Die Taigawurzel gilt als traditionelles Stärkungsmittel. Sie soll Erholungsphasen verkürzen, die Stressregulation verbessern und die Leistungsfähigkeit erhöhen. Rechtfertigt die Evidenz ihren Einsatz?
Eleutherococcus senticosus ist ein dorniger Strauch aus der Familie der Araliengewächse. Die Pflanze ist unter anderem im östlichen Russland, in China, Japan und Korea beheimatet. Sie wird auch als Sibirischer Ginseng bezeichnet, ist aber kein echter Ginseng (über Ginseng habe ich auch geschrieben). Für Arzneizubereitungen wird nicht die ganze Pflanze verwendet, sondern die getrockneten, ganzen oder geschnittenen unterirdischen Pflanzenteile. Diese unterirdischen Pflanzenteile bestehen aus Wurzeln und Rhizomen, also aus Wurzelstöcken.
In der russischen und chinesischen Volksmedizin hat die Taigawurzel eine lange Tradition, und in der damaligen Sowjetunion wurde in den 1960er-Jahren ein Wurzelextrakt als allgemeines Stärkungsmittel zugelassen. In der Taigawurzel stecken verschiedene Inhaltsstoffe, darunter sogenannte Eleutheroside, Lignane, Cumarine, Saponine und weitere Pflanzenstoffe.
Der Taigawurzel werden sogenannte adaptogene Eigenschaften zugeschrieben. Sie soll also die Anpassung des Körpers an Belastungen und Stresssituationen unterstützen. In Europa wird die Taigawurzel vor allem traditionell bei allgemeiner Kraftlosigkeit wie Müdigkeit und Schwäche angewendet. Dazu gehören auch vorübergehende Erschöpfung, nachlassende Leistungsfähigkeit und Konzentration sowie die Erholungsphase nach einer Erkrankung. Unterstützt die wissenschaftliche Evidenz die traditionelle Nutzung?
Wichtig ist: „traditionell angewendet“ bedeutet nicht, dass die Wirkung durch hochwertige moderne Studien eindeutig bewiesen ist. Die europäische Arzneimittelagentur bewertet Taigawurzel vor allem aufgrund der langjährigen Anwendung. Es gibt zwar Studien und Beobachtungen, deren Qualität reicht aber nicht aus, um daraus eine eindeutig bewiesene Wirkung abzuleiten. Besonders vorsichtig muss man bei Aussagen zum Immunsystem sein. Die Taigawurzel wird zwar immer wieder als immunstimulierend oder immunmodulierend beschrieben, es gibt aber keine überzeugenden Studien, die belegen könnten, dass sie das Immunsystem im Alltag zuverlässig stärkt. Ebenso wenig sind Behauptungen belegt, die Taigawurzel könne Impfungen wie die Corona-Impfung wirksamer oder verträglicher machen.
Wer dauerhaft müde, erschöpft oder ungewöhnlich kraftlos ist, sollte nicht einfach nur zur Taigawurzel greifen, sondern die Beschwerden ärztlich abklären lassen. Hinter anhaltender Müdigkeit können nämlich auch Erkrankungen, Schlafmangel, Mangelzustände, Arzneimittelnebenwirkungen oder andere Ursachen stecken. Das gilt besonders, wenn die Beschwerden ungewöhnlich stark sind oder sich verschlimmern.
Man bekommt die Taigawurzel zum Beispiel als Tee, Pulver, Tropfen, Tinktur oder Extrakt zum Einnehmen. Ohne ärztlichen Rat sollte sie jedoch nicht länger als zwei Monate verwendet werden. Kinder unter zwölf Jahren sollen wegen fehlender Daten gänzlich auf die Anwendung der Taigawurzel verzichten. Auch in der Schwangerschaft sowie der Stillzeit wird die Anwendung wegen fehlender ausreichender Daten nicht empfohlen. Bei Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Herzbeschwerden oder anderen Herzerkrankungen sollte eine Anwendung vorher ärztlich abgeklärt werden.
Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Schlafstörungen, Reizbarkeit oder Nervosität, Kopfschmerzen und ein schneller Puls. Auch Magen-Darm-Beschwerden und Müdigkeit können vorkommen. Ein weiterer Grund für eine vorherige Rücksprache ist, dass Wechselwirkungen nicht sicher auszuschließen sind. Beschrieben beziehungsweise diskutiert wurden unter anderem mögliche Probleme bei Digoxin-Messwerten sowie mögliche Wechselwirkungen mit Arzneimitteln, die die Blutgerinnung, den Blutzucker oder den Blutdruck beeinflussen.
Bildquelle: Getty Images, Unsplash