Ein Online-Handel für Sprühsahne – klingt erstmal harmlos. Dass die angebotenen Lachgas-Kapseln nicht in der Küche zum Einsatz kommen, scheint die Hersteller nicht zu kümmern. Recherche-Nachschlag gefällig?
Als erstes füllt da dieser Hinweis den Bildschirm: „Die hier bereitgestellten Inhalte richten sich ausschließlich an Unternehmen der Gastronomiebranche und spiegeln den Charakter und die geschäftliche Positionierung unserer Marken wider.“ Mit einem Klick muss man sogar bestätigen, „autorisierter Vertreter eines registrierten Unternehmens“ mit „berechtigte[m] Interesse an […] Produkten und Angeboten“ zu sein. Muss irgendetwas ganz Geheimnisvolles, Vertrauliches sein, was auf dieser Website zu sehen ist, oder? Und dann noch diese Warnungen bei einem anderen Händler des gleichen Produkts: „Außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren. Verkauf nur an Personen über 18 Jahre. Nicht geeignet für Schwangere, stillende Mütter und Kinder!“ Was mag das für eine heiße, gefährliche Ware sein? Nun – die Basis für Sprühsahne.
Es erübrigt sich eigentlich, auf die Absurdität hinzuweisen, aber man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Sprühsahne ist also nur für Autorisierte, nicht jugendfrei und auch nicht geeignet für vulnerable Gruppen wie Kinder und Schwangere. Jetzt mal ehrlich: Vom potenziellen Zuckergehalt einmal abgesehen, können wir diese Behauptung getrost als Bullshit einstufen. Was sollen also diese Warnhinweise und eher niedlichen Absicherungen (die Bestätigung, dass ich „autorisierter Vertreter eines registrierten Unternehmens“ und „über 18“ bin, erfordert jeweils nur einen Klick)?
Wer ein bisschen im Thema ist, hat es inzwischen sicher erraten: Es geht um Lachgas. Der erste hier erwähnte Online-Händler ist Exotic Whip, in der Szene inzwischen ein Synonym für das als Rauschmittel missbrauchte N2O. Die Effekte des oft als harmlos eingeschätzten und in diversen Songs verherrlichten Lachgaskonsums sind alles andere als ein Scherz (wir berichteten hier, hier und hier). Wir haben Neurologen zu den teils schweren Schäden befragt, die damit einhergehen und mit Kioskhändlern über ihre Erfahrungen im Verkauf gesprochen. Jetzt sind die Händler dran – und da ist nur Schweigen.
Naja, nicht ganz: Ramdon, die Firma, die Exotic Whip vertreibt, äußert sich auf wiederholte Nachfrage tatsächlich doch noch. Zusatzinfo am Rande: Der Firmensitz zog wenige Tage, bevor der Lachgas dort verboten wurde, von den Niederlanden nach Malta um. Hier erreichen wir auch eine Pressestelle. Ramdon vertreibe Gase in Lebensmittelqualität, die sich an Hotelerie und Gastronomie richten. Keinesfalls verkaufe man an Privatpersonen oder biete das Gas zur „freizeitlichen oder nicht professionellen Nutzung“ an. Man sei besorgt über den Missbrauch von N2O und distanziere sich ausdrücklich von „unverantwortlicher oder illegaler Nutzung“ der Gase. Kurz gesagt: Was da ins Postfach flattert, ist dünn und ein halber Werbeprospekt. Es ist dassselbe Schreiben, was auch das ZDF im Rahmen seiner Recherchen zur Lachgas-Episode der Reihe „Drogen-Land: Provinz im Rausch“ erhalten hat. Aktuelle Geschäftszahlen für Ramdon liegen nicht vor, aber allein im Gründungsjahr 2023 machte die Firma laut ZDF-Recherche mit 9 Mitarbeitern 93 Millionen Euro Umsatz – 22 Millionen Euro Gewinn.
Auf Anfragen, die direkt an die Marke Exotic Whip gerichtet sind, kommt keine Antwort. Ebenso stumm bleiben Online-Shops, die wir zum Verkauf befragen. Folgende Fragen gingen an die Weiterverkäufer:
Zwar kommen einige automatisierte Bestätigungen über den Eingang der Mail an, Antworten bleiben die Händler uns bis heute schuldig.
Besonders spannend: Das Argument, man richte sich mit dem Verkauf aromatisierter Gase an Hotels und Gastro, zieht nicht. Auf Nachfrage teilt uns der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband mit: „Nach unserem Kenntnisstand beschränkt sich der Einsatz von Gaskartuschen in der Lebensmittelherstellung auf minimale Mengen, beispielsweise zur Herstellung von Sahne oder Espuma mittels Siphons. Informationen über die Verwendung von Exotic Whip liegen uns nicht vor.“ So viel zum Thema, die ungewöhnlich großen Kartuschen seien perfekt für den Einsatz im Profibereich und entsprechend beliebt. Auch die Gilde Deutscher Barkeeper beantwortet unsere Anfrage: „Schon seit vielen Jahrzenten findet N2O Anwendung in der Küche und im Barbetrieb. Allerdings ausschließlich in nicht zu öffnenden Portionskapseln für die Herstellung von etwa Schlagsahne oder Schäumen (Espuma) in dafür geeigneten und zugelassenen Siphons. Die Marke [Anm. d. Red.: Der konkrete Markenname liegt vor und wird von uns bewusst nicht genannt] ist hier Marktführer und in Hotellerie und Gastronomie allgegenwärtig. Exotic Whip ist uns kein Begriff und auch nicht bekannt!“
Ähnlich äußert sich der Verband der Köche Deutschlands auf unsere Mail: „Kartuschen für Sahnegeräte, die mit (nicht-aromatisiertem) N2O oder CO2 gefüllt sind, kommen in vielen Profiküchen zum Einsatz und werden regelmäßig verwendet, um ein höheres Aufschlagvolumen zu erhalten, zum Beispiel für Schäume, Soßen, Suppen und Sahne. Die deutsche Köchenationalmannschaft arbeitet, so wie viele andere Gastronominnen und Gastronomen auch, im Regelfall mit den Chargers der Firma [Anm. d. Red.: Der konkrete Markenname liegt vor und wird von uns bewusst nicht genannt] und verwendet die dazu gehörigen [Sahnebereiter] als Flaschen mit unterschiedlichen Tüllen. Produkte des Herstellers Exotic Whip sind uns als Köchenationalmannschaft nicht bekannt.“ In einem älteren Statement des Verbands heißt es außerdem, dass Sahne und Schaum mit eigenem Geschmack – wie Exotic Whip sie ja verspricht – in der Küche sogar kontraproduktiv seien, weil man mehr Cremig- oder Schaumigkeit erreichen, nicht aber den Geschmack von Getränken oder Gerichten verändern wolle. Auch in der ZDF-Doku testet eine erfahrene Köchin und Restaurantbesitzerin die Exotic-Whip-Kartuschen. Ergebnis: Das versprochene Aroma des Gases überträgt sich geschmacklich gar nicht, es ist nur zu riechen. Bonus: Der zum Testen bestellte Siphon der Firma kommt nur mit reichlich Verzögerung, auf erneute Nachfrage und nach Suche im Lager an. Die Profiköchin ist mit der Handhabung des Geräts nicht zufrieden und bezweifelt den Nutzen im Gastro-Alltag.
Auf keinen dieser Punkte geht Ramdon in der vorgefertigten Antwort ein. Das vorgeschützte Narrativ, die Marke Exotic Whip richte sich ausschließlich an Profis in Bars, Hotels und Küchen, wird dreist beibehalten. Wie’s in Deutschland weitergeht, wird sich zeigen – ein Verbot von Lachgas als Partydroge wurde immerhin beschlossen und soll im April in Kraft treten. Bisher heißt es dazu im Koalitionsvertrag 2025 nur: „Eine Regelung zur Abgabe von Lachgas und GHB/GBL (sogenannte KO-Tropfen) legen wir vor.“ Es ist der einzige Satz, der sich auf die Droge bezieht. So gesellt sich noch jemand Stummes dazu, der unsere Mail unbeantwortet lässt, in der wir nachhaken, welche konkreten Maßnahmen geplant sind und wie die Tatsache bewertet wird, dass riesige Lachgaskartuschen völlig unkontrolliert in Kiosken direkt zusammen mit Luftballons beworben und verkauft werden: das Bundesgesundheitsministerium.
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