KOMMENTAR | Wieder einmal diskutieren Politiker über eine Zuckersteuer. Hauptsache handeln – egal, ob es das Problem trifft oder nicht. Weitblick sucht man vergebens.
In Deutschland ist das Thema Zuckersteuer wieder ganz oben auf der politischen Agenda – allerdings heftig umstritten. Mehrere Ärzte, Verbraucherschützer und Verbände fordern eine Abgabe auf stark zuckerhaltige Getränke, um Übergewicht, Diabetes und anderen Leiden entgegenzuwirken und langfristige Gesundheitskosten zu senken. Doch politisch sind die Maßnahmen äußerst umstritten. Auf dem CDU-Bundesparteitag haben Delegierte einen entsprechenden Antrag abgelehnt. Gleichzeitig signalisiert Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), dass sie eine Zuckersteuer nicht grundsätzlich ausschließt. Doch was steckt eigentlich hinter der Kontroverse?
Dazu ein Blick in die Literatur: Im Jahr 2014 hat Mexiko eine Verbrauchsteuer auf zuckergesüßte Getränke eingeführt. Analysen im BMJ zeigen in den ersten Jahren einen deutlichen Rückgang der Käufe besteuerter Getränke sowie eine Zunahme des Erwerbs nicht besteuerter Alternativen, vor allem Wasser. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt in Haushalten mit niedrigerem Einkommen.
Im Vereinigten Königreich haben Politiker einen anderen Ansatz gewählt: Nicht die Konsumenten sollten mehr zahlen, sondern die Industrie, wenn sie besonders zuckerreiche Produkte verkauft. Mit der Soft Drinks Industry Levy, einer Verordnung, haben Politiker Reformulierungen handelsüblicher Produkte quasi erzwungen. Genau das erwies sich als Knackpunkt laut einer BMJ-Analyse: Verbraucher haben nicht weniger Softdrinks erworben. Doch der Zuckergehalt der Produkte war deutlich niedriger als vor den Regelungen.
Aus den USA kommen Erfahrungen auf kommunaler Ebene, etwa in Berkeley. Dort zeigte sich laut AJPH nach Einführung einer Soda Tax ein Rückgang des Verkaufs zuckerhaltiger Softdrinks – also genau der erwartete Effekt. Und eine im JAMA Health Forum publizierte Arbeit berichtet vom „deutlichen und anhaltenden Rückgang des Konsums zuckergesüßter Getränke in mehreren US-Städten“ nach einem Preisanstieg von durchschnittlich 33 Prozent.
Kurz gesagt: Die Evidenz ist robust genug, um festzuhalten, dass eine solche Zuckersteuer das Verhalten beeinflusst oder Firmen zwingt, Produkte zu verändern. Doch ganz so einfach, wie die Politiker es gerne hätten, ist die Sache eben doch nicht.
Denn die Industrie reagiert auf Druck von außen nicht nur wie gewünscht. Wenn Zucker teurer oder steuerlich unattraktiv wird, passiert das, was in UK bereits massenhaft zu beobachten war: Hersteller verändern ihre Produkte. Sie ersetzen Zucker durch Süßstoffe bzw. durch Zuckeraustauschstoffe. Ist das besser? Vielleicht. Ist es sicher? Nicht unbedingt. Die World Health Organization hat 2023 eine Leitlinie zum Thema veröffentlicht. Sie rät klar davon ab, Süßstoffe als Strategie zur Gewichtskontrolle einzusetzen. Begründet wird das mit einer schwachen Evidenz für langfristige Vorteile und mit Hinweisen auf mögliche unerwünschte Effekte.
Und eine ältere Arbeit aus Nature brachte bestimmte Süßstoffe experimentell mit Veränderungen des Mikrobioms und der Glukosetoleranz in Verbindung. Eine Studie in Cell argumentiert ebenfalls für personenspezifische Effekte von Nichtzucker-Süßstoffen auf Glukosestoffwechsel und Darmflora. Daraus muss man keine Schlagzeile wie „Süßstoffe sind schlimmer als Zucker“ machen. Aber man sollte ehrlich bleiben: Führt eine Steuer lediglich dazu, dass Zucker durch eine neue Palette an möglicherweise gefährlichen Zusatzstoffen ersetzt wird, dann verlagern wir Risiken – und schaffen neue Abhängigkeiten von Zusatzstoffen mit unklaren Langzeiteffekten.
Wer Zuckersteuern fordert, sollte deshalb zwei Dinge im Auge behalten: erstens klare Kennzeichnungen sowie Grenzwerte und Regeln für Süßstoffe in bestimmten Produktgruppen. Und zweitens eine Steuerlogik, die nicht nur Zucker sanktioniert, sondern ultraverarbeitete Softdrinks generell unattraktiver macht. Dafür bräuchten Politiker mehr Durchsetzungswillen gegenüber starken Lobbyinteressen von Herstellern.
Politisch ist eine Zuckersteuer jedoch attraktiv, weil sie innerhalb einer Legislaturperiode vermeintlich Probleme löst – sprich in kurzer Zeit. Wen interessiert es schon großartig, womit sich spätere Regierungen rumzuschlagen haben? Dabei ist eigentlich klar, wie wichtig es wäre, Kompetenzen aufzubauen. Kinder sollten lernen, wie gesunde Ernährung funktioniert – nicht als Influencer-Mythos, sondern ganz praktisch. Kochen, grundlegendes Ernährungswissen, das Lesen von Zutatenlisten, das Erkennen von Zuckerfallen in Getränken und einfache Küchenpraxis sind wichtige Kompetenzen.
All das gehört in die Schule wie Sport, Geschichte, Fremdsprachen oder Mathe. Klar, das erfordert Zeit im Stundenplan, qualifizierte Lehrkräfte, Küchenräume und Kooperationen. Aber es ist die einzige Maßnahme, die wirklich dazu beiträgt, etwas ohne Druck von außen zu verändern.
Neu ist die Forderung keineswegs: Die World Health Organization hat für Europa wiederholt gezeigt, dass schulische Ernährungsumgebungen und entsprechende Policies messbare Effekte haben können – nicht nur über Kantinenangebote, sondern auch über Curriculum und Umfeld. Auch die Food and Agriculture Organization verweist auf positive Auswirkungen schulbasierter Ernährungserziehung auf das Essverhalten von Jugendlichen. Genau dieser Teil der Debatte wird in Deutschland gern als „nice to have“ abgetan, während man lautstark über die Zuckersteuer debattiert. Nachhaltige Lösungen kosten Zeit und kosten Geld, das ist klar.
Meiner Ansicht nach braucht es eine klare, sinnvolle Reihenfolge der Maßnahmen. Am Anfang muss Bildung stehen, als Fundament für eigenverantwortliche Entscheidungen. Nur wer versteht, wie Ernährung wirkt, kann sein Verhalten dauerhaft ändern. Darauf aufbauend sollte die Umgebung so gestaltet werden, dass die gesunde Wahl selbstverständlicher wird: in Schulen und im Alltag durch die bessere Verfügbarkeit gesunder Speisen bzw. Getränke. Erst wenn diese Grundlagen gesetzt sind, kann eine Steuer ihre Wirkung entfalten, aber eben nicht als Ersatz für Bildung und strukturelle Veränderungen. Die Reihenfolge umzukehren, würde an den Ursachen vorbeigehen.
Bildquelle: Midjourney