Dieselbe Blutung kann im OP sehr unterschiedliche bewertet werden. In der Chirurgie handelt es sich häufig um elektive Operationen, bei denen Art und Ausmaß möglicher Blutungen im Vorfeld grob eingeschätzt werden können. In der Unfallchirurgie sind die Situationen hingegen deutlich weniger vorhersehbar. Unerwartete und starke Blutungen erfordern ein rasches Reagieren. Diese unterschiedlichen Einschätzungen des Blutungsgrades können sich stark auf die Auswahl von Hämostatika und Versiegler auswirken. Dabei spielen Faktoren wie Stress und Zeitdruck eine entscheidende Rolle, wodurch eine sorgfältige Abwägung, welches Hämostatikum am besten eingesetzt werden soll, nicht immer möglich ist. Das Ergebnis: uneinheitliche Kommunikation im OP-Team, suboptimale Produktwahl und vermeidbare Risiken für Patient*innen. So kann es am Ende passieren, dass man mehr Zeit- und Hämostaseverbrauch während der OP hat.
Was bislang fehlte, war ein einheitliches, objektives Messverfahren zur Bewertung intraoperativer Blutungen.1
Mit der VIBe-Skala (Validated Intraoperative Bleeding Scale) von Baxter steht eine validierte und erstmals von der FDA zugelassene Blutungsskala zur Verfügung. Sie ermöglicht eine standardisierte Einteilung intraoperativer Blutungen nach klar definierten Schweregraden und schafft damit ein gemeinsames Verständnis im OP.1
Die VIBe-Skala erlaubt:1
Damit wird aus einer subjektiven Einschätzung eine reproduzierbare, vergleichbare Bewertung – unabhängig von Fachrichtung oder individueller Erfahrung.1
Abbildung 1. VIBe-Skala (Baxter©)
Ein zentraler Vorteil der VIBe-Skala liegt in der Differenzierung und gezielten Auswahl von Hämostatika.1 Je nach Blutungsgrad kommen unterschiedliche Produkte infrage, passive oder aktive Hämostatika.2 Die Skala unterstützt dabei, das richtige Produkt für die jeweilige klinische Herausforderung zu wählen.1
Eine weltweite Umfrage unter Chirurg*innen zeigte, dass eine standardisierte Bewertung intraoperativer Blutungen dazu beitragen kann, den Schweregrad von Blutungen besser einzuschätzen, die Wahl der Hämostatika zu präzisieren und intra- und postoperative Komplikationen zu reduzieren.3 Denn: Wird der Schweregrad einer Blutung korrekt eingeschätzt, kann gezielter reagiert werden.
Neben medizinischen Vorteilen verbessert die VIBe-Skala auch die Kommunikation im OP-Team. Wenn alle Beteiligten dieselbe „Sprache“ sprechen und denselben Blutungsschweregrad vor Augen haben, werden Entscheidungen transparenter und nachvollziehbarer.1
Nicht zuletzt spielt auch der ökonomische Aspekt eine Rolle: Eine indikationsgerechte, zielgerichtete Nutzung von Hämostatika hilft, Ressourcen sinnvoll einzusetzen und unnötige Kosten zu vermeiden.2
Gerade die Neurochirurgie zeigt, wie wichtig eine präzise und standardisierte Blutungsbewertung ist. Intrakranielle Eingriffe lassen nur minimale Blutungsmargen zu, wodurch selbst geringe Blutverluste gravierende neurologische Folgen haben können. Genau da stößt die VIBe-Skala an Grenzen, da hier eine noch feinere Differenzierung als die reine Blutungsintensität erforderlich ist. Eine deutsche Expertengruppe entwickelte deshalb eine zusätzliche qualitative Blutungsskala inklusive Hämostase-Algorithmus speziell zugeschnitten auf intrakranielle Eingriffe, um Fehlentscheidungen zu vermeiden, das Outcome zu verbessern und eine konsistente Kommunikation im OP sicherzustellen.4
Die VIBe-Skala schafft ein gemeinsames, objektives Verständnis für das Ausmaß intraoperativer Blutungen. Sie unterstützt evidenzbasierte Entscheidungen, verbessert die Kommunikation im OP, kann Komplikationen reduzieren und trägt zu einer effizienteren Ressourcennutzung bei.
Wer tiefer in die Auswahl passender Hämostatika einsteigen möchte, findet weitere Informationen im Beitrag zur Wahl der Hämostatika in der Praxis.
Bildquelle: @iStock/ID: 2158982527
DE-AS39-260001