Organtransplantationen gehören zu den komplexesten und ressourcenintensivsten Therapieverfahren der modernen Medizin. Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit von Spenderorganen ist die Auswahl geeigneter Kandidat*innen mit einer sorgfältigen medizinischen und psychosozialen Evaluation verbunden.1,2
In unserer Reihe „Komorbiditäten und Transplantation“ widmen wir uns Erkrankungen und Begleitfaktoren, die Einfluss auf die Transplantationsmedizin haben. Den Auftakt machen Suchtkrankheiten.
Die Bedeutung von Suchtkrankheiten in der Transplantationsmedizin ergibt sich sowohl aus ihrer potenziell kausalen Rolle bei der Entstehung eines Organversagens als auch aus ihren Auswirkungen auf die Prognose nach einer Transplantation.3,4
Alkoholabhängigkeit ist beispielsweise eine der häufigsten Ursachen einer Leberzirrhose und damit eine zentrale Indikation für die Lebertransplantation.3 Nikotinkonsum stellt einen wesentlichen Risikofaktor für die Entstehung chronisch-obstruktiver Lungenerkrankungen (COPD) dar, die wiederum zu den häufigsten Ursachen eines terminalen Lungenversagens zählen. 5,6
Auch andere Substanzen können über direkte toxische Effekte oder akute Komplikationen zu Organversagen führen. Kokain und andere Stimulanzien sind beispielsweise mit kardiovaskulären Ereignissen wie Arrhythmien, Vasokonstriktion und Myokardischämien assoziiert und können dadurch akute lebensbedrohliche Organschäden verursachen.7
Neben ihrer Rolle als mögliche Ursache eines Organversagens können Suchterkrankungen auch unabhängig von der Grunderkrankung den Verlauf einer Transplantation beeinflussen.4
Eine erfolgreiche Organtransplantation erfordert eine langfristige und konsequente Nachsorge. Dazu gehören die regelmäßige Einnahme immunsuppressiver Medikamente, die Teilnahme an Kontrolluntersuchungen sowie die aktive Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen.8 Suchterkrankungen können mit Faktoren einhergehen, die diese Prozesse erschweren, beispielsweise durch ein erhöhtes Rückfallrisiko, psychische Begleiterkrankungen oder soziale Instabilität.4
Je nach Substanz ergeben sich darüber hinaus spezifische Risiken. So können Alkoholrückfälle mit einer erhöhten Mortalitätsrate nach 10 Jahren einhergehen, während bei Cannabiskonsum mögliche Wechselwirkungen mit Immunsuppressiva und eine verminderte Therapieadhärenz diskutiert werden.4 Fortgesetzter Tabakkonsum nach Transplantation geht mit erhöhter Morbidität und Mortalität einher.4 Die Evidenzlage unterscheidet sich dabei zwischen den einzelnen Substanzen zum Teil deutlich.4
Suchterkrankungen spielen auch bei der Entscheidung über die Aufnahme auf die Warteliste eine Rolle. Ein bekanntes Beispiel ist die sogenannte „6-Monats-Abstinenzregel“ bei alkoholassoziierter Lebererkrankung.9 Diese wird als Voraussetzung für eine Listung zur Lebertransplantation herangezogen. Hintergrund ist unter anderem die Annahme, dass eine längere Abstinenz sowohl die Erholung der Leberfunktion als auch die Einschätzung des Rückfallrisikos erleichtert. In den letzten Jahren wird diese starre Zeitvorgabe jedoch zunehmend diskutiert. Kritisch angemerkt wird dabei, dass die Abstinenzdauer allein nur begrenzt prädiktiv für das Rückfallrisiko ist, während gleichzeitig Patient*innen mit schwerer alkoholassoziierter Hepatitis ohne frühe Transplantation eine ungünstige Prognose haben können.10
Auch über Alkohol hinaus beeinflussen Suchterkrankungen die Listungsentscheidung: Aktiver Tabakkonsum gilt in vielen Zentren bei Patient*innen mit COPD als Kontraindikation für eine Lungentransplantation.11 Zudem zeigen Studien, dass Cannabiskonsument*innen im Vergleich zu Nichtkonsument*innen seltener auf die Warteliste für eine Leber- oder Nierentransplantation aufgenommen und insgesamt signifikant seltener transplantiert werden.4
Gerade weil Substanzkonsumstörungen zu den am stärksten stigmatisierten Erkrankungen gehören, ist ein offener und differenzierter Umgang mit dem Thema wichtig.4 Transplantationsrelevante Risiken müssen benannt und sorgfältig bewertet werden. Gleichzeitig darf die Diagnose einer Suchterkrankung nicht automatisch mit einer schlechteren Prognose oder einem Ausschluss von transplantationsmedizinischen Maßnahmen gleichgesetzt werden. Vielmehr ist es zentral, den Substanzkonsum strukturiert zu erfassen, im Verlauf zu monitoren und bei Bedarf frühzeitig unterstützende Maßnahmen einzuleiten sowie entsprechende Behandlungs- und Beratungsangebote bereitzustellen.4
Referenzen:
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