Bert Kühne ist auf der Flucht. Er sieht kleine grüne Männchen, geheime Zeichen und eine Regierung, die ihn jagt. Für die Polizei ist er ein gefährlicher Autofahrer – für uns ein herausfordernder Patient.
Bert Kühne floh. Aber nicht vor Menschen, sondern vor Bildern, die sein eigenes Hirn wie ein Projektor an die Wände der Realität warf. Jede Ampel ein Strahlengewehr, jedes Schild ein geheimer Befehl, jedes Scheinwerferlicht ein Fingerzeig aus einer Schattenregierung, die er allein zu erkennen glaubte. Sein mintgrüner BMW jaulte auf wie ein angeschossenes Tier, als er ihn über die Straßen peitschte, verzweifelt und wütend zugleich.
Im Rückspiegel tauchten sie auf – schemenhafte Gestalten, grünlich schimmernd, als hätten sie ihre Haut aus dem Restlicht von Nachtsichtgeräten gewoben. Einer saß plötzlich auf seiner Rückbank. Sein Herz kam aus dem Takt, stolperte und überschlug sich. Sie sind schon drin. Mit einem Tritt ins Bodenblech ließ er die Reifen kreischen, und die Stadt um ihn herum verwandelte sich in ein delirierendes Kaleidoskop.
Polizeisirenen mischten sich in das Orchester seines Kopfes, doch für ihn waren es Jagdhörner, die die Hunde einer Regierung riefen, die ihn um jeden Preis stellen wollte. Er rammte Fahrzeuge, hörte das Knirschen von Metall und spürte, wie das Lenkrad vibrierte, als würde der Wagen selbst schreien. Maschine und Fahrer verschmolzen wie zwei Flüchtende, die von derselben Angst gehetzt sind. Die Polizei blieb nicht untätig. Auf der Autobahn stellten sie zwei Lkw zangenmäßig auf als eiserne Kiefer, die nur darauf warteten, ihn zu zermahlen. Über allem der gleißende Kegel des Hubschraubers, so unerträglich, als sei er auf einem OP-Tisch festgeschnallt und bereit für seine Hinrichtung. Kühnes Hände klebten am Lenkrad, die Finger rissen Furchen in das Leder, Schweiß tropfte, und seine Zähne klapperten wie Munitionshülsen. Ein Schlenker nach links, einer nach rechts – kein Durchkommen. Nur Stau, das Ende und eine Falle.
Bremsstreifen fraßen sich in den Asphalt, bis sich der BMW in den Stand zitterte. Türen flogen auf, Uniformen stürmten ihn an, Hände griffen zu, warfen ihn nieder. Asphalt im Gesicht, Blut im Mund. Kabelbinder schlossen sich um seine Gelenke, und als er hochriss, was von seiner Stimme übrig war, hörte man nur noch: „Grün! Alles grün!“
Dann kamen wir ins Spiel. Meine Kollegin Marlene und ich, mit dem Rettungswagen, hineingeschoben in dieses infernalische Panorama aus Blaulicht und Rotorenlärm. Kühne, Jahrgang 1972, Schlosser bei den Stadtwerken. Vater von zwei Töchtern. Jetzt lag er da wie ein abgenutztes Werkzeug, festgezurrt wie Sperrgepäck, mit weit aufgerissenen Augen, voller Furcht vor einer Welt, die nur er sah. „Sie kommen“, keuchte er, „die kleinen grünen Männchen ... sie stehen schon an der Tür! Es werden immer mehr!“ Der Schweiß tropfte, Rotz mischte sich hinein, er wand sich gegen die Fesseln, als ginge es um Leben und Tod. Marlene verzog das Gesicht zur ironischen Grimasse, halb Müdigkeit, halb Galgenhumor.
„Kleine grüne Männchen?“, murmelte sie, die linke Augenbraue hochgezogen.„Ja“, antwortete ich, während ich den Zugang fixierte. „Nur klein sind sie nicht.“ Ich sah zum Polizisten, der nicht mal mit dem Mundwinkel zuckte und zu diesem Zeitpunkt vor der großen Klamottenreform noch eine grüne Jacke mit fäkalienbraunen Hosen trug.
Wir arbeiteten unsere Schemata ab mit Handgriffen, die eingeübt wie eine Choreografie schienen. Und trotz der puren Routine, hinter der Maske aus Professionalität, fraß sich ein Frösteln in meine Wirbelsäule. Denn während wir den Mann fixierten, während als stille Flut Midazolam in seine Vene rann und seine Muskeln trug, war mir klar: Für ihn war es real. Jeder Schatten, jede Stimme, jedes Licht. Er floh vor einem Universum, das sich in ihm selbst verschanzt hatte und das keine Flucht zuließ.
Sein Blick nagelte mich fest. Blut klebte ihm am Zahnfleisch, die Lippe aufgeplatzt, doch das war Nebensache. Es war dieses Auge, das mich durchschnitten hat wie Glas. Für einen Atemzug lang war ich nicht sein Retter, sondern Teil seiner Jäger, ein Schatten im Heer der „Agenten“. Und in diesem Blick lag etwas, das selbst mir, durch Jahre zwischen Tod und Trauma abgestumpft, die Kehle zuschnürte: Angst in ihrer reinsten Form. Angst, gegen die keine Waffe helfen konnte. Angst, geboren im eigenen Kopf und ohne Flucht zu kennen.
Wir brachten ihn zunächst zum Amtsarzt, und von dort aus sollte es direkt in die Psychiatrie gehen. Polizisten mit verschränkten Armen, Gesichter wie Granit. Der Amtsarzt notierte, nickte, hörte sich meine nüchterne Schilderung an. Doch Kühne murmelte halb sediert und halb gefangen weiter. Fetzen von Worten, Bilder einer Welt, die niemand außer ihm betreten konnte. Dann hob er noch einmal den Kopf, sah mich an, und flüsterte: „Siehst du sie nicht?“ Ich legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte nichts.
Auf dem Rückweg zum RTW schwiegen wir. Marlene zog an ihrer Zigarette, und der Geruch nach Rauch war ein kläglicher Versuch, die Normalität wiederherzustellen. Ich starrte aus dem Seitenfenster, sah das endlose Pulsieren von Neon und Glas an uns vorbeiziehen und dachte an Kühnes Blick, an seine aufgesprungene Lippe, an diese letzte geflüsterte Frage. „Siehst du sie nicht?“ An der nächsten Kreuzung hielten wir an. Die Ampel sprang um, und für einen Moment war ihr Leuchten nur ein sattes, wissendes Grün.
Kaum ein Krankheitsbild wirkt auf die Umwelt so verstörend wie eine Psychose. Die Patienten scheinen in einer anderen Welt gefangen und reagieren dennoch auf unser Handeln, unsere Worte und unsere bloße Erscheinung – häufig mit Misstrauen, Angst oder Panik, selten mit Aggression. Und hier liegt der erste Denkfehler: Die meisten Beteiligten (auch viele medizinische Fachkräfte) gehen davon aus, dass ein Psychotiker in jedem Fall gefährlich sei. Und natürlich kann eine Psychose eskalieren, wie in dem von Herrn Strzoda beschriebenen Fall, aber in den allermeisten Fällen machen Psychotiker ihren Zustand mit sich selbst aus. Als Notfallsanitäter kann ich einen Psychotiker dennoch schon allein aus rechtlichen Gründen nicht einfach unbehandelt zurücklassen.
Was kann ich als Psychologe, Notfallsanitäter oder Angehöriger tun, wenn mein Gegenüber von „Strahlungsagenten“, „Mauerwerkdrohnen“ oder „Dachpappenthermoverseuchung“ referiert? Wenn chronische Skepsis ins Pathologische gleitet oder sich das Misstrauen in die Welt zu einem waschechten Verfolgungswahn auswächst? Herr Strzoda trat mit der Frage an mich heran: Was hätte er hier besser machen können? Wie geht man mit solchen Patienten – aus psychologischer Sicht – präklinisch korrekt um?
Behandeln kann man eine Psychose ausschließlich medikamentös. Ein Therapeut, der versucht, eine Psychose durch Gesprächstherapie zu heilen, ist schlicht ein Kurpfuscher. In dem geschilderten Einsatz lesen wir von einem hohen Grad an Professionalität. Niemand macht sich offen lustig, niemand tritt – verbal oder körperlich – nach. Zugriff, fixieren und ab in die Psychiatrie. Und doch spürt man zwischen den Zeilen die Hilf- und Ratlosigkeit aller Beteiligten: Ich bin kein großer Fan von Rückschauanalysen, insbesondere, wenn es sich um eine solch dramatische Grundsituation handelt. Aber natürlich gibt es eine Reihe sehr konkreter Handlungsanweisungen, mit denen man eine solche Situation entschärfen kann.
Im konkreten beschriebenen Einsatz hätte Herr Strzoda also auf die Frage: „Siehst du sie nicht?“ antworten können: „Nein, Herr Kühne (wenn möglich immer mit Namen ansprechen!), ich sehe die grünen Männchen nicht. Aber ich habe verstanden, dass Sie sie sehen. Und ich kann mir vorstellen, dass Ihnen das Angst macht.“
Herr Strzoda hätte auch z. B. die Situation aufgreifen und erklären können: „Das war jetzt ein ganz schönes Chaos und eine ziemlich ruppige Festnahme.“ An dieser Stelle muss man immer ein wenig aufpassen, dass sich die Einsatzkräfte nicht auf die Füße getreten fühlen, wenn sie mithören.
Um den Patienten zu lenken, ist es bei einem psychotischen Geschehen immer besser, direktiv als fragend zu formulieren. Also nicht „Wollen Sie mal mit in den RTW kommen?“, sondern „Ich möchte, dass Sie mit mir in den RTW kommen.“ Oder eben in diesem Fall: „Wir haben Sie an den Händen fixiert, weil Sie ziemlich um sich geschlagen haben. Wir bringen Sie jetzt in ein Krankenhaus/in eine Psychiatrie. Sie sind nicht gesund. Es geht Ihrem Kopf nicht gut. Wir möchten, dass Sie Hilfe bekommen.“ Man kann auch noch konkreter werden, in etwa: „Wissen Sie, Sie sehen kleine grüne Männchen. Niemand anders sieht die. Ich auch nicht. Wir vermuten also, dass Sie eine Erkrankung/eine Psychose haben. Das wollen wir für Sie abklären lassen.“
Allerdings: Ob der hocherregte Patient im vorliegenden Fall durch diese Gesprächsführung zur Kooperation gebracht worden wäre, möchte ich mir nicht anmaßen zu behaupten.
Zu guter Letzt möchte ich darauf hinweisen, dass in Akutsituationen, in denen das Leben oder die körperliche Unversehrtheit eines Menschen bedroht ist (z. B. akute Suizidhandlung, Fremdgefährdung), selbstverständlich jedes Mittel recht ist, um die Situation zu deeskalieren. Das beschriebene Vorgehen skizziert ein meiner Erfahrung nach therapeutisch sauberes Prozedere, das sich selbstverständlich der Situation unterzuordnen hat.
Mehr zum Thema „Psychose“ von Charlotte Pisch: Psychose: Zwischen Wahn und Sinn.
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