„Wo bleibe ich denn eigentlich?" Diese Frage stellen sich laut Dr. Kaiser viele ihrer Patientinnen mit Übergewicht oder Adipositas ab Mitte 40 – meist zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Gewichtszunahme in dieser Lebensphase wird von Patientinnen sowie deren Umfeld oft vorschnell als Willens- oder Ernährungsfrage abgetan, dabei steckt häufig weit mehr dahinter. Dr. Kaiser, niedergelassene Hausärztin mit Spezialisierung auf Psychosomatik, sieht ein wiederkehrendes Muster: hormonelle Veränderungen können auf jahrelang zurückgestellte eigene Bedürfnisse treffen. Im Gespräch wird deutlich, warum eine einzelne Maßnahme hier selten reicht – und welche Rolle die vier Säulen Bewegung, Ernährung, Schlaf und soziale Kontakte dabei spielen.
„Jetzt möcht ich auch wieder Frau sein und nicht nur die Mama." Diesen Wendepunkt beschreibt Dr. Kaiser als typisch für viele ihrer Patientinnen. Die Ausgangslage sei häufig ähnlich: jahrzehntelang für andere da gewesen, Familie, Karriere, wenig Zeit für die eigenen Bedürfnisse – und ab Mitte 40 beginnt der weibliche Geschlechtshormonspiegel zu sinken, was Gewichtsabnahme erschweren und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper begünstigen kann.¹ Viele Frauen kämen bereits erschöpft in die Sprechstunde, oft nachdem sie bereits mehrere erfolglose Abnehmversuche hinter sich hätten.
Dass diese Versuche scheitern, liege aus Frau Dr. Kaisers Erfahrung selten an mangelnder Disziplin, sondern daran, dass häufig nur eine einzelne Stellschraube bewegt werde. Wer nur die Ernährung umstelle, sich aber kaum bewege, spüre selten eine nachhaltige Veränderung – weder auf der Waage noch im Alltag. Gleiches gelte für jemanden, der perfekt esse und trainiere, aber nachts kaum schlafe und dessen Hormonhaushalt dadurch aus dem Gleichgewicht gerate. Auch anhaltender sozialer Stress – etwa durch ein belastendes Arbeitsumfeld oder fehlende Unterstützung im Alltag – spiele dabei eine Rolle. Für Frau Dr. Kaiser basiert daher alles auf diesen vier Säulen: Bewegung, Ernährung, Schlaf und soziale Kontakte. Entscheidend sei dabei nicht, alle vier gleichzeitig zu adressieren, sondern individuell zu erkennen, welche Säule bislang am meisten vernachlässigt worden sei. Viele Patientinnen hätten eine Säule bereits perfektioniert, meist Ernährung oder Sport, während eine andere, oft Schlaf oder Stressmanagement, unbeachtet bleibe. Auch die Ziele passe sie individuell an: Für die eine seien 10.000 Schritte am Tag mühelos machbar, für die andere schon das regelmäßige Trinken von zwei bis drei Litern Wasser eine echte Herausforderung.
Reiche eine Arbeit an den vier Säulen nicht aus, oder fehle zunächst schlicht die Kraft, dort überhaupt konsequent anzusetzen, könne eine medikamentöse Adipositastherapie ergänzend zum Einsatz kommen – für Frau Dr. Kaiser jedoch nie isoliert: „Eine medikamentöse Adipositastherapie ist aus meiner Sicht besonders erfolgversprechend, wenn sie in ein ganzheitliches Behandlungskonzept eingebettet wird, das neben Ernährung und Bewegung auch die psychische Situation der Betroffenen berücksichtigt." Die engmaschige Begleitung durch das monatliche Folgerezept nutze sie aktiv, um mit ihren Patientinnen die vier Säulen immer wieder neu zu besprechen – etwa, was sich seit dem letzten Termin an Bewegung oder Alltag verändert habe. Der Anspruch bleibe dabei größer als die Zahl auf der Waage: Ziel sei nicht nur eine Gewichtsabnahme, sondern eine langfristige Verbesserung der körperlichen und seelischen Gesundheit.
Für Frau Dr. Kaiser ist eine Gewichtszunahme ab Mitte 40 kein reines Ernährungsthema, sondern oft ein sichtbarer Riss in einem System aus Erschöpfung, hormoneller Veränderung und jahrelanger Selbstvernachlässigung. Die vier Säulen böten dafür einen Zugang, der nicht beschäme, sondern einordne – und eine medikamentöse Therapie könne, wo nötig, diesen Einstieg erleichtern, ohne die eigentliche Arbeit an Bewegung, Ernährung, Schlaf und sozialen Kontakten zu ersetzen. Am Ende gehe es für ihre Patientinnen um mehr als die Zahl auf der Waage – sondern viel mehr darum, sich selbst und der eigenen Gesundheit nach Jahrzehnten wieder einen Platz einzuräumen.
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