Weniger Impfungen, mehr Arzttermine: Trump sortiert den US-Impfkalender neu – und will damit Kinder vor Autismus schützen. Blöd nur, dass es das nicht tut. Eine Einladung für längst ausgerottete Krankheiten?
Donald Trump schafft es wieder einmal in die Schlagzeilen: Dieses Mal entfacht er erneut die Impfdebatte und stellt die allgemeinen Impfempfehlungen auf den Kopf. Pünktlich zum Wochenstart, am 10. August, unterzeichnet er im Schnelldurchlauf die Anordnung: Von den bisher 18 Impfempfehlungen der CDC (Stand 2024) wird die Zahl der für Kinder empfohlenen Impfungen auf 11 reduziert. Damit ordert der US-amerikanische Präsident, gut ein Drittel der allgemeinen Impfempfehlungen zu streichen.
Die Anordnung folgt dem bekannten Muster der „MAHA“-Bewegung (Make America Healthy Again) um Robert F. Kennedy Jr.: Die Individuelle Entscheidungsfreiheit wird betont, etablierte Impfempfehlungen werden zunehmend infrage gestellt und mögliche Risiken stärker hervorgehoben.
Die Zuständigkeit für Impfpflichten sowie viele Schul- und Kita-Vorgaben liegt in den USA bei den Bundesstaaten – die Anordnung von oben umgeht diese augenscheinlich. New York Times spricht zudem von einer unklaren Rechtskraft: Die Anordnung umgehe die für die Impfempfehlungen zuständigen Stellen – das beratende Gremium Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP), der deutschen STIKO ähnlich, und die Gesundheitsbehörde CDC. Der Sender CNN deutet die Anordnung sogar als klares Signal der US-Regierung, die Bundesstaaten zu einer Anpassung ihrer Impfpflichten zu drängen. Langjährige Maßnahmen zur Verbesserung der Impfquoten bei Kindern würden damit grundlegend verändert werden. Das Gesundheitsministerium, unter das die CDC fällt, hat nun 90 Tage Zeit die Anordnungen umzusetzen.
Die Idee hinter der Verteilung der Impfungen auf mehrere Arzttermine ist, dass einzelne Impfstoffe „schonender“ seien und mögliche Nebenwirkungen besser zuzuordnen wären. Evidenz dazu? Fehlanzeige, so CDC. Mit derselben – unbelegten – Begründung rechtfertigt er auch, die MMR-Impfung in drei Einzeldosen aufzuteilen. Der Haken an dieser Forderung: Monovakzine gegen Masern, Mumps und Röteln existieren weder in den USA noch in Europa.
Zu allem Überdruss: Donald Trump weiß um die fehlende Evidenz, ihm ist das jedoch egal. Bei seinem Auftritt im Weißen Haus im Beisein von Gesundheitsminister Kennedy Jr. gibt er offen zu, sich auf unbewiesene Behauptungen zu stützen.
Gleichzeitig wiederholt der US-Präsident die These des möglichen Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus – ein weiterer Grund, die Impfempfehlungen anzupassen. Doch auch dieses populistische Argument trägt keine wissenschaftliche Evidenz. Das bestätigt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Robert-Koch-Institut (RKI) (siehe hier und hier). Wir berichteten dazu hier.
Die Neuerungen der Impfempfehlungen treffen die USA an einem denkbar ungünstigen epidemiologischen Punkt: So ist beispielsweise die Zahl der Maserninfektion so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die CDC verzeichnet dieses Jahr über 2.400 Infektionen. Im Jahr 2000 galt die Krankheit noch als eliminiert. Gesundheitsexperten warnen, dass neben lascheren Impfempfehlungen auch die Aufteilung auf mehr Einzeltermine dazu führen könnte, dass Kinder länger ungeschützt bleiben und Impfserien nicht vervollständigt werden. Eine größere Chance für längst zurückgedrängten Krankheiten, sich erneut auszubreiten. Der Schutz anderer, eine Herdenimmunität, die Verhinderung von Ausbrüchen und damit der Schutz des Gesundheitssystems – all diese Dinge sprechen für eine allgemeine Impfempfehlung für Kinder.
Der Hausarzt Giovanni Fantacci äußert sich auf LinkedIn betroffen durch die von der Politik gesäten Zweifel. Ein Vertrauen in die Medizin entstehe nicht dadurch, Ängste zu verstärken oder unbelegte Behauptungen zu wiederholen. „Impfentscheidungen sollten nicht zum politischen Spielball werden.“ Dr. Tom Frieden, ehemaliger CDC-Direktor, bringt es auf den Punkt:
„Wir haben einen sicheren Impfstoff, der sich über drei Jahrzehnte bewährt hat. Wir haben eine Strategie, die funktioniert. […] Wir müssen den Schutz weiterhin aufrechterhalten.“
Auch in Deutschland regt sich Widerspruch. Der Gastroenterologe Prof. Tobias Weismüller betont:
„Eine der größten Errungenschaften der Hepatologie war und ist sicherlich die Impfung zum Schutz vor einer Hepatitis B Infektion. Diese fatale Entwicklung in den Vereinigten Staaten muss für uns in Europa und Deutschland eine Warnung sein, Trumps Brüder im Geiste hier niemals in (gesundheits-) politische Entscheidungspositionen kommen zu lassen.“
Auf LinkedIn wird von „Gefühltem Wissen statt Evidenz“ gesprochen, auf X wird das Video von der Bekanntgabe als „Trump-Freakshow-Spektakel – früher bekannt als Das Oval Office“ betitelt.
Neben all dem Wirrwarr an Fake News und wiederholt gesätem wissenschaftlichen Misstrauen wirft die Debatte um Trumps Anordnung eine Frage auf: Wie weit darf ein Nicht-Infektiologe ins Impfgeschehen eingreifen, wenn diese Entscheidung das Infektionsrisiko und die Gesundheit einer ganzen Gesellschaft beeinflusst? Bildquelle: Erstellt mit Grok