Von Müdigkeit bis Erektionsstörung – kaum eine Pflanze soll so viel beheben wie Ginseng. Doch zwischen Tradition, Werbung und klinischer Praxis bleiben einige Fragen zur Wirksamkeit der Wunderwurzel offen.
Bei Ginseng handelt es sich um eine Pflanze aus der Familie der Araliengewächse Araliaceae, die vor allem wegen ihrer Wurzel verwendet wird. Die Ginsengwurzel enthält sogenannte Ginsenoside, die als die wichtigsten Inhaltsstoffe des Ginsengs gelten. Man unterscheidet verschiedene Arten von Ginseng, darunter den asiatischen Ginseng Panax ginseng, den amerikanischen Ginseng Panax quinquefolius und den japanischen Ginseng Panax japonicus.
Nicht dasselbe ist hingegen der sogenannte sibirische Ginseng Eleutherococcus senticosus. Diese auch als Taigawurzel bekannte Pflanze hat eine andere chemische Zusammensetzung. In China, Korea und Japan wird Ginseng seit langer Zeit traditionell verwendet und dort auch sehr hoch geschätzt. Verwendet wird vor allem die frische oder getrocknete Wurzel, zum Beispiel als Pulver, Extrakt, Lösung, Kapsel, Tablette, Tee, Saft oder Lutschtablette. In Deutschland gibt es Ginsengpräparate sowohl als pflanzliche Arzneimittel als auch als Nahrungsergänzungsmittel.
Als pflanzliches Arzneimittel wird Ginsengwurzel vor allem als Tonikum zur Stärkung und Kräftigung eingesetzt. Typisch ist die Anwendung bei Müdigkeit, Schwächegefühl, nachlassender Leistungsfähigkeit, Konzentrationsproblemen und zur Erholung nach einer Krankheit. Volkstümlich wird Ginseng auch bei chronischem Durchfall, Appetitlosigkeit, Kurzatmigkeit, asthmaähnlichen Beschwerden, Schlaflosigkeit und Unruhe eingesetzt. Ginseng gilt außerdem als sogenanntes Adaptogen. Aber das ist immer noch nicht alles, denn ihm werden noch viele weitere Wirkungen zugeschrieben: Die Wurzel soll außerdem Blutzucker senkend, Durchblutung beeinflussend und Entzündungshemmend sein. Zusätzlich auf das Immunsystem wirken, Nervenzellen schützen und die mentale Leistungsfähigkeit verbessern. Doch auch für mehr Energie und erhöhte sexuelle Fitness soll Ginseng ein potentes Mittel sein – ziemlich beeindruckend.
Aber: Behaupten kann man viel, wenn der Tag lang ist. Wissenschaftlich sind diese Annahmen nicht zuverlässig belegt oder bisher nur schwach abgesichert. Für bestimmte mögliche Effekte gibt es zwar Studien – etwa zu Müdigkeit, Immunfunktion, Blutzucker, Erkältungssymptomen, geistiger Leistungsfähigkeit oder Erektionsstörungen. Größere und bessere Studien sind aber nötig, um die tatsächliche Wirksamkeit sicher zu bewerten. Gerade bei Erektionsstörungen ist die Studienlage ziemlich schlaff. Eine Cochrane-Übersicht deutet zwar kleine Vorteile gegenüber Placebo an.
Die Verbesserungen dürften im Alltag aber wahrscheinlich nicht deutlich spürbar sein. Harte Beweise für einen klaren Nutzen gibt es also auch hier nicht. Bei Wechseljahrsbeschwerden wie Hitzewallungen sieht das Ganze nicht anders aus: Verlässliche Nachweise für eine Wirksamkeit fehlen.
Ein weiteres Problem ist die Qualität der Produkte. Viele Ginsengprodukte enthalten nur geringe Mengen oder sogar keine nachweisbaren Wirkstoffe. Die Zusammensetzung kann zudem je nach Pflanzenart, Alter der Wurzel, Erntezeitpunkt, Verarbeitung und Produkt stark schwanken. Das macht die Studien entsprechend schwer vergleichbar und die Wirkung im Alltag ebenso schwer vorhersagbar. Wenn man Ginseng dennoch einnehmen möchte, sollte man eher ein zugelassenes pflanzliches Arzneimittel als ein Nahrungsergänzungsmittel wählen.
Ginseng kann Wechselwirkungen haben. Bei gerinnungshemmenden Arzneimitteln vom Cumarin-Typ wie Phenprocoumon kann deren gerinnungshemmende Wirkung abgeschwächt werden, weshalb engmaschige Kontrollen der Gerinnungswerte bis zu 14 Tage nach dem Absetzen empfohlen werden. Zusammen mit Acetylsalicylsäure und anderen entzündungshemmenden Schmerzmitteln aus der Gruppe der NSAR wie Ibuprofen oder Diclofenac kann es hingegen zu einem erhöhten Blutungsrisiko kommen. Acetylsalicylsäure ist dabei besonders relevant, weil sie die Blutplättchen (Thrombozyten) irreversibel hemmt.
Bei Ibuprofen und Diclofenac ist diese Hemmung dagegen reversibel und hält nicht über die gesamte Lebensdauer der Blutplättchen an. Ginsengzubereitungen können zudem den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Vermutet wird, dass die enthaltenen Ginsenoside unter anderem die Insulinempfindlichkeit und die Insulinfreisetzung beeinflussen können. Gut genug belegt, um Ginseng als Behandlung gegen Diabetes mellitus einzusetzen, ist das allerdings nicht. Wichtig ist es aber trotzdem, weil Ginseng die blutzuckersenkende Wirkung entsprechender Arzneimittel verstärken und dadurch Unterzuckerungen begünstigen könnte.
Beschrieben wurden außerdem mögliche Wechselwirkungen mit bestimmten Antidepressiva aus der Gruppe der MAO-Hemmer sowie mit Digoxin und anderen Arzneimitteln, die den Herzrhythmus beeinflussen können.
Neben den Wechselwirkungen kann Ginseng natürlich auch ungewünschte Nebenwirkungen verursachen. Dazu gehören Magen-Darm-Beschwerden, außerdem Unterzuckerung, Kopfschmerzen, Schwindel, allergische Reaktionen, Schlafstörungen, Nervosität, Reizbarkeit, erhöhter Blutdruck und Herzklopfen. Ginsengpräparate sollten in der Regel nicht länger als drei Monate angewendet werden. Danach sollte man einen Monat Pause machen, bevor man wieder mit der Einnahme beginnt. Kinder unter 12 Jahren sollten Ginseng nicht einnehmen, weil keine ausreichenden Daten vorliegen. In der Schwangerschaft und während der Stillzeit sollte Ginseng nicht angewendet werden, weil dafür keine ausreichenden Untersuchungen vorliegen.
Bildquelle: Unsplash+ Community, Unsplash