KOMMENTAR | Ist die Zuckersteuer die langersehnte Lösung der Adipositaskrise? In der aktuellen Gesundheitsreform wird das jedenfalls diskutiert – mal wieder. Was wir aus den Fehlern der Briten lernen können.
Limo, Cola, süße Milchshakes und Energydrinks – der Massenkonsum zuckerstrotzender Softdrinks ist seit Jahren als adipogener (Fehl-)Ernährungsfaktor für die beängstigende Adipositas-Prävalenz und kariöse Gebissschädigungen der jungen Generation erkannt. Während weltweit mehr als 100 Länder – in Europa gilt Großbritannien (GB) als Vorreiter – längst Gegenmaßnahmen wie die Einführung einer Zuckersteuer oder TV- und Online-Werbeverbote installiert haben, sind in Deutschland x-fach wiederholte Anläufe im Sande verlaufen. Uneinigkeit über den Sinn, Widerstand aus der Industrie, parteipolitisches Taktieren und bürokratische Hürden – es scheint viel Lähmendes zusammenzukommen.
Unstrittig ist nur, dass der überhöhte Zuckerverzehr ein entscheidender Faktor für die galoppierende Adipositasproblematik ist. Dabei geht es nicht nur um klassische Süßigkeiten, deren hoher Zucker- und Energiegehalt Allgemeinwissen ist. Es sind besonders die versteckten Zucker in Fertigprodukten, in denen ihn kaum jemand überhaupt vermuten würde (z. B. Fleisch- und Wurstwaren) oder in – als Fitmacher vermarkteten – Milchprodukten wie gezuckerten Fruchtjoghurts, Fertigsmoothies oder Frühstückscerealien. Unrühmlicher Spitzenreiter im Zuckerschock-Ranking ist jedoch die breite Palette der gesüßten Erfrischungsgetränke aus der Cola-Limo-Eistee-Fruchtnektar-Sparte, neudeutsch Softdrinks genannt.
Als besonders heikel wird der unter Jugendlichen boomende Mengenkonsum von Energydrinks – brisante Koffein-Taurin-Zucker-Konglomerate – eingestuft (hier und hier). Die potenziellen Gefahren, die mit einem tagtäglich hohen Konsum der vermeintlichen Wachmacher einhergehen, hat DocCheck bereits ausführlich thematisiert (hier und hier). Zwar gibt es im Hinblick auf hohe Zuckergehalte mittlerweile von alledem entsprechende „Zero-Varianten“, doch ob der dann massenhaft zugeführte Süßstoff eine gesündere Alternative ist, darf bezweifelt werden. Bei der Aufzählung von Getränken mit hohem Zuckergehalt müssen auch die als gesunde Vitaminspender etablierten 100%-Fruchtsäfte – selbst in der naturbelassenen Variante ohne externe Zuckerzusätze – genannt werden. Zweifelsohne enthält ein 100%-Saft eine Vielzahl hochwertiger Mikronährstoffe, aber der natürliche Zuckergehalt gleicht in etwa dem eines artifiziell gesüßten Colagetränks. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele Orangen oder Äpfel für einen Liter Saft ausgepresst werden müssen – ein Vielfaches des festen Obstes, das einer normalen Verzehrmenge entspricht.
Mitte März 2026 hat die schleswig-holsteinische Landesregierung einen neuerlichen Antrag auf die bundesweite Einführung zuckerreduzierender Maßnahmen in Softdrinks – wie einer Zuckersteuer – sowie auf ein Verkaufsverbot koffeinhaltiger (Energy-)Drinks an unter 16-Jährige eingereicht und durch Ministerpräsident Daniel Günther auf der Bundesratssitzung vom 27. März 2026 vorgetragen. Er soll nun zunächst diversen Ausschüssen – laut Sitzungsprotokoll dem Agrarausschuss, dem Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem Gesundheitsausschuss sowie dem Wirtschaftsausschuss zur Beratung zugewiesen werden. Daran wird sich im Fall einer momentan schwerlich vorstellbaren Einigung ein langwieriges Zulassungsverfahren anschließen. Also wieder viele Köche mit eigenen Süppchen sowie die üblichen Zulassungshürden – zeitnahe Entscheidungen eher nicht in Sicht.
Die Einführung einer Zuckersteuer oder – analog der britischen Soft Drinks Industry Levy – einer nach Höhe des Zuckergehalts gestuften, den Herstellern auferlegten Steuer auf gesüßte Erfrischungsgetränke, ist ebenso kontrovers diskutiert wie mit (über-)hohen Erwartungen verknüpft. Zu den wichtigen Zielen zählen verstärkte Verbraucheraufklärung über hohe Zuckergehalte und die Schaffung von Kaufhürden. Vor allem aber sollen die Hersteller zu niedrigerem Zuckereinsatz (Steuervorteil, Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit) bewegt werden.
Großbritannien (GB) hat nach Einführung dieser Steuer im Jahr 2018 mit weiteren Maßnahmen nachgezogen. Dazu zählen die Senkung des Zuckerschwellenwertes für die Besteuerung (von 5 auf 4,5 g pro 100 ml), ein 2022 eingeführtes Verbot von zuckrigen „Quengelware“-Regalen in Kassenbereichen und von Mengenrabatten („zahle 2, nimm 3“), ein seit Januar 2026 gültiges TV-Werbeverbot zwischen 5:30 und 21:00 Uhr sowie ein generelles Verbot kommerzieller Online-/Influencer-Marketings. Ab 2028 tritt eine Ausweitung auf gezuckerte Milchprodukte und Kaffeegetränke in Kraft. Die insgesamt von allen Staaten, die bereits zuckerreduzierende Maßnahmen eingeführt haben, als positiv bewerteten Erfahrungen, haben aber auch die Komplexität der Problematik verdeutlicht, die allein durch Zuckersteuer und flankierende Maßnahmen nicht gelöst werden kann. Die Notwendigkeit breit angelegter Strategien liegt klarer denn je auf der Hand.
Selbst wenn es in Deutschland zu einer Einigung auf eine Softdrink-/Zuckersteuer und einem altersbeschränkten Energydrink-Verkauf kommen sollte, werden die daran geknüpften Erwartungen schwerlich zu erfüllen sein. Die aus anderen Ländern vermeldeten Positiverfahrungen haben wenig dazu beigetragen, das Problem der globalen Adipositasexplosion unter Jugendlichen einzudämmen. Zumal dies weit über den Faktor Ernährung und Zucker im Besonderen hinausgeht.
Die Situation in GB spricht Bände: Die 2018 installierte Softdrink-Steuer sowie die genannten Erweiterungsmaßnahmen haben zwar die um ihre Gewinnmargen bzw. Wettbewerbsfähigkeit fürchtenden Hersteller angestoßen, Getränke mit weniger zugesetztem Zucker und reduzierten Energiegehalten zu designen. Ob diese angesichts oft hoher Stoffzusätze wirklich gesünder sind, ist aber fraglich. Fakt ist, dass sich an der gravierenden Problematik adipöser Kinder, aus denen adipöse Erwachsene mit Folgeerkrankungen werden, seit Einführung der regulierenden Maßnahmen nicht viel geändert hat. Bestenfalls wurde die dramatische Zunahme etwas abgebremst.
Die jugendlichen Adipositasraten steigen also weiter – nur nicht mehr ganz so rasant. Die erhoffte Trendwende ist nach wie vor in weiter Ferne. Nach acht Jahren steht GB noch immer in der Spitzengruppe übergewichtiger und adipöser Kinder. Mehr als jedes vierte Kind (27 %) ist dort übergewichtig, 15 % sind adipös. Das sind noch deutlich höhere Zahlen als in Deutschland (15 % und 6 %). Die Ursachen dürften ähnlich sein, von Überangeboten hochkalorischer, zuckerstrotzender Produkte, Fehlinformationen verbreitender Vermarktung und in erheblichem Umfang auch fehlende Gesundheits- und Ernährungskompetenz vieler Eltern.
Eine kürzlich im Journal of Health Monitoring publizierte RKI-Studie hat das für Deutschland in erschreckender Weise unter Beweis gestellt. Über 80 % der Erwachsenen – Frauen wie Männern – fehlt es an wichtigem Grundlagenwissen einer gesunden Lebensführung, die selbstredend über das Essen und Trinken weit hinausgeht (körperliche Aktivität, Bildschirmzeiten etc.). Ohne diese Kompetenz werden aber auch staatliche Maßnahmen kaum fruchten. In GB wurde schon die Erkenntnis gewonnen, dass die Zuckersteuer auf Limo, Cola und Energydrinks allein nicht ausreicht. Und nachträglich beschlossene Maßnahmen sind noch nicht lange genug in Kraft, um die Effizienz tatsächlich zu bewerten. Wichtiger dürfte jedoch eine Verbesserung der allgemeinen Gesundheitskompetenz sein, die nicht durch Fehlinformationen von herstellerbezahlten Influencern im Internet dominiert wird.
Ansätze, die Curricula von Grundschulen gegebenenfalls unter Einsatz externer Ernährungsdozenten zu erweitern, erscheinen da weitaus zielführender – auch für Deutschland. Doch hierzulande blockieren Instanzendschungel, parteipolitische Taktierereien, Widerstände aus der Industrie- und Werbebranche selbst kleinste Schritte, sodass angesichts des Bedarfs an breit angelegten Aufklärungsmaßnahmen der seit Jahren währende Zwist um eine Zuckersteuer wie ein Streiten um des Kaisers Bart erscheint. „Hüte dich nicht vor kleinen Schritten – aber vermeide es, stehenzubleiben“, lautet sinngemäß ein chinesisches Sprichwort, das offenbar wenig Beachtung bei politischen Entscheidungsträgern findet.
In Deutschland treten wir auf der Stelle und schaffen es nicht, ermüdende Endlos-Diskussionen in zielgerichtetes Handeln umzusetzen. „Ut aliquid fiat“, möchte man den Entscheidungsträgern zurufen, in der stillen Hoffnung, dass nicht irgendetwas geschehe, sondern Durchdachtes, das auf breiter Front Herstellervorgaben, klare Kennzeichnungen und besonders eine im Kindesalter beginnende Aufklärung einschließt. Währenddessen türmen sich die Wellen des Adipositas-Tsunami immer höher auf, ohne dass an den frühkindlichen Ursachen gearbeitet wird. Die SH-Initiative zur Zuckersteuer und Altersbeschränkung für Energydrinks mag ein erster Schritt sein, wenn er denn mal umgesetzt wird. Aber insgesamt braucht es weit mehr.
Quellen
Costantino A et al.: The Dark Side of Energy Drinks: A Comprehensive Review of Their Impact on the Human Body. Nutrients. 2023, doi: 10.3390/nu15183922
Nadeem et al.: Energy Drinks and Their Adverse Health Effects: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Health. 2021, doi: 10.1177/1941738120949181
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: Positionspapier zum Konsum von Energydrinks durch Kinder und Jugendliche. 2026, online
Antrag des Landes Schleswig-Holstein zur Entschließung des Bundesrates: Gesundheit von Kindern und Jugendlichen schützen: Reduzierung des Zuckergehaltes von Erfrischungsgetränken und Einführung einer gesetzlichen Altersgrenze für den Verkauf von Energy-Drinks, Schleswig-Holstein Kiel, 17. März 2026, online
Bundesrat Sitzungsprotokoll vom 27.03.2026, online
Jordan et al.: Die allgemeine Gesundheitskompetenz Erwachsener in Deutschland. Ergebnisse des Panels „Gesundheit in Deutschland“ 2024. J Health Monit. 2026, doi: 10.25646/13820
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