Milligramm, Milliliter oder doch „Units“? Beim Pen, bei der Dosis und beim Wechsel zwischen Präparaten vertun sich offenbar nicht nur Patienten – die Giftnotrufe sprechen für sich.
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
GLP-1-Rezeptoragonisten haben die Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas deutlich verändert. Gleichzeitig werden die Präparate immer häufiger außerhalb klassischer Versorgungsstrukturen angeboten und in sozialen Medien wie Lifestyle-Produkte behandelt. Aus einem erklärungsbedürftigen Arzneimittel wird schnell „die Abnehmspritze“, als sei mit dieser Bezeichnung bereits alles Wesentliche zur Anwendung gesagt. Dabei unterscheiden sich Wirkstoffe, Dosierschemata, Wirkstärken und Pens erheblich. Hinzu kommt Tirzepatid, das sowohl am GLP-1- als auch am GIP-Rezeptor wirkt. Wer zwischen Präparaten wechselt, sich eine vergessene Dosis nachträglich spritzt, die Aufdosierung eigenmächtig beschleunigt oder eine vermeintliche Restmenge aus dem Pen gewinnen möchte, riskiert eine Überdosierung.
US-amerikanische Giftnotrufdaten zeigen einen deutlichen Anstieg entsprechender Anfragen. Eine aktuelle Auswertung des National Poison Data System erfasste für die Jahre 2012 bis 2023 insgesamt 10.033 Expositionen mit GLP-1-Rezeptoragonisten. Nach der US-Zulassung von Semaglutid zur Gewichtsreduktion im Jahr 2021 nahm die Zahl der Semaglutid-Anfragen pro Quartal zusätzlich um knapp 10 Prozent zu. Rund 81 Prozent der späteren Meldungen wurden als unbeabsichtigte therapeutische Fehler eingeordnet. Am häufigsten dokumentiert waren eine falsche Dosis und ein falscher Anwendungszeitpunkt. Schwere Verläufe blieben selten. Nach 2021 wurden glücklicherweise nur 0,3 Prozent der Fälle als „major effect“ – damit sind lebensbedrohliche Verläufe oder Fälle mit erheblichen bleibenden gesundheitlichen Folgen gemeint – eingestuft. Die meisten Betroffenen entwickelten lediglich leichte bis mäßige gastrointestinale Beschwerden.
Dass Anwendungsprobleme kein rein amerikanisches Phänomen sind, zeigen auch Meldungen aus deutschen Apotheken. Bei der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker gingen 2025 insgesamt 535 Berichte zu möglichen Anwendungsfehlern beim Mounjaro®-KwikPen ein. Die Zahl steht nicht für 535 nachweislich geschädigte Patienten, weist aber auf wiederkehrende Schwierigkeiten mit der Anwendung hin.
Beim ursprünglichen KwikPen® blieb nach 4 regulären Dosen konstruktionsbedingt Restflüssigkeit sichtbar. Dadurch konnte der Eindruck entstehen, der Pen enthalte noch eine weitere Dosis. Untersuchungen der AMK und des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker ergaben keinen generellen mechanischen Defekt, sie identifizierten allerdings mehrere Eigenschaften des Pens, die Anwendungsfehler begünstigen konnten. Dazu gehörten das sichtbare Restvolumen und eine für manche Anwender irritierende Skalierung, was sich auch bei vielen Nachfragen der Patienten in den Apotheken bestätigt hat. Seit 2026 werden daher schrittweise modifizierte Pens eingeführt, bei denen nach der 4. Dosis kein sichtbares Restvolumen mehr verbleibt.
Besonders problematisch war die Situation in den USA während der Lieferengpässe, denn dort wurden nicht zugelassene, individuell hergestellte Semaglutid-Lösungen in Mehrdosenbehältnissen angeboten: hier mussten die Patienten ihre Dosis mit einer Spritze selbst aufziehen. Unterschiedliche Konzentrationen und Dosierungsangaben in Milligramm, Millilitern oder Spritzeneinheiten „Units“ erhöhten das Risiko für Umrechnungsfehler. Eine Fallserie beschrieb 3 Fehlanwendungen von Semaglutid-Zubereitungen. 2 Personen injizierten sich versehentlich die zehnfache Dosis. Alle Betroffenen litten unter Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen, teilweise über mehrere Tage. Eine Person musste wegen der Beschwerden medizinisch behandelt werden. In einem Fall waren Durchstechflasche und Spritzen ohne pharmazeutische Einweisung abgegeben worden.
Auch die FDA erhielt Berichte über Dosierungsfehler mit individuell hergestellten Semaglutid-Injektionslösungen. Einige Betroffene benötigten eine Krankenhausbehandlung. Gemeldet wurden neben Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen auch Synkopen, Dehydratation, akute Pankreatitis und Gallensteine. Fehler traten sowohl bei der Selbstanwendung als auch bei der Dosisberechnung durch medizinisches Fachpersonal auf.
Dieses spezielle Problem lässt sich glücklicherweise nicht auf die reguläre Arzneimittelversorgung in Deutschland übertragen. Zugelassene Fertigpens verringern das Risiko komplizierter Konzentrationsberechnungen, doch Verwechslungen bleiben dennoch möglich. Auf dem Markt befinden sich täglich und wöchentlich anzuwendende Wirkstoffe, verschiedene Wirkstärken und unterschiedlich aufgebaute Pens. Auch die Vorgaben zum Nachholen einer vergessenen Dosis sind nicht bei allen Präparaten identisch.
Doch wie äußert sich eine solche Überdosierung? Typische Folgen sind ausgeprägte Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Diarrhö. Flüssigkeitsverlust und Elektrolytstörungen können die Folge sein. Bei eingeschränkter Nierenfunktion besteht zusätzlich das Risiko einer weiteren Verschlechterung. Hypoglykämien sind wegen der glukoseabhängigen Wirkung unter einer alleinigen Behandlung mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten weniger typisch. Bei gleichzeitiger Anwendung von Insulin oder Sulfonylharnstoffen steigt das Risiko jedoch. Weitere mögliche Komplikationen sind eine akute Pankreatitis sowie Erkrankungen der Gallenblase und der Gallenwege.
Für Semaglutid existiert kein spezifisches Antidot. Die Behandlung erfolgt abhängig von den Beschwerden. Wegen der Halbwertszeit von ungefähr einer Woche kann nach einer Überdosierung eine längere Beobachtung erforderlich sein. In klinischen Studien waren Übelkeit und andere gastrointestinale Beschwerden die häufigsten Folgen einer zu hohen Dosis.
Bis zum 31. Januar 2025 waren der britischen Arzneimittelbehörde MHRA 82 Yellow-Card-Berichte mit tödlichem Ausgang im Zusammenhang mit GLP-1-Rezeptoragonisten übermittelt worden. Davon entfielen 22 auf eine Anwendung zum Gewichtsmanagement und 60 auf eine Diabetesbehandlung. In 29 Meldungen wurde Semaglutid genannt, in 18 Tirzepatid. Diese 82 Meldungen sind keine 82 nachgewiesenen Todesfälle durch GLP-1-Rezeptoragonisten.
Ob es den Tod verursacht oder begünstigt hat, ist damit noch nicht geklärt. Grunderkrankungen, Begleitmedikation und andere Todesursachen müssen bei der Bewertung berücksichtigt werden. Die Zahl erlaubt außerdem keine Berechnung des individuellen Risikos, weil ein verlässlicher Bezug zur Gesamtzahl der Behandelten fehlt. Diese Meldungen dürfen trotzdem nicht einfach ignoriert werden. Im Januar 2026 verschärfte die MHRA die Warnhinweise zur akuten Pankreatitis, denn zwischen 2007 und Oktober 2025 waren 1.296 Berichte über unterschiedliche Formen einer Pankreatitis im Zusammenhang mit GLP-1- beziehungsweise GIP/GLP-1-Rezeptoragonisten eingegangen. Darunter befanden sich 24 Meldungen einer nekrotisierenden und 19 einer tödlich verlaufenen Pankreatitis. Die Behörde stuft die akute Pankreatitis weiterhin als seltene, aber bekannte Nebenwirkung ein.
Auch in US-Medien kursieren Zahlen zu mehr als 160 Todesfällen im Zusammenhang mit Semaglutid und Tirzepatid. Sie stammen aus Abfragen des amerikanischen Spontanmeldesystems. Die FDA weist ausdrücklich darauf hin, dass ein dort aufgeführtes Arzneimittel nicht automatisch die Ursache des gemeldeten Todesfalls ist. Die Datenbank kann Sicherheitssignale liefern, eignet sich aber nicht zur Berechnung von Nebenwirkungs- oder Sterberaten.
Die verfügbaren Daten rechtfertigen keinen pauschalen Rückzug aus der GLP-1-Therapie. Das BfArM sah allein in den britischen Meldungen mit tödlichem Ausgang kein neues Sicherheitssignal. Mehr Zurückhaltung wäre jedoch bei Anwendungen ohne gesicherte Indikation, eigenmächtiger Dosissteigerung, dubiosen Online-Angeboten und fehlender medizinischer Begleitung angebracht. Ozempic® ist in Deutschland zur Behandlung des Typ-2-Diabetes zugelassen, nicht zur Gewichtsreduktion. Für das Gewichtsmanagement stehen mit Wegovy® und Mounjaro® zugelassene Präparate zur Verfügung, deren Anwendung an definierte Voraussetzungen gebunden ist.
Viele der gemeldeten Dosierungsfehler wären durch eine solche Einweisung vermeidbar. Sie sollte deshalb bei jeder Erstabgabe und nach jedem Wechsel des Präparats fest zur Beratung gehören. Ein wenig erinnert es an die vielen Fehler, die bei der Anwendung von Asthmasprays gemacht werden können. Hier gibt es inzwischen eine eigene PDL zur Abrechnung in den Apotheken für die Beratung zur Einweisung beziehungsweise bei einem Präparatewechsel. Wer weiß, vielleicht kommt ja irgendwann etwas Ähnliches auch für die GIP/GLP-1-Rezeptoragonisten?
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: engin akyurt, Unsplash
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