School Nurses vermitteln Gesundheitskompetenz und unterstützen Schüler mit chronischen Erkrankungen. Das Konzept soll jetzt auch in Deutschland eingesetzt werden – und könnte die Versorgung effektiv entlasten.
„Es gibt keinen Ruhm in der Prävention“ – mit diesem Ausspruch brachte der britische Epidemiologe Geoffrey Rose ein zentrales Dilemma in der Medizin auf den Punkt: das Präventionsparadoxon. In der Corona-Pandemie rückte das Sprichwort durch Prof. Christian Drosten erneut in den Fokus. Während alle nach Impfstoffen und Therapien schrien, blieb die stille Arbeit der Vorbeugung oft unbeachtet. Und im Alltag? Da wird Prävention gern ignoriert – sei es bei der Ernährung, dem Verzicht auf die nächste Zigarette oder beim Mammographie-Screening. Dabei ist sie der beste Schutz, den wir haben.
Das Thema ist nicht nur für Erwachsene von Bedeutung. Prävention beginnt im besten Fall schon bei Kindern. Zur alltäglichen Präventionsarbeit in den kinderärztlichen Praxen soll nun ein neuer Baustein in den Schulen hinzukommen: Die School Nurses erleben eine Renaissance.
In meiner Praxis bedeutet Prävention fast die Hälfte der Arbeit: Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen, Beratung zu Unfallverhütung, Zahnhygiene, Motorik, Sprache – und später bei Jugendlichen Suchtprävention, Verhütung oder der Erhalt der psychischen Gesundheit. Und immer wieder: Ernährung, Übergewicht, Medienkonsum.
Mediziner unterscheiden drei Stufen der Prävention
Jedes Kind hat Anspruch auf die Vorsorgeuntersuchungen der Krankenkassen U1 bis J2 – von der Geburt bis ins Teenageralter. Sie sind eine Mischung aus Früherkennung und Beratung. Hinzu kommt eine körperliche Untersuchung, die im Grunde auch einer Erkennung von bestehenden Erkrankungen dient, so beispielsweise von Herzgeräuschen, körperlicher Entwicklung (Reifezeichen, Zahnentwicklung, Entwicklung des Genitales usw.), altersentsprechender Entwicklung in Motorik, Sprache oder Sozialverhalten. Dieses System hat sich vielfach bewährt – früher bestehende Lücken (z. B. der Untersuchung mit 3 Jahren oder zwischen 5 Jahren und Jugendalter) wurden über die Jahre geschlossen.
Eine gesunde Gesellschaft erkennt: „Vorbeugen ist günstiger als heilen.“ Chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter (Herz-Kreislauf, Rücken, etc.) kosten nicht nur Geld, sondern auch Lebensqualität. Investitionen in Prävention senken langfristig die Gesundheitskosten – theoretisch einleuchtend, praktisch oft Streitpunkt in der Gesundheitspolitik. Doch Prävention bedeutet mehr als Medizin: Sprachförderung in Kitas, verpflichtende Sprachtests vor der Einschulung, vielleicht sogar ein verpflichtendes Kindergartenjahr. „Pisa lässt grüßen“ – frühkindliche Förderung zahlt sich aus, in Gesundheit und Bildung.
Ein ambitioniertes Projekt soll nun ein neuer Baustein der Prävention werden: Früher hießen sie „Schulschwestern“, heute „School Nurses“. Und sie sind dringend nötig: an privaten Schulen oft schon Realität, an staatlichen Schulen noch Mangelware. In Baden-Württemberg gibt es sie an zehn Schulen, in Sachsen an einer, in Thüringen oder NRW an keiner. Bayern und das Saarland zeigen immerhin „Interesse“.
Dabei könnten School Nurses so viel bewirken: Sie versorgen nicht nur kleine Verletzungen, sondern kümmern sich um chronische Erkrankungen (Diabetes, Epilepsie), Schulabsentismus oder Leistungsstörungen. Sie sind ein zentraler Baustein der Prävention – für die Gesundheit unserer Kinder und die Performance unserer Gesellschaft. Auf einer aktuellen Bundespressekonferenz wurde das Konzept vorgestellt (siehe hier und hier). Themen: „Warum Gesundheitsfragen nicht allein im Klassenzimmer gelöst werden können“ oder „Wie School Nurses vom Modellprojekt in die Regelversorgung kommen“.
Die Arbeit von School Nurses darf auf keinen Fall auf die Versorgung von kleinen Verletzungen auf dem Schulhof reduziert werden, sondern sie kümmern sich um chronische Erkrankungen von Schülern (wie Diabetes oder Epilepsie), sehen nach Schülern mit Schulabsentismus oder Schulleistungsstörungen. Damit sind sie Teil der Präventionsarbeit zur Verbesserung unserer gesamtgesellschaftlichen Gesundheit und damit letztendlich der Performance unserer Gesellschaft. Die Schulen kümmern sich, und damit die Regierung — möge diese Ambition nicht dem Rotstift der Finanzen zum Opfer fallen.
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