltung gegenüber einer vertieften Gewichtsbesprechung akzeptiert. Der Fokus liegt zunächst darauf, eine vertrauensvolle und unterstützende Arzt‑Patient‑Beziehung zu stärken. Peter erhält das Signal, dass das Thema zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgegriffen werden kann, sobald er sich dazu bereit fühlt. Bis dahin steht die Behandlung seiner Hypertonie im Vordergrund.
Beim nächsten jährlichen Termin berichtet Peter, dass er tatsächlich wieder angefangen habe Fußball zu spielen, jedoch nach einer Sprunggelenksverletzung pausieren musste. Danach fiel es ihm schwer, erneut Motivation zu finden. Er hat daraufhin etwas zugenommen und fühlt sich durch seine Arbeit und die Familie weiterhin stark zeitlich eingeschränkt. Zusätzlich klagt er über schlechten Schlaf, ausgeprägte Müdigkeit und starke mentale Belastungen. Bei der Untersuchung zeigt sich ein leichter Anstieg des Blutdrucks im Vergleich zum Vorjahr sowie eine Zunahme des Taillenumfangs. Die Daten zeigen außerdem, dass sein Body-Mass-Index (BMI) von 35 auf 37 kg/m2 gestiegen ist, was auch negative Auswirkungen auf seinen Blutdruck haben könnte.2
Tabelle 1 Klinische Basisparameter und Laborwerte von Peter bei Erstvorstellung (in Klammern) und nach einem Jahr (ohne Klammern).
Im Gespräch wird erläutert, dass Schlafmangel und Stress das Gewicht beeinflussen können, etwa durch gesteigerten Appetit, Energielosigkeit und reduzierte körperliche Aktivität. Dadurch wird für Peter verständlich, dass Adipositas als multifaktorielle Erkrankung zu verstehen ist.3,4,5 Schlafmangel beeinflusst hormonelle Prozesse, insbesondere durch eine erhöhte Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, was zu erhöhten Cortisolspiegeln führen kann.6 Dieses Stresshormon steigert den Appetit auf energiereiche, zucker- und fetthaltige Lebensmittel.7 Gleichzeitig kann schlechter Schlaf die Regulation von Appetithormonen beeinflussen und die Energieaufnahme erhöhen. Somit gilt Schlafmangel als metabolischer Stressfaktor, welcher das Risiko für Gewichtszunahme und Fettleibigkeit steigern kann.5 Diese Zusammenhänge helfen Peter, seine Situation besser zu verstehen. Er erkennt, dass mehrere Faktoren zu seiner Gewichtszunahme beitragen und signalisiert erstmals Bereitschaft, über sein Gewicht zu sprechen.
Um Fachpersonen eine strukturierte und patientenzentrierte Vorgehensweise im Umgang mit Adipositas zu bieten, hat Obesity Canada hat einen Fünf-A-Leitfaden entwickelt, der fünf Schritte beschreibt, um Patienten bei ihrem Gewicht und ihren damit verbundenen Gesundheitsproblemen zu helfen. Ziel ist es, durch eine respektvolle Kommunikation sowie individuelle Zielsetzung eine nachhaltige Unterstützung bei der Gewichtsregulation und Verbesserung der Gesundheit zu ermöglichen.8
Für Peter erfolgt nun eine vertiefte Anamnese, einschließlich Gewichtsverlauf und Lebensgewohnheiten. Bei ihm zeigt sich ein Zusammenspiel aus Bewegungsmangel, Stress, unregelmäßiger Ernährung und Schlafdefizit. Gemeinsam werden realistische Ziele entwickelt, die sich in seinen Alltag integrieren lassen. Dazu gehört regelmäßige Bewegung wie beispielsweise durch Fußballtraining, strukturiertere Mahlzeiten und Strategien zur Schlafverbesserung. Ergänzend werden unterstützende Angebote wie Ernährungsberatung oder Stressmanagement besprochen.
Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, das Thema Gewicht respektvoll und mit Einverständnis des Patienten anzusprechen. Peters Bereitschaft, offen über seine Situation und über mögliche Veränderungen zu sprechen, entwickelt sich vor allem dadurch, dass er die Zusammenhänge seiner Gewichtszunahme besser nachvollziehen kann. Ein patientenzentrierter Ansatz mit realistischen Zielen kann helfen, nachhaltige Veränderungen anzustoßen und gleichzeitig Stigmatisierung zu vermeiden.
Zusammenfassende Kernpunkte des fiktiven Falls:
Referenzen:
* Es handelt sich um einen fiktiven Patientenfall, der einen möglichen Verlauf der Erkrankung und Behandlung veranschaulichen soll. Sowohl die Indikation einer Behandlung als auch der mögliche Verlauf einer Behandlung in der Praxis, einschließlich einer möglichen Gewichtsabnahme, hängen vom Einzelfall ab und können von Patient zu Patient variieren.
Fußnoten:
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