Dreihundert Grad im Haftraum, Sorge um den Hund und ein Häftling, der explodiert. Mit der Hitzewelle verschwimmt im Gefängnis die Grenze zwischen Aggression und Verzweiflung. Jetzt wird’s brenzlig!
„ICH GEHE HIER EIN IN DIESER SCHEISS HITZE, SIE FOTZE!!!“ Ui. Da ist wer sauer. So absurd das jetzt klingt, aber „Sie Fotze“ im Gegensatz zu „Du Fotze“ bedeutet erfahrungsgemäß, dass der Herr, dem es hier die Sicherung gewichst hat, noch einen minimalen Zugang zu seiner Großhirnrinde hat und erinnert, dass das Personal hier drinnen mit einer höflich-distanzierten Form der persönlichen Anrede anzusprechen ist.
Ich erkenne Herrn Hofbergers Stimme aus dem Hof, obwohl sie sich in der Hitze des Zornes überschlägt. Als Herr Hofberger vor drei Monaten hier eincheckte, litt er unter einer Form der Entzugspsychose, die sich Dermatozoenwahn nennt. Er war überzeugt davon, ihm seien durch eine Impfung Miniroboter unter die Haut injiziert worden, die sich nun ihren Weg an die Oberfläche bahnen. Inzwischen ist er medikamentös eingestellt und der Wahn ist unter Kontrolle. Die Sucht nicht. Die Sucht nie. Sucht bleibt für immer.
Das Gehirn vergisst niemals, welchen synaptischen Höhenrausch ein methamphetamingetriggerter Dopaminsturm auslöst. Herr Hofberger hat Suchtdruck. Wie immer, wenn irgendwas nicht passt. Sein emotionales System hat verlernt, mit negativen Gefühlen umzugehen.
Jahrelang war Stoff die Lösung auf alles. Frustration, weil die Freundin ihn zurückgewiesen hat? Stoff. Wut auf die Frau vom Amt? Stoff. Trauer, weil mal wieder jemand gestorben ist? Stoff. Langeweile? Sie erraten es – Stoff. Hilft sofort und ohne Umwege. Gute Laune auf Knopfdruck. Jetzt sitzt Herr Hofberger allerdings in Haft, und Stoff ist hier teuer, schwer verfügbar (zumindest schwerer als am Hauptbahnhof) und oft gefährlich „verschnitten“. Heißt: mit chemischen Substanzen versetzt, die zwar einen schnellen Rausch versprechen, aber in ihren Nebenwirkungen unberechenbar sind.
Die Folge dieser jahrelangen Deprivation von Dysphorie ist eine völlige Inkompetenz in der Affektregulation. Auf Deutsch: Herr Hofberger kann mit negativen Gefühlen nicht mehr umgehen. Die kleinste Unannehmlichkeit bringt ihn zum Explodieren. Heute ist es die Hitze. Hitze macht aggressiv, Hitze senkt die Hemmschwelle und ab einem gewissen Grad Celsius-Wert stellt sich in einer Gesellschaft ein kollektives Gefühl von „es stimmt was nicht“ ein – was die Konfliktrate zusätzlich in die Höhe schnellen lässt.
Romina hat heute Hofgangaufsicht. Das ist gut. Bei dem ein oder anderen Kollegen wäre die Lage an dieser Stelle nämlich bereits eskaliert. Romina ist eine gutaussehende Frau in den Vierzigern, die in ihrem Leben schon einiges mitgemacht hat. Den Job im Gefängnis hat sie angenommen, nachdem eine Selbstständigkeit und zwei Ehen gescheitert waren. Die Arbeit im AVD ist nicht ihr Kindheitstraum, aber sie kann damit die Miete zahlen und ihre beiden Teenager durchfüttern. Romina ist pragmatisch veranlagt und hat keine Lust auf unnötigen Ärger. Dadurch, dass sie mit zwei 14- und 16-jährigen Jungs unter einem Dach lebt, können sie ein paar Schimpfwörtern nicht aus der Ruhe bringen. Sie lehnt an der Gefängnismauer neben dem überdimensionalen Aschenbecher und zieht ruhig an ihrer Zigarette, ohne den tobenden, kachektischen Kerl aus den Augen zu lassen. „Jetzt fahrn’s amal runter, und dann schau ma amoi, was los is“, bekundet Romina in geduldigem, aber bestimmten Tonfall. Ich verharre an der offenen Türe, die aus dem Gefängnisgang in Richtung Hof führt. Unsere Blicke treffen sich.
Romina kippt kaum merklich ihren Kopf zur Seite, um mich herbeizuwinken. Dieser Moment freut mich sehr. Es ist nur eine kleine Geste, ein kurzes Nicken. Gleichzeitig aber ist es ein Zeichen von blindem Verständnis. Von Zusammenarbeit. Von Anerkennung meiner Arbeit und Respekt. Dieses kleine Nicken bedeutet: „Kannst du übernehmen? Du kommst hier besser klar als ich. Diese Situation braucht therapeutische Intervention und keine Autorität. Ich vertraue dir, dass du das löst, ohne dass ich mein Gesicht verliere.“
„WAS HIER LOS IST?!“ unterbricht Herr Hofberger meine rosaroten Gedanken. „ES HAT DREIHUNDERT GRAD IN MEINEM HAFTRAUM, MEIN HUND IST WAHRSCHEINLICH TOT, UND SIE INTERESSIERT ES ALLE EINEN SCHEISSDRECK!“ Ich trete nach vorne. „Was ist mit Ihrem Hund, Herr Hofberger?“ Jetzt steht er vor uns zwei Frauen und starrt abwechselnd von einer zur anderen. Keine von uns beiden reagiert, wie erwartet. Die Sonne brennt unerbittlich. Es ist der heißeste Tag seit Jahren. Die Gefängnismauern potenzieren die sengende Hitze zu einem erbarmungslosen Krematorium. Niemand hat heute Lust auf eine Absonderung.
„Die Yildiz vom Sozialdienst ist schon dran“, erklärt Romina. „Die versucht gerade jemanden bei der PI zu erreichen, die den festgenommen haben. Normalerweise lassen die aber keine Tiere in Wohnungen zurück.“ – „Diese Hitze!!!“ Herrn Hofbergers Wut weicht einem weinerlichen, verzweifelten Jammern. „Es ist so heiß. In unseren Zellen sind 50 Grad, gleich ist Einrücken, ich halte das nicht mehr aus!“
Romina ergreift das Wort: „Ich hab‘ schon versucht, Ventilatoren für die Station zu bekommen, aber du weißt ja, wie unsere Wirtschaftsverwaltung da drauf ist.“ Weiß ich. Wenn Romina die gestern bestellt hat, werden die frühestens im September angefordert, weil bis dahin noch geprüft werden muss, ob gerade wirklich Sommer ist und ein Ventilator wirklich gegen die Hitze hilft. Zu Weihnachten erhalten die Gefangenen dann voraussichtlich auch schon ihre wohlverdiente Abkühlung.
„Es ist echt nicht geil“, beschwichtigt Romina. „In den Räumen, die zum Westen rausgehen, hat es 30 Grad. Kostklappenöffnung ist zwar angeordnet, aber in der Nacht müssen wir die ja doch wieder zu machen. Wir haben die heute eh schon außer der Reihe duschen lassen.“ „DREIMAL DIE WOCHE DUSCHEN!“, fährt Herr Hofberger wieder hoch. „DAS IST DOCH MENSCHENUNWÜRDIG! Können Sie mich nicht nachher nochmal kurz drunter stellen lassen? Einmal kurz unter die kalte Dusche“ Ich ziehe die Stirn in Falten als Zeichen, dass dieser Wunsch unerfüllt bleiben wird. „Kann ich nicht machen“, kommt Romina mir zuvor. „Wenn Sie duschen, wollen alle duschen“, erklärt sie die Problematik kurz und knapp. „Ich muss jetzt einrücken. Wollt ihr vielleicht ins Büro gehen? Dann muss der Hofberger jetzt nicht direkt in seine Schwitzbude zurück.“ Ich liebe diese Frau. Pragmatisch und deeskalativ. Kein Wort mehr über die „Fotze“, dafür unbürokratisch Hilfe auf dem kurzen Dienstweg und schon ist die Situation wieder unter Kontrolle.
In meinem Büro sortieren wir vor meinem Ventilator erstmal die Lage. Ich gebe meinem Klienten ein paar alltagspraktische Tipps gegen die Hitze an die Hand: Handgelenke kühlen, Fußbad, zur Not ein nasses Unterhemd anziehen etc. (Erklärung: die Gefangenen haben zwar Waschbecken, aber keine Duschen in ihren Hafträumen). Ich erkläre ihm, dass Hitze aggressiv macht, diese Aggression sich zu seinem Entzug gesellt und gemeinsam mit den tatsächlichen Sorgen und Ängsten, die ihn gerade umtreiben, in seinem Gehirn Samba tanzen. Das meiste davon ist für ihn neu. Seine bisherige Strategie bei unerträglichen Temperaturen oder Emotionen (Drogen) ist derzeit nicht verfügbar, und darüber hinaus hat er verlernt, sich zu regulieren.
Nach 20 Minuten Gespräch hat er im wahrsten Sinne des Wortes runtergekühlt. Wir laufen zurück zu seiner Station. Ohne dass ich ein Wort sagen muss, dreht er am Stationsbüro ab und steuert schnurstracks auf Romina zu.
„Frau Koslovski?“ „Hm?“„Tut mir echt leid, wegen der „Fotze“. Das war nicht okay.“ „Basst scho.“Alles gesagt. Es kann so einfach sein.
AVD (Allgemeiner Vollzugsdienst): Uniformierter Dienst, der für die alltägliche Betreuung, Verwahrung und Bewachung der Gefangenen zuständig ist.
BgH (Besonders gesicherter Haftraum): Ein meist gekachelter Raum ohne bewegliche Gegenstände. Häufig mit einer Stehtoilette ausgestattet, da man sich in regulären WCs ertränken könnte. Fensterlos oder milchverglast. Zum Schlafen dient eine Matratze auf dem Boden und eine Decke, beides aus reißfestem Material, damit diese nicht in Streifen gerissen und Seile damit geknüpft werden können. Der Gefangene wird komplett entkleidet und erhält Unterwäsche aus papierähnlichem Material, welche unter Zug schnell zerreißt. Der Raum ist (je nach Außentemperatur) geheizt, sodass der Inhaftierte nicht frieren muss. Die Gefangenen werden hier im Falle einer akuten Selbst- oder Fremdgefährdung für den Zeitraum ihres kritischen Zustandes untergebracht.
PI: Polizeiinspektion
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