Laut Public Health Index hängt Deutschland den meisten europäischen Ländern hinterher: Millionen kranke Lebern, unterschätzte Gallensteine und eine Zuckersteuer, die auf sich warten lässt. Warum Prävention neu gedacht werden muss.
Warum Frauen häufiger Gallensteine bekommen, ob eine Zuckersteuer sinnvoll ist und wie lückenhaft der Leber-Check-up ist – all diese Themen beschäftigen nicht nur den Magen-Darm-Trakt, sondern auch die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) auf der aktuellen Jahrespressekonferenz.
Sie bewegt seit Monaten nicht nur den Blutzuckerspiegel so manch eines Politikers – die angekündigte Zuckersteuer ist auch ein heiß diskutiertes Thema in Medizinerkreisen (wir berichteten hier und hier). Prof. Birgit Terjung schaut mit den Augen einer Gastroenterologin auf die nahende Restriktion und ist sich sicher: Die Zuckersteuer wird kommen, allerdings als kleines Puzzleteil in einem komplexen Präventionsbild. Wie groß der Nachholbedarf in der deutschen Präventionspolitik ist, zeigt sich im Gesamtranking des Public Health Index 2025. Das europäische Rennen um den besten gesellschaftlichen Gesundheitsschutz umfasst dabei vier Handlungsfelder: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Deutschland landet auf Platz 17 von 18, schlechter schneidet nur die Schweiz ab.
Die Datenlage ist klar: Zucker beeinflusst nachweislich unser Darmmikrobiom, hat eine lokale Wirkung auf Verdauung und eine Fernwirkung auf Herz, Leber und Gehirn, so Terjung. Eine Zuckersteuer schaffe jedoch nur bedingt Abhilfe gegen den gefährlichen Zuckerkonsum. Das Beispiel Großbritannien zeigt: Wo eine Zuckersteuer eingeführt wurde, reagierte die Industrie schnell und die Staatskasse profitierte kaum. Hersteller senkten entweder den Zuckergehalt ihrer Produkte oder tauschten Zucker gegen künstliche Süßungsmittel aus. Ersteres ist durchaus sinnvoll, Letzteres verlagert das Problem nur; denn ob synthetische Süßstoffe langfristig unbedenklich sind, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Hinzu kommt, dass die Adipositasraten in Großbritannien trotz Steuer weiterhin auf hohem Niveau liegt. Auch Terjung betont daher: Staatliche Restriktionen allein reichen nicht. Es braucht flankierende Maßnahmen wie Ernährungs- und Bildungsprogramme, vor allem in Schulen.
Nichtsdestotrotz bleibt der Diskurs zur Bedenklichkeit des Zuckergehalts in Getränken und hochverarbeiteten Lebensmitteln wichtig, so Terjung:
„Wer argumentiert, dass gesunde Ernährung allein Privatsache ist, der verschließt die Augen vor der Realität: Alles, was wir essen und trinken, hängt maßgeblich auch mit dem Angebot zusammen. […] Die viel diskutierte Zuckersteuer ist kein Allheilmittel, aber vielleicht ein Anfang, denn Prävention im Bereich gesunde Ernährung benötigt ein Maßnahmenbündel.“
Die Leber gibt verlässlich Auskunft über den Gesundheitszustand. So ist sie laut DGVS-Präsident Prof. Heiner Wedemeyer ein wahres „Klärwerk“ des Körpers. Gleichzeitig setzt eine Entzündung in diesem größten Bauchorgan Mediatoren im ganzen Körper frei. Die Leber spielt somit eine entscheidende Rolle bei der Steuerung von Immunantworten und der Aufrechterhaltung der Gesundheit des gesamten Organismus. Dabei werde die Zahl an Lebererkrankungen in Deutschland immer noch deutlich unterschätzt, so Wedemeyer. Mehr als 20 Millionen Deutsche weisen Fettablagerungen in der Leber auf, hinzu kommen chronische Leberentzündungen und schwerwiegende Folgen wie Leberversagen, Leberzirrhose oder Leberzellkrebs.
Wedemeyer fordert daher strukturierte Früherkennungsprogramme im Rahmen allgemeiner Gesundheitsuntersuchungen. Warum Prävention genau an dieser Stelle so entscheidend ist? Die Leber leidet lange Zeit „stumm“ mit. Selbst fortgeschrittene Veränderungen verursachen häufig keine Beschwerden, so Wedemeyer. Eine Routineuntersuchung ließe sich sowohl in den Gesundheits-Check-up ab 35 integrieren, mache aber genauso viel Sinn in pädiatrischen Untersuchungen. Wedemeyer fordert daher im Namen der DGVS folgende Präventionsansätze:
Wedemeyer betont: „Früh erkannt, sind Leberfibrose, Leberzirrhose und Leberkrebs in vielen Fällen vermeidbar. Prävention ist deutlich wirksamer und kostengünstiger als die Behandlung fortgeschrittener Erkrankungen.“
Prävention muss nicht nur organbezogen, sondern auch geschlechtsspezifisch gedacht werden. Das sieht auch Prof. Verena Keitel-Anselmino, Direktorin der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie in Magdeburg, so und arbeitet derzeit mit an der Überarbeitung der S3-Leitlinie zum Gallensteinleiden. Diese soll erstmals geschlechtersensibel verfasst werden. Denn weibliche Geschlechtshormone haben einen nicht zu verachtenden Einfluss auf das Immunsystem der Leber – und damit auch auf die Gallensteinbildung. So verwundert es nicht, dass Frauen häufiger von Gallengrieß und -steinen betroffen sind als Männer.
Der Grund: Weibliche Geschlechtshormone beeinflussen die Gallebildung direkt. Östrogen- und Progesteronmetabolite hemmen den Gallensäuretransport aus Leberzellen in die Galle. Aufgrund fehlender Gallensäure fällt das sonst in Säure gehaltene Cholesterin innerhalb der Galle als kristalliner Gallengrieß aus (Sludge). Akkumuliert es, bilden sich Gallensteine, die zahlreiche Komplikationen mit sich bringen (z. B. Gallenkoliken, Entzündung der Gallenblase, Steinwanderung durch den Gallengang mit möglicher Kolik oder Entzündung der Gallenwege bzw. der Bauchspeicheldrüse).
Ein bekanntes Phänomen, das jedoch laut Keitel-Anselmino in zwei Fällen besondere Betrachtung verdient: Zum einen haben Patientinnen unter Hormonersatztherapie durch die erhöhten Östrogen- und Progesteronspiegel ein deutlich erhöhtes Risiko. Aber auch Schwangere sind einem zusätzlichen Risiko ausgesetzt: Unabhängig vom Hormoneinflusses bilden sich aufgrund einer reduzierten Gallenblasenmotilität gegen Ende der Schwangerschaft besonders verstärkt Steine. Da endoskopische Eingriffe in der Schwangerschaft jedoch mit erhöhten Risiken verbunden sind, werden Gallensteine in dieser Phase seltener entfernt.
Beide Fälle zeigen damit einen großen Bedarf an geschlechtssensibel zugeschnittenen Präventionsangebote – daher die angesetzte Überarbeitung der S3-Leitlinie. Problematisch dabei: Unterschiede in Therapie und Prävention werden in der Praxis selten thematisiert. Es fehle an aussagekräftigen, gendersensiblen Daten. Die Literaturrecherche sei jedoch nun fast abgeschlossen, so Keitel-Anselmino. Mit der Vorlage einer neuen Leitlinie könne 2027 gerechnet werden. Bildquelle: Getty Images, Unsplash