Die Ernährung bei nephropathischer Cystinose ist hochkomplex. Bei Patienten mit Cystinose kann der Energieverbrauch auf Grund des renalen Protein- und
Glukoseverlusts mehr als das Doppelte des geschätzten Energiebedarfs bei Gesunden betragen. Hinzu kommen weitere Herausforderungen wie starkes Durstgefühl, Mangelernährung oder ein gestörter Elektrolythaushalt.1
Die ketogene Ernährung, ursprünglich in der Pädiatrie zur Behandlung therapieresistenter Epilepsien etabliert, findet inzwischen auch Anwendung bei verschiedenen Krankheiten, vor allem Stoffwechselerkrankungen. Sie ist durch einen sehr hohen Fettanteil bei gleichzeitig stark reduzierter Kohlenhydratzufuhr gekennzeichnet und führt zu einer metabolischen Umstellung hin zur Ketose.2 Die Wirkmechanismen der ketogenen Ernährung bei den verschiedenen Krankheitsbildern sind bislang nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden dabei unter anderem Effekte wie eine Reduktion von oxidativem Stress, eine Stabilisierung der Mitochondrienfunktion sowie antiinflammatorische Eigenschaften – alles Prozesse, die auch bei der Cystinose eine Rolle spielen.3
Basierend auf diesen Zusammenhängen hat sich eine italienische Forschungsgruppe in einer präklinischen Studie mit dem Einfluss der ketogenen Ernährung auf das Voranschreiten der nephropathische Cystinose in zwei Tiermodellen beschäftigt. Verglichen wurden Ctns‑Knockout‑Maus- und -Rattenmodelle mit wildtypischen Tieren, die entweder Standardfutter oder eine strikt ketogene Diät erhielten (90,5% der Kalorien aus Fett, 0,6% Kohlenhydrate). Bei den Mäusen wurden sowohl ein präventives Setting (Beginn mit 3 Monaten bis 12 Monate) als auch ein therapeutisches Setting (Umstellung mit 6 Monaten bis 15 Monate) untersucht; im Rattenmodell kam die ketogene Diät präventiv von 2 bis 8 Monaten zum Einsatz. Analysiert wurden klassische Fanconi‑Parameter, die Nierenfunktion sowie histologische und molekulare Marker.3
Im Mausmodell konnte unter ketogener Diät die typische Fanconi‑Symptomatik, wie Polyurie, Glykosurie, Aminoazidurie und LMW‑Proteinurie, in der präventiven Gruppe weitgehend verhindert bzw. deutlich abgeschwächt werden, begleitet von einer Stabilisierung der Nierenfunktion und einer klaren Reduktion struktureller Schäden wie Tubulusatrophie, Fibrose und Entzündung. Parallel normalisierten sich zentrale zelluläre Stress‑ und Abbauprozesse (Apoptose, Autophagie), die renale Cystinakkumulation nahm signifikant ab. Auch bei späterem Therapiebeginn zeigten sich noch klinisch relevante Effekte. In der Ratten-Cystinose zeigten sich qualitativ ähnliche, wenn auch etwas schwächere Effekte.3
Trotz einiger Limitationen, darunter das Fehlen eines direkten Vergleichsarms mit Cysteamin sowie die eingeschränkte Übertragbarkeit aufgrund der weniger ausgeprägten und später einsetzenden Tubulopathie in Tiermodellen, zeigt die Studie, dass die ketogene Ernährung in murinen Modellen der nephropathischen Cystinose einen ausgeprägten nephroprotektiven Effekt entfaltet und perspektivisch als ergänzende Therapieoption infrage kommen könnte.3 Zukünftige Studien sollten Kombinationstherapien unter realistischeren Bedingungen, etwa mit niedrigeren Cysteamin-Dosen und weniger restriktiven Ernährungsformen wie der modifizierten Atkins-Diät, untersuchen.
Wichtig für den Praxisalltag: Die Ernährung bei Cystinose sollte auf die folgenden Ziele angepasst sein: Verbesserung der Kalorienzufuhr, adäquate Zufuhr an Makro- und Mikronährstoffen, Verlangsamung der Progression der Nierenerkrankung, Therapie der metabolischen Azidose, Prävention der Mangelernährung, Verbesserung von gastrointestinalen Beschwerden, Anpassung der Nahrungskonsistenz bei Dysphagie.1Sind Sie als Ärztin oder Arzt daran interessiert, Ihren Patient*innen zusätzliche Informationen über die Ernährung zu bieten? Im Servicebereich unserer Rare Disease Plattform finden Sie entsprechende Broschüren für Ihre Patient*innen.