Cortisol-Detox: Auf Social Media verspricht der Trend schnelle Erfolge gegen Bauchfett. Unter dem Hashtag „Cortisol-Detox" raten Influencerinnen und Influencer dazu, das Stresshormon Cortisol gezielt zu reduzieren. Empfohlen werden zum „Cortisol-Abbau“ spezielle Ernährungspläne, Entspannungsübungen oder kostenpflichtige Selbsttests zum Nachweis des vermeintlichen Hormonüberschusses.1 Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) warnt vor den Selbstdiagnosen: Cortisol sei kein Feind, sondern ein lebensnotwendiges Hormon, das den Körper überhaupt erst leistungsfähig macht und ganz natürlich nach einem Tagesrhythmus ausgeschüttet wird.1 Doch wie groß ist der Einfluss von Cortisol tatsächlich auf das Körpergewicht?
Der Grundgedanke des Trends, Cortisol sei etwas, das man „entgiften" müsse, greift zu kurz. Cortisol übernimmt zahlreiche Aufgaben im Körper, etwa die Speicherung von Energie sowie die Regulation des Immunsystems. Seine Ausschüttung folgt dabei einem festen Tagesrhythmus, passt sich aber flexibel an Einflüsse wie Nahrungsaufnahme, körperliche Aktivität oder Entzündungen an.2 Genau diese tageszeitlich abgestimmte Ausschüttung macht den Körper morgens leistungsfähig und ermöglicht die Anpassung an Belastung.1
Woher kommt die Idee vom „Dickmacher Cortisol" also? Ganz unbegründet ist sie nicht, denn ein Zusammenhang zwischen Cortisol und Gewicht besteht. Gesteuert über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) ist Cortisol ein zentraler Taktgeber des Energiestoffwechsels und greift dabei direkt in die Gewichtsregulation ein. Es hilft in Stresssituationen, kurzfristig Energie bereitzustellen. Wird diese Energie jedoch wiederholt nicht durch körperliche Aktivität verbraucht, wird der Überschuss vermehrt als viszerales Bauchfett gespeichert.3 Zusätzlich senkt Cortisol das Sättigungshormon Leptin und steigert das Hungerhormon Ghrelin.4 Entscheidend sind jedoch Dosis und Dauer des Cortisol-Überschusses: Erst wenn Glukokortikoide wie das körpereigene Cortisol chronisch erhöht sind, lassen sich Effekte wie Gewichtszunahme, vermehrte Fettspeicherung und ein erhöhtes Diabetes-Risiko nachweisen.5
Gut belegt ist das vor allem bei langfristiger medikamentöser Glukokortikoid-Therapie oder beim Cushing-Syndrom, einer seltenen hormonellen Erkrankung mit dauerhaft pathologisch erhöhtem Cortisolspiegel.6 Doch auch chronischer Alltagsstress scheint eine Rolle zu spielen. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt, dass schon eine dauerhaft leicht erhöhte Cortisol-Ausschüttung – noch im Normalbereich – mit höherem BMI und Taillenumfang einhergeht.7
Für die Beratung bleibt eine klare Botschaft: Gewicht nimmt zu, wenn die Energiebilanz nicht stimmt. Chronischer Stress kann hierzu auf unterschiedliche Weise beitragen. Neben einem erhöhten Cortisolspiegel verändert Stress häufig auch das Verhalten: Emotionales Essen, weniger Bewegung sowie Schlafmangel können eine Gewichtszunahme zusätzlich begünstigen.8 Ein guter Umgang mit chronischem Stress kann also auch die Gewichtsabnahme unterstützen. Ausreichender, guter Schlaf, regelmäßige Bewegung, Atemübungen sowie soziale Kontakte und Aktivitäten, die Freude bereiten, können beim Stressabbau helfen.9 Ein gezieltes „Entgiften" von Cortisol ist bei gesunden Menschen weder nötig noch möglich.9
Weitere praktische Tipps zur Stressvermeidung am Arbeitsplatz finden Sie hier.
Für die medizinische und beratende Praxis gilt: Der „Cortisol-Detox“-Trend erfordert eine klare Abgrenzung zwischen Lifestyle-Marketing und endokrinologischer Realität. Es ist wichtig die Sorgen der Patientinnen und Patienten zu validieren, aber gleichzeitig die Nutzlosigkeit teurer Selbsttests und vermeintlicher Wundermittel aufzudecken. Was wirklich hilft: eine fundierte, evidenzbasierte Lebensstilmodifikation und ein nachhaltiges Stressmanagement.
Referenzen: