Herr Hofberger ist panisch: Er hat Käfer am gesamten Körper – glaubt er jedenfalls. Warum Wahnvorstellungen jenseits von Logik stattfinden und wie ich in solchen Momenten (be)handle.
„Kommen Sie rein, kommen Sie rein! Schnell! Hier! Rein!“ Herr Hofberger erwartet mich schon an seiner Haftraumtüre. Ein durchschnittlicher „Giftler“, 34 Jahre alt. Meiner eigenen, empirisch gestützten Statistik nach hat er noch ca. 4–6 Jahre zu leben. „Ich komm nicht zu Ihnen rein.“ – „Ich tu Ihnen nichts.“ – „Vielleicht tu ich Ihnen ja was.“ Herr Hofberger schaut irritiert. Ok, war irgendwie klar, dass der Witz bei einem entzügigen, komplett agitierten Politoxler nicht zündet. „Spaß, Herr Hofberger. Ich tu Ihnen natürlich nichts. Aber ich betrete keine Hafträume. Da fühle ich mich einfach nicht wohl. Wollen wir vielleicht in mein Büro gehen und in Ruhe sprechen?“ – „Geht nicht. Neingehtnicht.“ Seine Worte überholen sich. „Ich muss Ihnen was zeigen, aber das ist echt abgefahren und Sie müssen mir versprechen, dass Sie mich nicht für verrückt halten.“ Ach du je. „Die anderen sollen es nicht hören. Draußen haben alle gesagt, ich bin verrückt, aberichbinnichtverrückt. Das, was mir passiert ist verrückt, irgendwer will, dass ichverrücktwerde…“ – „HERR Hofberger… verrückt ist total relativ. Die Leute haben auch über Albert Einstein gesagt, er wäre verrückt…“ – vor mir sitzt sicher nicht Albert Einstein, dessen bin ich mir sehr bewusst – „…gehen wir doch in mein Büro und Sie erzählen mir diese verrückte Sache in Ruhe.“
Kaum schließe ich meine Bürotür hinter uns, beginnt Herr Hofberger hektisch, an seiner Kleidung zu zerren. „ICH ZEIG ES IHNEN, ICH BIN NICHT VERRÜCKT…“ Er wirkt nicht bedrohlich, eher ängstlich. Vorsichtshalber prüfe ich dennoch kurz, ob die Wege zum Alarmknopf und zur Tür frei sind. „HERR HOFBERGER, setzen Sie sich bitte hin!!!“ Er setzt sich nicht, aber er beruhigt sich. „Ich erzähle Ihnen jetzt was, aber Sie müssen mir versprechen, dass Sie mich nicht für verrückt halten.“ – „Der Einzige, der das Wort in einer Tour in den Mund nimmt, sind Sie. Also, schießen Sie los.“ – „Ich bin vor zwei Wochen geimpft worden. Gegen Hepatitis oder Tetanus oder AIDS oder so. Egal, jedenfalls: schauen Sie sich das an!“ er krempelt umständlich sein rechtes Hosenbein nach oben sein Blick fährt hektisch zwischen seinem Bein und meinem Gesicht hin und her.
Mehrfach fällt er dabei fast um, da seine Grobmotorik einen Einbeinstand vermutlich seit 2004 nicht mehr zulässt. „Ich check’s nicht. Worum geht’s?“ – „Die NARBEN!“ Seine Haut weist die typischen kraterförmigen Narben eines Crystal Meth-Konsumenten auf. So langsam dämmert es mir. „Käfer…“ flüstert er. „Keine echten. Das weiß ich.“ Ich runzle die Stirn, um meine Skepsis zu formulieren. Denn auch, wenn ein Vertrauensaufbau zu Beginn des Kontaktes essenziell ist: Mit der Psychose mitzugehen und die klar wahnhaften Wahrnehmungen als objektive Realität anzuerkennen, ist langfristig immer schädlich und deshalb im therapeutischen Setting – meiner Meinung nach – strikt zu vermeiden.
„Es handelt sich um Microroboter. Von Menschen gemachte Drohnen im Miniformat, die in die Haut injiziert werden und sich von dort selbstständig vermehren. Die Impfung, verstehen Sie nicht? In regelmäßigen Abständen brechen sie dann durch meine Haut, krabbeln über meinen ganzen Körper…“ Seine Pupillen weiten sich, seine Atemfrequenz geht durch die Decke. Panikattacke. Irgendwie muss ich ihn „erden“. Das Problem ist, dass er gerade zwischen Entzug und Stammhirndenken feststeckt. Also so stumpf wie möglich: „HERR HOFBERGER, STOPP! Ich möchte, dass sie viermal mit mir atmen, bevor Sie weitersprechen.“ Herr Hofberger starrt mich völlig verständnislos mit hochrotem Kopf an. Ich atme tief ein und blicke ihn erwartungsvoll an. Verwirrt, aber gehorsam tut es mir gleich. Zwei…drei…vier… „Was hatten Sie heuten zum Mittagessen und mit wem sind sie in einem Haftraum?“ Dialoge aktivieren den Neokortex. Im Falle einer Panikattacke oder auch eines anders gearteten High Arousals helfen Frage-Antwort-Muster. Eine weitere sehr potente Intervention ist die 5-4-3-2-1 (siehe Infobox), aber dafür ist mir Herr Hofberger kognitiv schon zu weit abgeschmiert. Der Puls meines Klienten reguliert sich langsam, während er mir über sein Mittagessen und seine „Beifahrer“ (Zellengenossen) berichtet.
Herr Hofberger scheint bewusst zu sein, dass Käfer normalerweise nicht unter der Haut von Menschen krabbeln. Daher entwickelte sich wohl die Idee mit den Impfdrohnen – welche nicht weniger abgefahren klingt.
Mein Fahrplan:
„Sie sind also überzeugt, dass Ihnen durch die Impfung Minidrohnen injiziert wurden, die sich jetzt in ihrem Körper vermehren und regelmäßig durch Ihre Haut den Weg nach draußen finden. Klingt abgefahren. Da verstehe ich, dass sie nervös sind.“ – „Also glauben Sie mir?“ – „Ich glaube Ihnen, dass Sie das glauben.“ Herr Hofberger denkt kurz nach. „Glauben Sie, ich bin verrückt?“ Ich hasse diese Frage, denn natürlich merke ich, dass er spinnt, bzw. etwas professioneller ausgedrückt, dass er eine fette Psychose schiebt. Eine solch direkte Frage gar nicht oder gar mit „nein“ zu beantworten, halte ich therapeutisch für falsch. Also Katze aus dem Sack: „Ich glaube, Sie haben eine Psychose, Herr Hofberger.“
„Also bilde ich mir das alles ein?“ schnappt er beleidigt zurück. „Nicht wirklich. Für Sie sind die Käfer da. Sie sehen sie, Sie fühlen sie. Für Sie ist das Realität. IHRE Realität. Meine Realität ist eine andere. Das hilft Ihnen aber im Moment nichts.“ Herr Hofberger bleibt skeptisch. „Also… hab ich Hallus? Aber die Narben?“ Treffer. Mein Patient tritt einen Schritt zurück. Er hört mir zu, lässt mich ran und wir können sogar gemeinsam die Symptome besprechen. Ich werde ihm seine Käfer nicht ausreden können – und selbst wenn, wird morgen eine andere Plussymptomatik auftreten, die wir dann wieder durchdiskutieren können. Die einzige Möglichkeit eine Psychose zu heilen, ist nun mal durch Medikation. Und mein einziger Job als Psychologin an dieser Stelle ist es, eine Medikamentencompliance herzustellen.
„Hatten Sie früher schon mal eine Psychose?“ Herr Hofberger sieht mich verwirrt an. Ich übersetze: „Sind Sie schon mal auf was hängengeblieben?“ Er hebt die Augenbraue, als hätte er verstanden. „Schooon…“ überlegt er „mal auf ner Pille. Und das mit den Käfern… die Käfer, die hab ich schon lange.“ – „Also nicht erst seit der Impfung?“ Ein Logikbruch. Aber man darf sich keine Hoffnung machen: Man heilt einen Wahn nicht, indem man ihn logisch widerlegt. Die Patienten korrigieren in einem solchen Fall entweder ihre Geschichte, ignorieren den Logikbruch völlig oder generieren schlicht einen neuen Wahn. Ich gehe also nicht weiter darauf ein. „Bekomme ich die wieder los?“ er wirkt verzweifelt. Das ist mein Zeitfenster! „Ja klar. Sowas ist super behandelbar. Psychosen bekommt man mit Medikamenten meistens schnell in den Griff.“ Ich betone das Wort Psychosen, denn er denkt vermutlich eher daran, ein Mittel gegen die Käfer zu erhalten. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Herr Hofberger erklärte sich bereit, mit dem Psychiater über die Käfer zu sprechen.
Eine Woche später spreche ich Herrn Hofberger erneut. Nach einigen Tagen Haloperidol sind die Käfer zwar noch da, Herr Hofberger ist sich aber jetzt sicher, dass sie „nicht echt“ sind. „Es nervt schon, weil ich weiß, dass da keine Käfer sind. Aber ich seh sie halt und spüre sie auch noch.“ Die Psychose klingt ab. Hätte man nun denselben Effekt mit einem Bruchteil des Aufwandes erzielen können, indem man Herrn Hofberger die Haldol-Tabletten als „Anti-Käfer-Pille“ verkauft hätte? Oder ihm eine Depotspritze als “Anti-Impfung” untergejubelt hätte? Auf den ersten Blick: Ja. Mit einem Unterschied: Er hätte die Erfahrung gemacht, dass ich ihn verarsche. Psychotiker sind nicht von ihrem Bewusstsein entkoppelt. Sie erinnern sich, was in der Psychose passiert ist. Leider ist zu erwarten, dass dies nicht seine letzte Psychose war. Nimmt man den langen, den fachlich korrekten, Weg, ist die Chance hoch, dass er sich beim nächsten Mal daran erinnert, dass sich die Psychologin aufrichtig verhalten hat. Ihn nicht angelogen hat, ihn nicht „austricksen“ wollte – und ihm am Ende geholfen hat. Die Medikamentencompliance wird höher und stabiler sein und mit etwas Glück entwickelt er auf Dauer sogar ein Verständnis für seine Erkrankung.
Und noch etwas ist in den zweimal 30 Minuten passiert: Eine Beziehung. Herr Hofberger kennt mich jetzt und hat einen Bezug zu mir. „Wenn gar nichts mehr geht, mach Beziehungsarbeit“ – eine Arbeitshypothese, die sich in den letzten Jahren als nützlich erwiesen hat. Der Psychotiker bekommt keinen Fuß in die Realität? Beziehungsarbeit. Der völlig traumatisierte Somalier reagiert auf Fragen, indem er wie abgestochen schreit und auf den Boden spuckt? Beziehungsarbeit. Mehrfach die Woche Kostklappe öffnen und „Hallo“ sagen, wenn möglich etwas Smalltalk und im besten Fall den Kontakt positiv abschließen. Also Kostklappe schließen, bevor der Aschenbecher fliegt. Irgendwann erkennt dich der Patient, irgendwann freut er sich, dich zu sehen – und vielleicht möchte er sogar irgendwann etwas von dir. Eine Zigarette, einen Stift, ein Telefonat. Jackpot. Dann hast du eine Verhandlungsgrundlage. Eine Motivation. Und so viel Vertrauen erwirtschaftet, dass der Typ es wagt, dich um einen Gefallen zu bitten.
In meiner Arbeitsrealität klatscht nach einem solchen Erfolg allerdings niemand Beifall. „Gehst wieder deinen Freund besuchen?“, ruft mir mein Kollege Ronny hinterher, als ich nachmittags an Hofbergers Zelle vorbeigehe. Ich antworte nicht. Ich öffne die Kostklappe. Herr Hofberger sitzt auf seinem Bett. Er starrt an die Wand. Keine Panik, keine Impfdrohnen, sondern nur die drückende, reizarme Stille einer JVA-Zelle, die man ertragen muss, wenn die Stimmen und die Käfer plötzlich weg sind. Ich klopfe zweimal gegen die Stahltür. Er hebt den Kopf, die Augenbrauen, die rechte Hand. Jackpot. Für heute reicht das.
„Morgen spinnt der eh wieder! Der alte Giftler“, brüllt mir Ronny plötzlich über die Schulter und blickt dabei durch die noch offene Kostklappe Herrn Hofberger direkt ins Gesicht. Ich mag Ronny nicht. Ronny arbeitet im AVD (allgemeinen Vollzugsdienst) auf der Krankenstation. Er verhält sich rüpelhaft und abschätzig; es mangelt ihm insgesamt an Respekt und Achtung. Nicht nur gegenüber den Gefangenen. „Kann ja sein, aber der kriegt seinen Gehirnschiss mit ner Dosis Haldol wenigstens wieder in den Griff. Bei dir hält der Zustand jetzt seit über dreißig Jahren an“, kontere ich. Ich verzichte auf ein versöhnliches Lächeln, welches die Aussage als Spaß etikettiert. Erst nach diesem Satz schließe ich die Kostklappe. Im Augenwinkel kann ich gerade noch sehen, wie Herrn Hofberger ein kleines, dankbares Grinsen entfährt.
5 Dinge sehen: Nimm 5 Gegenstände in deiner Umgebung bewusst wahr (z. B. Lampe, Stift, Baum).
4 Dinge fühlen/spüren: Nimm 4 Dinge wahr, die du körperlich spürst (z. B. Füße auf dem Boden, Stoff der Kleidung, Stuhllehne).
3 Dinge hören: Nimm 3 Geräusche wahr (z. B. Vögel, Verkehr, eigenes Atmen).
2 Dinge riechen: Nimm 2 Gerüche wahr (z. B. Kaffee, frische Luft).
1 Ding schmecken: Nimm 1 Geschmack wahr (z. B. Zahnpasta, Kaffee, oder einfach den eigenen Mundgeschmack).
Bildquelle: Midjourney