Ein Beitrag zur strukturellen Exklusion nicht approbierter Berufsgruppen auf medizinischen Fachplattformen.
Wenn Hippokrates heute den Mund der freien medizinischen Rede aufschneiden müsste – er würde mit feiner Klinge und ruhiger Hand ansetzen. Denn wo einst Austausch und Erkenntnis standen, klafft in der digitalen Sphäre eine Wunde, die nicht geschlossen werden will – oder schlimmer: die man hastig und ohne Sorgfalt mit nicht resorbierbarem Nahtmaterial verschloss.
Unsere Plattform, ein langjähriges Sammelbecken medizinischer Fachkommunikation, hat still und systematisch den Diskursraum für eine gesetzlich anerkannte Berufsgruppe geschlossen: HeilpraktikerInnen. Während sich Logopädinnen, Pflegefachpersonen, MedizininformatikerInnen, pharmazeutisches Personal und viele andere, frei im Kommentarteil bewegen, bleibt dieser einer Berufsgruppe vollständig verwehrt – auch jenen in Ausbildung, mit Nachweis und Registrierung.
Sutura oris: Die Naht am Mund
Es handelt sich nicht um einen temporären Zustand, sondern um ein flächendeckendes, dauerhaftes Verstummen. Unter redaktionellen Beiträgen, die sich regelmäßig in abwertender Weise mit Naturheilkunde oder dem Heilpraktikerwesen befassen, erscheint lapidar:„Kommentare und Kommentarbewertungen sind nur für bestimmte Berufsgruppen zugelassen.“
Doch wer entscheidet hier über Diskurszugang – und auf welcher Grundlage?
Die Naht, die gelegt wurde, ist grob, asymmetrisch und unter schlechten Lichtbedingungen ausgeführt. Hände – einst auf Wissen geeicht – sind fixiert. Es bleibt weder Korrektur noch Verteidigung. Statt Wundheilung entsteht ein chronischer Reizzustand – ein Dekubitus des Diskurses.
Struktur statt Einzelfall: Kein chirurgischer Zufall
Die Sperre betrifft nicht Einzelfälle, sondern ist systematisch. Betroffen ist eine vollständige Berufsgruppe – gleich ob sie seit 20 Jahren praktiziert oder im dritten Ausbildungsjahr steht.
Auch unter Beiträgen, die aus der Redaktion selbst stammen, bleibt der Diskurs verschlossen – trotz § 2 der DocCheck-AGB, die „Angehörigen medizinischer Heilberufe und Personen in Ausbildung“ ausdrücklich den Zugang zusichern.
Währenddessen steigen Ton und Schärfe der redaktionellen Beiträge.
Die Artikel „Heilpraktiker: Zwischen Haut und Humbug“ (08.05.2025) oder
„Homöopathie: Wir haben’s getan“ (17.04.2025) bedienen sich offener Polemik und teils respektloser Bildsprache.
Das jüngste Beispiel: ein redaktioneller Brief an eine Bekannte – mit dem Tenor:
„Warum arbeitest du als Heilpraktikerin für Psychotherapie?“ Der Tonfall changiert zwischen Pathologisierung und öffentlicher Bloßstellung. Der Kommentarbereich? Verschlossen – zumindest für jene, die betroffen sind.
Diskurs als medizinische Pflicht: Epikur weint, Hippokrates schweigt
Was hier geschieht, ist keine Randnotiz im digitalen Alltag.
Es ist ein Beispiel für institutionelle Gatekeeping-Mechanismen, die sich hinter algorithmischer Moderation und „redaktionellen Entscheidungen“ verbergen.
Während sich DocCheck auf Kanalregeln beruft, bleibt die Verantwortung als Plattformbetreiber außen vor. Dabei ist sie es, die Reichweite schafft, Tonalität prägt und Diskursräume definiert – oder eben verschließt.
Man darf sich fragen: Wäre Galenos bereit gewesen, neben Asklepios zu stehen, wenn diesem öffentlich der Mund zugenäht worden wäre?