Die intraoperative Hämostase stellt im klinischen Alltag eine erhebliche Herausforderung dar, insbesondere bei Patient*innen mit krankheitsbedingten Gerinnungsstörungen oder unter antikoagulativer Therapie.1 Bei diesen Patient*innen sind nicht alle blutungsstillenden Verfahren gleich wirksam.2 Eine intakte Hämostase ist für die Blutstillung entscheidend und der Körper kann diese bei Fehlfunktionen nur eingeschränkt selbst übernehmen. Eine effektive und sorfgältige Blutstillung ist außerdem essenziell, um langfristigen Komplikationen, z. B. Anämie, Infektionen, Adhäsionen vorzubeugen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine strukturierte Einteilung der verfügbaren Hämostatika in aktive und passive Substanzen sinnvoll.1-3
Die Hämostase ist ein genau gesteuerter, mehrstufiger Prozess, der nach Gefäßverletzung eine schnelle Blutstillung ermöglicht. Sie lässt sich in primäre und sekundäre Hämostase unterteilen:
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Im OP reicht der körpereigene Gerinnungsprozess häufig nicht aus, weshalb Hämostatika zum Einsatz kommen.1,5 Da es zahlreiche verschiedene Produkte mit unterschiedlichen Wirkmechanismen gibt, kann die Auswahl des am besten geeigneten Hämostatikums unter Zeitdruck und in stressigen OP-Situationen schwierig sein.1 Um Chirurg*innen eine Orientierung zu geben, hat Baxter die Einteilung in aktive und passive Hämostatika eingeführt. So lässt sich das passende Produkt gezielter für die jeweilige Blutungssituation auswählen.1,2
Aktive Hämostatika wirken unabhängig vom Gerinnungsstatus der Patient*innen. Eine vollständig intakte plasmatische Gerinnung ist nicht zwingend erforderlich, weshalb sie insbesondere bei Gerinnungsstörungen oder unter antikoagulativer Therapie relevant sind.1,2 Häufig handelt es sich um Kombinationsprodukte, die die Blutgerinnselbildung direkt fördern und eine schnelle, wirksame Blutstillung unterstützen. Aktive Hämostatika können bei moderaten bis stärkeren Blutungen eingesetzt werden.1-3
Passive Hämostatika sind hingegen abhängig von der Gerinnungsstatus der Patient*innen. Sie unterstützen die körpereigene Blutgerinnung, indem sie über Kontaktaktivierung die Thrombozytenadhäsion/-aggregation verstärken. Ihre Wirksamkeit ist typischerweise auf geringgradige Blutungen begrenzt.1
Die folgende Abbildung 1 zeigt, wie Hämostatika in aktiv und passiv eingeteilt werden können:
Abbildung 1: Einteilung aktiver und passiver Hämostatika (Baxter©)
Organe und innere Gewebsstrukturen besitzen normalerweise eine glatte und gleitfähige Oberfläche, die eine reibungsarme Bewegung ermöglicht. Postoperativ können sich jedoch Adhäsionen bilden, die auf eine lokale Gewebeschädigung im Rahmen der Wundheilung zurückzuführen sind. Dabei spielen entzündliche Reaktionen, Fibrinablagerungen und eine unzureichende Fibrinolyse eine zentrale Rolle. In der Folge kann es zu Verklebungen von Organen und inneren Gewebestrukturen kommen. Diese bleiben häufig unauffällig, können in manchen Fällen jedoch die Beweglichkeit der Organe einschränken und Beschwerden bei Patient*innen verursachen.4 Unspezifische oder überschießende Blutstillungsmaßnahmen können diese Prozesse verstärken. Dies gilt insbesondere bei vermehrtem Einsatz von Fremdmaterialien oder bei persistierendenden Blutkoageln im Operationsgebiet.4 Eine gezielte Auswahl von Hämostatika kann zu einer kontrollierten Hämostase beitragen und Folgeeingriffe zur Entfernung von klinisch relevanten Adhäsionen vorbeugen. Entscheidend ist dabei die bedarfsgerechte Anwendung auf Basis aktiver und passiver Produkte. So kann die physiologische Wundheilung gezielt unterstützt werden.1,3,4
Die Einteilung in aktive und passive Hämostatika schafft im OP eine klare Entscheidungslogik und unterstützt eine standardisierte, indikationsgerechte Blutstillung – mit klinischen und ökonomischen Vorteilen:
Im OP ist der individuelle Gerinnungsstatus der Patient*innen entscheidend für die Wahl des Hämostatikums. Die gezielte Auswahl aktiver vs. passiver Hämostatika unterstützt eine kontrollierte Blutstillung und kann zur Reduktion postoperativer Adhäsionen beitragen – mit dem Ziel, Folgeeingriffe zur Adhäsiolyse zu vermeiden.
Welche Produkte als aktive und passive Hämostatika am besten für unterschiedliche Blutungsarten eignen und wie Blutungen sinnvoll mithilfe der VIBe-Skala (Visual International Bleeding Scale) eingeteilt werden, erfahren Sie in den nächsten Beiträgen über die Wahl der Hämostatika in der Praxis und die VIBe-Skala.
Bildquelle: @iStock/ID: 533230413
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