Fake News über Impfungen strapazieren nicht nur Nerven – sie gefährden auch die öffentliche Gesundheit. Was ihr sozialen Medien, prominenten Impfgegnern und dem schwindenden Vertrauen entgegen setzen könnt.
Impfskepsis, also das Zögern oder die Weigerung, sich trotz der Verfügbarkeit von Impfstoffen impfen zu lassen, listete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2019 unter den zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit auf. Die Einordnung hat in den vergangenen Jahren nicht an Relevanz eingebüßt – eher im Gegenteil. Fehlinformationen über Impfungen verbreiten sich schnell, beeinflussen das Impfverhalten und können zu vermeidbaren Erkrankungen und Todesfällen führen. Trotz wissenschaftlicher Widerlegung halten sich einige von ihnen hartnäckig und geistern teilweise schon seit Jahrzehnten in den Köpfen von Menschen herum.
Einer der Evergreens ist die Behauptung, die MMR-Impfung könne Autismus auslösen. Kaum ein Impfmythos hat für so viel Verunsicherung gesorgt. Ihren Ursprung hat er in einer 1998 im Lancet veröffentlichten Studie, die einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und einer vermeintlichen „autistischen Enterokolitis“ postulierte. Die Arbeit wurde 2010 vollständig zurückgezogen, nachdem schwerwiegende methodische Mängel, Interessenkonflikte und Datenmanipulationen aufgedeckt worden waren. Dennoch wirkt die Veröffentlichung bis heute nach.
Die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch eindeutig: Kohortenstudien aus verschiedenen Ländern fanden keinen Zusammenhang zwischen einer MMR-Impfung und Autismus-Spektrum-Störungen. Eine Metaanalyse mit mehr als 1,2 Millionen Kindern bestätigte dieses Ergebnis 2014. Der Anstieg der Autismusdiagnosen in den vergangenen Jahrzehnten lässt sich viel eher durch veränderte Diagnosekriterien und eine höhere Sensibilität für die Erkrankung erklären. Auch die in Impfstoffen enthaltenen Adjuvanzien und Zusatzstoffe, vor allem das umstrittene Thiomersal, stehen nach der aktuellen Datenlage nicht mit einem erhöhten Autismusrisiko in Zusammenhang.
Während der COVID-19-Pandemie verbreitete sich die Behauptung, mRNA-Impfstoffe könnten die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Eine prospektive Studie der Medizinischen Hochschule Hannover zeigte, dass Frauen mit Kinderwunsch aus Angst vor Fertilitätsstörungen häufiger eine COVID-19-Impfung ablehnten.
Als vermeintliche Erklärung wird häufig angeführt, Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spikeprotein könnten wegen einer Kreuzreaktion auch das für die Plazentabildung wichtige Protein Syncytin-1 angreifen. Dieses Szenario gilt inzwischen als molekularbiologisch widerlegt. Zwischen beiden Proteinen besteht keine relevante Sequenzhomologie. Gerüchte über einen negativen Einfluss von COVID-19-Impfungen auf die Fruchtbarkeit entstanden auch durch sinkende Geburtenraten während der Pandemie. Diese Rückgänge wurden jedoch durch Gründe wie Lockdowns, Arbeitslosigkeit und Inflation verursacht, nicht durch die Impfstoffe.
Ein sehr hartnäckiger Mythos lautet, mRNA-Impfstoffe könnten die menschliche DNA verändern. Besondere Aufmerksamkeit erhielt diese Behauptung Anfang 2024 durch Äußerungen des damaligen Surgeon General des US-Bundesstaates Florida, Joseph Ladapo. Er behauptete, DNA-Fragmente in mRNA-Impfstoffen könnten die Integrität des menschlichen Genoms gefährden und sogar an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) weisen ausdrücklich darauf hin, dass mRNA-Impfstoffe den Zellkern nicht erreichen und daher keinen Einfluss auf die menschliche DNA haben können.
Während der COVID-19-Pandemie machte eine weitere Verschwörungstheorie die Runde: Impfstoffe sollten Mikrochips enthalten, mit denen Menschen überwacht werden könnten. Obwohl diese Vorstellung technisch unrealistisch ist, findet sie bis heute Anhänger. Untersuchungen zeigen, dass solche Narrative vor allem bei Menschen mit einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und dem Gesundheitssystem Anklang finden.
Neben diesen besonders bekannten Mythen kursieren weitere Fehlinformationen. So wird immer wieder behauptet, eine natürliche Infektion vermittle grundsätzlich den besseren Schutz. Zwar hinterlassen viele Infektionskrankheiten eine langanhaltende Immunität, sie gehen jedoch mit erheblichen Risiken einher. Bei Masern liegt die Sterblichkeit bei etwa einem Todesfall pro 1.000 Erkrankungen, ebenso häufig tritt eine Enzephalitis auf. Die Impfung bietet einen wirksamen Schutz, ohne diese Risiken in Kauf nehmen zu müssen. Eine weitere Sorge ist, dass der heutige Impfkalender das Immunsystem von Kindern überlaste. Auch hierfür gibt es keine wissenschaftlichen Hinweise. Das Immunsystem eines gesunden Kindes ist täglich mit Tausenden Antigenen konfrontiert und kann die vergleichsweise geringe Antigenmenge moderner Impfstoffe problemlos verarbeiten.
Warum manche Menschen diesen Fehlinformationen Glauben schenken und andere nicht, hängt von einer Vielzahl individueller, gesellschaftlicher und medialer Faktoren ab. Vier Gründe spielen dabei oft eine Rolle:
Wer Patienten erreichen möchte, muss zunächst verstehen, warum sie bestimmten Informationen vertrauen. Erfolgreiche Impfkommunikation verbindet deshalb wissenschaftliche Evidenz mit Empathie, verständlicher Sprache und einer vertrauensvollen Gesprächsführung. Statt Patienten belehren oder überzeugen zu wollen, ist es oft hilfreich, ihre Beweggründe und Bedenken zunächst zu erfassen und gemeinsam zu reflektieren. Ziel ist es, die intrinsische Motivation für eine Impfentscheidung zu stärken. Die Widerstandsfähigkeit gegenüber Desinformation kann außerdem gestärkt werden. Ähnlich wie eine Impfung das Immunsystem vorbereitet, können Menschen frühzeitig mit typischen Falschbehauptungen und deren Widerlegung vertraut gemacht werden.
Hilfreich ist auch, medizinische Fakten möglichst mit konkreten Beispielen oder persönlichen Geschichten zu verbinden. Auch Visualisierungen der Krankheitsfolgen können die Impfbereitschaft erhöhen. Gleichzeitig sollte vermieden werden, einen Mythos unnötig zu wiederholen. Jede Wiederholung erhöht dessen Vertrautheit und kann unbeabsichtigt zur weiteren Verbreitung beitragen. Ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor bleibt die Beziehung zwischen Patient und Gesundheitsfachkraft. Vertrauen entsteht nicht in einem einzelnen Gespräch, sondern entwickelt sich über viele Kontakte hinweg. Für den Praxisalltag lässt sich daraus eine einfache Regel ableiten: Wer Patienten erreichen möchte, sollte nicht mit Studien oder Statistiken beginnen, sondern zunächst ihre Sorgen verstehen. Erst wenn sich Patienten ernst genommen fühlen, sind sie bereit, auch wissenschaftliche Informationen anzunehmen.
Bildquelle: David Villasana, Unsplash