Mango, Kokos, Melone – aromatisiertes Lachgas ist bei jungen Erwachsenen voll im Trend. Wie schwer die Folgen des Konsums sein können, berichten zwei Ärztinnen. Wann ist Schluss mit lustig?
Die Modedroge Lachgas ist im deutschen Stadtbild angekommen: leere bunte Kartuschen stehen zuhauf an Straßenecken, man kann Gruppen von Jugendlichen bei der Anwendung beobachten.
Lachgas-Kartuschen in Köln. Quelle: Paulina Bombel, DocCheck.Auch auf der Treppe vor der DocCheck News-Redaktion in Köln sehen wir regelmäßig junge Männer, die fröhlich Lachgas konsumieren und zwischendurch immer wieder – vom kurzen Rausch benebelt – auf dem Asphalt liegen, bis sie wieder „klarkommen“. Anlass genug, sich der Anwendung nochmal aus medizinischer Sicht zu nähern und bei lokalen Stellen nachzufragen, ob und wenn ja, warum die Modedroge Ärzte beunruhigt.
Schon im 19. Jahrhundert wurde Lachgas auf Jahrmärkten zum Vergnügen angeboten – erst in diesem Zuge entdeckte man schließlich auch seine schmerzstillende Wirkung. So fand das Stickoxid mit der Summenformel N2O schließlich seinen Weg in die Zahnmedizin, wo es als Narkosemittel fortan bei Zahnextraktionen zum Einsatz kam. Lachgas wirkt analgetisch und schwach narkotisch, zeigt eine direkte negativ inotrope Komponente und bewirkt eine zentrale Sympathikus-Stimulation, die insbesondere bei kardial vorerkrankten Patienten klinisch bedeutsam werden kann. Das Gas diffundiert nach der Inhalation in die Alveolen und verdrängt dort den Sauerstoff. Im Zuge von Narkosen wird reiner Sauerstoff zugeführt, um einer drohenden Hypoxie vorzubeugen.
Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Halluzinationen, Veränderungen der Farbwahrnehmung, Dysphorie, Verwirrtheit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Singultus und Blutdruckabfall. Wie die meisten Inhalationsnarkotika führt Lachgas zu einer leichten Erhöhung des intrakraniellen Druckes. Bei sehr langer bzw. wiederholter Exposition kommt es zu einer irreversiblen Oxidation von Vitamin B12. Folge ist eine verminderte Methionin- und Folsäuresynthese, die zu einer Knochenmarkdepression mit Dyserythropoese und zu Demyelinisierungsprozessen führen können.
Beim Konsum als Droge stammt das Gas meist aus kleinen Gaspatronen oder größeren Gasbehältern (z. B. Exotic Whip), die ursprünglich zum Aufschäumen von Schlagsahne bestimmt waren. Lachgas wird dann in Partyballons abgefüllt und daraus eingeatmet. Konsumenten berichten von einer klaren psychischen Abhängigkeit. Weil es legal ist, werden die Konsequenzen aber unterschätzt.
Bei akuter Überdosierung von Lachgas besteht vor allem die Gefahr von Traumata und einer hypoxischen Schädigung des Gehirns. Mögliche Folgen sind schwere Lähmungen bis hin zur Querschnittslähmung und, im Extremfall, Tod. Falls Distickstoffmonoxid direkt aus dem Gasbehälter eingeatmet wird, kann es zu Erfrierungen an Lippen, Kehlkopf und Bronchien kommen. Bei chronischem Missbrauch können schwere hämatologische und neurologische Schäden durch die Inaktivierung von Vitamin B12 auftreten. Dazu zählen Leukopenie, Thrombozytopenie, megaloblastäre Anämie, funikuläre Myelose und periphere Neuropathie.
Die Bundesregierung hat Ende 2025 einen Gesetzentwurf verabschiedet, der Lachgas in die neue Anlage 2 des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes (NpSG) aufnimmt. Abgabe und Verkauf an Minderjährige sollen demnach in Deutschland verboten werden. Zusätzlich wurde die Abgabe von Lachgas-Kartuschen über Automaten und der Versandhandel an private Endverbraucher eingeschränkt. Für Erwachsene ist der reine Konsum derzeit legal, aber der Erwerb soll im Laufe des Jahres deutlich reguliert und eingeschränkt werden. Von den Verboten ausgenommen ist außerdem die Verwendung von Lachgas zu gewerblichen, industriellen oder wissenschaftlichen Zwecken sowie die Verwendung als Arzneimittel und Medizinprodukt.
Das große Problem ist, dass die meisten Konsumenten die schädlichen Folgen von Lachgas nicht kennen bzw. unterschätzen. Uns hat interessiert, was von den Auswirkungen der Droge bei Ärzten ankommt. Eins wurde schnell klar: Da der akute Konsum pharmakologisch relativ unbedenklich ist, spielen Intoxikationen im Not- und Rettungsdienst eine eher geringe Rolle. Das Problem tritt meist erst bei gesteigerten Dosen und chronischem Gebrauch zutage. Oberärztin Dr. Pia Floßdorf ist Neurologin an der Uniklinik Köln und bekommt dort vor allem die Auswirkungen des chronischen Lachgaskonsums mit. Ihr fallen in den letzten zwei bis drei Jahren besonders Patienten mit Langzeit-Störungen auf. Sie beschreibt im Interview mit DocCheck den typischen Lachgas-Patienten als Mitte zwanzig – etwas öfter männlich als weiblich –, mit kaum vorhandenem Störungsbewusstsein. Der Konsum werde oft bagatellisiert, da der Rausch so kurz und vergleichsweise mild erscheint.
Am häufigsten suchen sie Patienten mit Gangstörungen bzw. staksigem Gangbild und aufsteigendem Kribbeln in den Füßen oder Händen auf. Es können auch aufsteigende Lähmungen auftreten, die an das Guillain-Barré-Syndrom erinnern. Die Symptome würden schon relativ schnell bei den jungen Menschen auftreten und können durchaus erstmal übersehen werden. Oft kämen Patienten erst bei Beeinträchtigungen im Alltag zum Arzt, wenn etwa Beschwerden beim Sport aufkommen oder gar eine erektile Dysfunktion oder Blasenstörungen auffallen. Auch wirken diese Patienten oft antriebslos, Begleitpersonen berichten von Verhaltensänderungen und auffallender ZNS-Depression.
Eine laborchemische Lachgas-Diagnostik gibt es nicht, sagt Neurologe Dr. Oliver Kastrup. Es sollten neben dem Vitamin-B12-Spiegel auch Folat und Methylmalonsäure (MMA) bestimmt werden. In der Klinik können außerdem elektrophysiologisch messbare Nervenschäden festgestellt werden. Dr. Floßdorf erzählt im Gespräch: „Man weiß nie vorher, wie reversibel das ist“. Die Patienten erhalten von den Ärzten dann eine Substitutionstherapie mit Vitamin B12 in Hochdosis über mehrere Wochen. „Manchmal erholen sie sich gut, manchmal aber auch nicht bzw. nur inkomplett.“ Vor allem wichtig für Ärzte, betont Kastrup: Menschen, die sich vegan ernähren, sind noch gefährdeter, wenn sie zusätzlich Lachgas konsumieren, da bei ihnen ein intrinsisch erhöhtes Risiko für einen Vitamin-B-Mangel besteht – vor allem, wenn nicht supplementiert wird. Auch bei Patienten mit Bulimie oder Anorexie muss besonders nachgefragt bzw. auf das erhöhte Risiko hingewiesen werden.
Eines liegt Dr. Floßdorf besonders am Herzen: „Der Konsum müsste besser reguliert werden und wir brauchen mehr Aufklärung.“ Die Ärztin ist vor allem erschüttert vom fehlenden Bewusstsein bei den Konsumenten. Sie erinnert sich an einen dramatischen Fall, „wo ein junger Mann durch den Lachgas-Konsum von mehr als zwei Jahren irgendwann durch die neurologischen Beschwerden so viel gesessen und gelegen hat, dass er schließlich neben Luftnot auch eine tiefe Beinvenenthrombose entwickelte, die dann zu einer Lungenarterienembolie führte. [...] Der ist dem Tod hier quasi gerade noch von der Schippe gesprungen und hat nur durch eine OP und den Einsatz der Herzlungenmaschine überlebt.“
Auch Petra Förster, Oberärztin bei der Giftzentrale des Universitätsklinikums Bonn, hat auf Anfrage von DocCheck den angestiegenen Konsum von Lachgas wahrgenommen. Während 2006–2022 insgesamt 15 Fälle von Lachgaskonsum bei ihr erfasst wurden, stiegen die Zahlen 2023 und 2024 um mehr als 100 Prozent pro Jahr. Die jüngste Patientin mit erfasster Abusus-Meldung war gerade einmal 14 Jahre alt. „Mich ruft ja keiner an und sagt ‚Ich habe Lachgas konsumiert und mir ist so komisch‘, das ist eher mal das Ordnungsamt, weil dann z. B. jemand mit dem ganzen Auto voller Kartuschen aufgefunden wird und ich gefragt werde, ob die Person überwacht werden muss. Oder es melden sich Ärzte aus der Klinik, wo ein Jugendlicher da ist, der plötzlich nicht mehr laufen kann, also mit den typischen neurologischen Symptomen.“
Die Liste der von ihnen erfassen Symptome ist lang und reicht von Parästhesien, Lhermitte-Zeichen, Schmerzen, reduzierter Propriozeption, Nystagmus über Ataxien, Tremor und fehlende Reflexe hin zu kognitiven Symptomen wie Verwirrtheit, Halluzinationen, Hypomanie, Gedächtnisstörungen, Schlaflosigkeit und natürlich hämatologische Effekte, die durch den Vitamin-B12-Mangel entstehen, wie Rhabdomyolyse, Muskelschwäche, Nierenveränderungen. „Es ist wirklich einiges, weswegen wir kontaktiert werden, und das kann man nicht mit einer Infusion wieder richten“, erzählt sie im Interview. Leider können sie die Patienten in den meisten Fällen nicht nachverfolgen, um Langzeit-Daten zu erfassen. „In diesem Fall ist der Vitaminmangel ja eine logische Konsequenz des Konsums, nicht wie bei anderen Drogen, wo etwas passieren kann oder nicht – sondern das passiert auf jeden Fall, bei jedem gleich, und zwar dosisabhängig.“
Die Ärztinnen sind sich einig: Lachgas ist zu einem großen Problem geworden und die Folgen des langfristigen Konsums werden erst allmählich sichtbar. Bisher ist Lachgas an jedem Kiosk zu kaufen – leicht verfügbar, günstig und ohne Alterskontrolle. Ab Mitte des Jahres wird der Erwerb etwas schwieriger – der Konsum für Menschen ab 18 Jahren bleibt aber erlaubt. Was nötig wäre, um junge Menschen vor den schwerwiegenden Folgen der Droge zu schützen, wären großflächige Informations-Kampagnen. Damit der Konsum zumindest in dem Verständnis stattfindet, welche körperlichen Schäden hierdurch entstehen können und wie schnell es dazu kommen kann.
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