KOMMENTAR | Erste Hilfe, gesunde Ernährung, Mediennutzung: Ein eigenes Schulfach „Gesundheit” könnte all das vermitteln. Nur leider gibt es das bislang kaum – hier ein Blick auf den Status quo.
Der Präsident der Bundesärztekammer hatte bereits vor 7 Jahren einen Vorschlag gemacht, der beeindruckt: die Einführung des Faches „Gesundheit“ in Schulen. Eine zukunftsorientierte Initiative – aber lässt sie sich so einfach umsetzen? Und, viel wichtiger: Was ist seither geschehen?
Prävention ist immer besser als spätere Therapie, viele Bemühungen der Medizin setzen genau darauf: Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen, Krebsfrüherkennung. Wiederholte Studien weltweit unterstützen das: Prävention zahlt sich am Ende aus, erreicht Menschen flächendeckend und spart Geld. Primärprävention heißt dabei vor allem, die Gesellschaft zu gesundem Verhalten im Alltag anzuleiten.
Wir alle wissen ungefähr, was gesunde Ernährung bedeutet. Wir haben schon mal etwas von „ausreichend Trinken“, „five a day“ und der „Ernährungspyramide“ gehört und haben eine grobe Vorstellung, dass Alkohol, Nikotin und Bewegungsmangel der Gesundheit abträglich sind. Wir wissen davon, weil wir vielleicht gesundheitsbewusste Eltern hatten, vielleicht weil wir zufällig eine Fernsehsendung oder einen Zeitungsartikel – ach nein: ein TikTok-Video oder ein Instagram-Reel gesehen haben.
Eine systematische Bildung zur Gesundheit wäre da eine gute Idee. Entwickeln wir ein Curriculum, das Grundschüler anspricht (gesunde Ernährung und Bewegung, Medienbewusstsein, Erste Hilfe), später die Mittelstufe (soziale Medien, Neurodivergenz, gesunde Körperbilder), hin zur Oberstufe (Verhütung, Drogen, Gesellschaftsmedizin, Prävention im familiären Umfeld, Gesundheitsberufe im Überblick). Niemand muss wissen, wie man Scharlach diagnostiziert oder behandelt. Aber wäre es nicht toll, wenn Schüler wüssten, wie man eine Blutung stillt, welchen Nutzen Impfungen haben – und wo man im Internet seriöse, evidenzbasierte Informationen bekommt?
Die stille Hoffnung dabei: Aus gesundheitsgeschulten Kindern werden gesundheitsbewusstere Eltern. Womöglich geben die Schüler ihr Wissen schon in der Familie weiter, und alle gehen gemeinsam gesund auf dem Markt einkaufen oder machen eine Fahrradtour, weil Bewegung ja so wichtig ist.
Ein Schulfach Gesundheit kann fächerübergreifend helfen: im Sport, im Biologieunterricht, in Gesellschaftskunde. Sogar Medizingeschichte kann enormes Vorwissen für heutige Entwicklungen bieten. Die Suche nach Antibiotika oder die ersten Schritte der Chirurgie faszinieren Kinder und Jugendliche vermutlich mehr als die Französische Revolution.
Schulfächer sind Ländersache, teilweise sogar Entscheidung der einzelnen Schulen. Und schließlich brauchen wir Lehrer, die ein Fach „Gesundheit“ vermitteln können. Macht das der Biologielehrer, der seit Jahrzehnten von Bienchen und Blümchen im Sexualkundeunterricht redet? Oder können das besser Quereinsteiger aus der Medizin: Rettungssanitäter, Ärzte, Pfleger? An anderer Stelle hatte ich bereits die Rolle von „Gemeindeschwestern“ bzw. „Schulschwestern“ besprochen, die ebenfalls unterrichten könnten. Weitergegebenes Wissen aus den Familien ist genauso vorstellbar: Diabetes, Bluthochdruck oder Rückenprobleme sind Volkskrankheiten, da kann jedes Familienmitglied berichten.
Ja, gibt es. An Hamburger Grundschulen gibt es inzwischen Schulgesundheitsfachkräfte. Das Modellprojekt läuft seit 2020 und wurde nach Evaluation zum 1. Januar 2025 dauerhaft für 11 Grundschulen mit niedrigem Sozialindex verstetigt. Diese Fachkräfte machen nicht einfach „Erste Hilfe“, sondern schulen in Gesundheitsförderung und -kompetenz, erkennen gesundheitliche Probleme frühzeitig und setzen auf Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrkräften. Die Evaluation ist bemerkenswert: 98,5 % der befragten Lehrkräfte wünschten sich eine dauerhafte Präsenz der Fachkräfte, 98,6 % der Schüler berichteten von mindestens einem positiven Effekt bzw. konkreter Unterstützung.
In Nordrhein-Westfalen existiert am Beruflichen Gymnasium Gesundheit und Soziales ein Fach „Gesundheit“ mit 5 Wochenstunden über die Oberstufe, hinzu kommen Biologie, Biochemie und Psychologie. Im Abiturfach Gesundheit finden sich Inhalte wie Prävention und Gesundheitsförderung, Epidemiologie, Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rehabilitationsmaßnahmen, Sexualität/Reproduktion oder Allergien.
Und: AOK Rheinland/Hamburg und die zugehörigen Ärztekammern haben bereits 2001 das Programm „Gesundheit macht Schule“ aufgelegt. Ärzte übernehmen dabei eine Art Schulpatenschaft und vermitteln Wissen zu Ernährung, Bewegung, Sexualerziehung, Suchtprävention und Stärkung der Kinder. Sie unterstützen Lehrer in der Weiterbildung und richten Elternabende aus. Für das Schuljahr 2026/27 werden aktuell sogar Patenärzte für konkrete Grundschulen gesucht.
Aber es bleiben fragmentierte Bemühungen in einzelnen Bundesländern, ja, einzelnen Schulen. Eine konzertierte Aktion bundesweit ist noch nicht entstanden.
Das Fach selbst wäre unendlich, der Inhalt könnte alle Schulformen und Altersgruppen umfassen. Aber finden sich die entsprechenden Stunden pro Woche? Wer erarbeitet ein Curriculum, das nicht zu realitätsfern und trotzdem spannend für die Schüler ist? Und wer bezahlt die Quereinsteiger, die den Unterricht anbieten?
Gesundheitsvermittlung bedeutet für viele Kinder und Jugendliche automatisch Wissensvermittlung mit erhobenem Zeigefinger – das gilt es zu vermeiden. Gesundheitsvermittlung muss spannend und lebensnah sein, nicht trocken oder belehrend. Nur so ist eine nachhaltige Wirkung gewährleistet. Und schließlich: Jugendlich sein heißt oft auch, sich riskant, provokant und oppositionell zu verhalten, Dinge auszutesten. Jugendliche haben den Nimbus der Unsterblichkeit, gleichzeitig den der leichtsinnigen Beeinflussbarkeit. Verträgt sich das mit vernünftiger, vermeintlich nüchterner Wissensvermittlung?
Aus dem Appell des Ärztepräsidenten aus dem Jahr 2019 hat sich noch zu wenig entwickelt. Die Bundesärztekammer schreibt in ihrem Tätigkeitsbericht 2025 ausdrücklich, dass weiterhin verbindliche Lehrpläne für Gesundheit und Gesundheitserziehung fehlen und Gesundheitskompetenz kein fester Bestandteil bestehender Fächer wie Biologie oder Sachkunde ist. Auch die letzten beiden Deutschen Ärztetage forderten ausdrücklich „Gesundheit als eigenständiges Schulfach“ und „Reanimationsunterricht an Schulen verbindlich einzuführen“, außerdem die „Folgefinanzierung und Ausbau von Schulgesundheitsfachkräften an öffentlichen Schulen“ und die „Stärkung der Gesundheitskompetenz“ – und damit die „Verbesserung der gesundheitlichen Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen“.
Frühe Gesundheitsvermittlung ist eine zukunftweisende Innovation. Schulen müssen ein Gegengewicht bieten zu Halbwissen im Internet und Risikoverhalten im Jugendalter. Die offensichtlichen Hürden – adäquates Lehrpersonal, Zeitaufwand, die Entwicklung eines altersangepassten Curriculums – dürfen als Herausforderung verstanden werden. Damit aus den Appellen auch konkrete Schritte werden.
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