Der PC stürzt ab, Ersatz gibt’s nicht – ein ganz normaler Montag in einer deutschen Klinik. Wie sollen wir so Leben retten? Ein Blick auf unser Gesundheitswesen zwischen Cyberangriff, Blackout und Realitätsverweigerung.
Es ist Montagmorgen, Visitenzeit. Der mobile PC wird gestartet – und stürzt ab. Nach zehn Minuten Suche haben wir ein Ersatzgerät gefunden. Der Rechner fährt endlich hoch, aber das KIS startet nicht – WLAN-Störung. Dann wird eben der Router neu gestartet. So, endlich kann es losgehen. Klick auf den ersten Patienten – Bluescreen, das KIS stellt die Arbeit ein. Und damit herzlich willkommen im halbdigitalen Deutschland …
In einem meiner letzten Artikel habe ich bereits über den Alltag einer Ärztin in einem deutschen Krankenhaus berichtet – und zu welchen fatalen Problemen schlechte Kommunikation, unzureichende Infrastruktur und eine nicht vorhandene Fehlerkultur führen können. Es drängt sich die Frage auf, wie man unter solchen Normalbedingungen arbeiten soll. Gehen wir noch einen Schritt weiter. Stellen wir uns die Situation einer Krise vor – und nehmen all diese Defizite mit. Und dazu passieren auch noch Dinge, die wir nicht beeinflussen können: flächendeckende Stromausfälle, Naturkatastrophen und politische Unruhen bis hin zum Krieg. Was dann?
Mein Kollege Tim Knoop hat dazu bereits einen sehr guten Beitrag geschrieben, der insbesondere aus der Sicht der Arztpraxen und des ambulanten Systems den Finger in die Wunde legt. Dieser Beitrag soll vor allem die Situation in den Kliniken etwas näher beleuchten.
Wie würde so ein Tag in der Krise aussehen? Sofern eine Sicherheitsarchitektur existiert, liefert ein Generator Strom fürs Nötigste – auf der Intensivstation und in der Notaufnahme sind zumindest Beatmung, Dialyse und Monitoring einsatzbereit. Im Idealfall gibt es eine unabhängige Energiequelle, etwa eine Solaranlage mit Batteriespeicher. Doch das ist in deutschen Kliniken eher die Ausnahme als die Regel.
Wie sähe die ärztliche Arbeit wirklich aus? Wenn wir den PC starten, um Laborwerte einzusehen – haben wir Zugriff? Blockiert das KIS schon beim Hochfahren? Können wir Endoskopien, Ultraschalluntersuchungen, Operationen und CTs durchführen, wenn die Software ihre Freigabe nur über ein zentrales System erhält? Funktioniert die Kommunikation, wenn das Telefonnetz zusammenbricht und das Intranet tot ist? Und was, wenn zeitgleich der Versorgungsweg für Medikamente oder Laborproben unterbrochen ist? Wie dokumentieren wir die Arbeit im Krisenfall – und wie pflegen wir diese Daten später in unsere Systeme ein?
Und das ist nur die Routineversorgung der stationären Patienten. Parallel werden die Notaufnahmen mit Patienten geflutet – vom Rettungsdienst selbst und durch besorgte Bürger, die Hilfe und Rat suchen. Keiner weiß, wer mit was als Nächstes kommt, Voranmeldungen und Telefone funktionieren nicht mehr. Das Personal ist längst über dem Limit. Zwei beatmungspflichtige Patienten kommen gleichzeitig, die Intensivstation ist überfüllt. Der nächste RTW rollt an: eine offene Fraktur mit starker Blutung. Auf dem Flur hektische Stimmen, Geschrei. Ein Patient wird vor dem Aufzug reanimiert, weil alle Räume besetzt sind. Ein völlig verwahrloster Patient von der Straße muss gewaschen werden. In der überfüllten Notaufnahme gehen wir zum Wasserhahn – es kommt kein einziger Tropfen Wasser. Die EDV der Wasserwerke wurde gehackt. Und noch eine verzweifelte Frage: Wie bekommt man eigentlich ausreichend Wasser für viele Hundert Patienten und Personal?
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) warnt vor einer neuen Qualität von Krisen: „hybriden Bedrohungen“. Sie verbinden physische und digitale Angriffe – Stromausfall, Sabotage, Cyberattacke, Desinformation – und finden bereits jetzt regelmäßig in Deutschland und der gesamten Europäischen Union statt. Unser Gesundheitswesen ist ein ideales Ziel: hoch digitalisiert, aber fragmentiert, von stabiler IT und globalen Lieferketten abhängig. Wenn Technik, Kommunikation oder Energieversorgung ausfallen, steht schnell die Patientenversorgung still.
Quelle: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)
Es ist nicht so, dass sich noch niemand darüber Gedanken gemacht hätte. In Finnland ist man seit langem vorbereitet. Und auch in Deutschland gibt es jetzt die neue strukturierte BBK-Broschüre Vorsorgen für Krisen und Katastrophen, die in klarer Sprache eindringlich daran erinnert: Deutschland ist (noch) relativ sicher, aber keineswegs krisensicher. Dennoch dominiert in Krankenhäusern und Praxen Verdrängung. Zwischen Kostendruck, Personalmangel und Digitalisierungsoffensiven bleibt Krisenvorsorge selten mehr als ein theoretischer Punkt auf dem Papier.
Krisen treffen nicht nur Technik, sondern vor allem Menschen. Wer täglich Verantwortung trägt, braucht Struktur und mentale Stabilität – besonders, wenn die Routine versagt. Doch echte Krisenübungen finden in den wenigsten Häusern statt. Resilienz ist keine Modefloskel, sondern Überlebenskompetenz – organisatorisch wie persönlich. Wer entsprechende Kontakte hat, kann medizinisches Personal aus der Ukraine befragen, wie man dort unter maximaler Gefahr und ständigem Mangel die Patientenversorgung versucht aufrechtzuerhalten. Insbesondere deren Resilienz, der Pragmatismus und der Erfindungsreichtum sind beeindruckend – wir können sehr viel von diesem Land und seinen Menschen lernen.
Aber auch in vielen skandinavischen (hier und hier)und osteuropäischen Ländern ist man sich der Gefahren und der eigenen Defizite bewusst. Vorbereitung und Training sind dort nichts für ein paar „verrückte Prepper“, sondern Alltag und Commonsense.
Und bei uns? Hier ist auch medizinisches Personal privat kaum besser vorbereitet als die Allgemeinbevölkerung. Die BBK empfiehlt Wasser- und Lebensmittelvorräte, Notgepäck und batteriebetriebene Radios. Doch wer nach einem 10-Stunden-Dienst nach Hause kommt, prüft selten Taschenlampen, Powerbanks oder Wasservorräte. Warum eigentlich nicht? Dabei gilt: Wer selbst sicher ist, kann auch in einer Krise für andere da sein. Viele werden das aus dem eigenen Umfeld kennen: Bei medizinischen Problemen aber auch allgemeinen Krisen fragt man gern mal „die nette Ärztin im Haus“. Krisenvorsorge beginnt im Privaten – und ist Voraussetzung für berufliche Handlungsfähigkeit.
Deutschland steht an einem Wendepunkt. Wir erleben eine reale Zeitenwende – nicht nur geopolitisch, sondern infrastrukturell, digital und mental. Das Gesundheitswesen, digitalisiert und systemrelevant, muss sich dieser Realität endlich stellen. Vorsorge ist keine Panikmache, sondern professionelle Verantwortung. Denn wenn der Alltag unterbrochen wird, zählt nur eines: Wer vorbereitet ist, rettet Leben – vielleicht auch das eigene.
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