Am Lebensende stellt sich häufig die Frage, ob eine parenterale Ernährung noch sinnvoll ist. Anders als in kurativen Behandlungssituationen steht in der Palliativmedizin nicht die maximale Nährstoffzufuhr im Vordergrund, sondern eine sorgfältige Abwägung von Nutzen, Belastung und Patientenwillen.
Eine parenterale Ernährungstherapie in der Palliativsituation ist keine Automatik, sondern eine Einzelfallentscheidung. Als Orientierung gelten vier Kriterien:1
Fehlt eines dieser Kriterien, sollte die Nutzen-Risiko-Abwägung besonders kritisch erfolgen; in vielen Fällen können die Belastungen den erwartbaren Nutzen überwiegen.
Auch die ESPEN-Leitlinie zur klinischen Ernährung in der Onkologie stützt diese differenzierte Herangehensweise: Energie- und Substratbedarf sollen bei Tumorpatientinnen und -patienten grundsätzlich gedeckt werden – mit einer ausdrücklichen Ausnahme für die Versorgung am Lebensende, in der Nutzen und Risiken einer Ernährungsintervention besonders sorgfältig abzuwägen sind.2
Künstliche Ernährung ist eine medizinische Maßnahme wie jede andere: Sie benötigt eine Indikation, ein definiertes Therapieziel und die Zustimmung der Patientin oder des Patienten. Die ESPEN-Leitlinie zu ethischen Aspekten künstlicher Ernährung und Flüssigkeitszufuhr hält fest, dass sich Nutzen und Schaden nicht pauschal, sondern nur im Einzelfall beurteilen lassen – mit dem Patientenwillen im Zentrum der Entscheidung.3 Eine alleinige Erhöhung des Body-Mass-Index ist dabei kein ausreichendes Behandlungsziel; entscheidend ist, ob sich für die betroffene Person tatsächlich Lebensqualität oder Lebenszeit gewinnen lässt.4
Mit fortschreitender Erkrankung verändert sich die Ausgangslage. Die S3-Leitlinie Palliativmedizin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin empfiehlt, die Therapieziele beim absehbaren Übergang von der Palliativsituation in die Sterbephase neu zu definieren – hin zur reinen Symptomkontrolle. Über Fortsetzung oder Beendigung der künstlichen Ernährung entscheidet die behandelnde ärztliche Person gemeinsam mit Patientin oder Patient und Angehörigen. Hunger- und Durstgefühl treten in dieser Phase in der Regel in den Hintergrund; im Vordergrund steht eine sorgfältige Mundpflege anstelle zusätzlicher Infusionsvolumina.5
Eine Befragung von Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung und ihren Angehörigen in Deutschland zeigt, wie unterschiedlich beide Gruppen mit Entscheidungen zu künstlicher Ernährung und Flüssigkeitszufuhr umgehen: Die Erkrankten selbst fühlten sich vergleichsweise sicher, Angehörige zögerten dagegen deutlich häufiger, auf eine künstliche Ernährung zu verzichten – aus Sorge, dem Willen der betroffenen Person nicht gerecht zu werden. Für die überwiegende Mehrheit beider Gruppen war ein ausführliches Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt die wichtigste Entscheidungsgrundlage.6 Werden Angehörige frühzeitig in die Therapiezielfindung eingebunden, lässt sich diese Unsicherheit spürbar reduzieren.
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