Der eine bekommt kein Cannabis mehr, ein anderer braucht Unterstützung mit dem Briefverkehr und der Dritte sitzt, ohne eine Straftat begangen zu haben. Alle haben eines gemeinsam – sie haben mich an ihrer Seite.
Mein erster Patient des Tages macht einen ordentlichen Eindruck. Hausarbeiter, „Deutschtürke“, kann sich benehmen und spricht akzentfreies Deutsch. Herr Celik war schon einmal bei mir. Er hat Schwierigkeiten mit den Ärzten, speziell mit unserem verstaubten Psychiater. Draußen hat er medizinisches Cannabis konsumiert, hier drinnen bekommt er nur Ersatzprodukte wie Sprays und Tropfen. Er ist vor gut vierzig Jahren in Köln geboren, aufgewachsen in Magdeburg und lebt seit zehn Jahren mit seiner Familie in Bayern, wie er mir auf unserem Weg durch die Gänge in mein Büro berichtet.
„Habiiiibi!! Wie geht dir?!“ schreit ihm der Hausarbeiter des Nachbarflügels entgegen, als wir die schwere Brandschutztür durchqueren. Vier bis fünf weitere Gefangene kommen angeschwirrt wie eine Horde Ameisen, wenn man Cola verschüttet hat. „Was machst du? Wo bist du?“ will der Grieche wissen, der mit ihm damals im Zugang die Zelle geteilt hat. „Tschüüüüch! Hausarbeiter!!“ bemerkt der junge Araber aus der 37 und unterstreicht die Gratulation, indem er anerkennend an dem weißen Kittel zupft.
Die unverwechselbare Arbeitskluft unterscheidet deutlich sichtbar diejenigen Gefangenen, die zuverlässig genug erscheinen, um als „Mädchen für alles“ den Beamten zur Hand zu gehen. Bettwäsche verteilen, Gänge fegen, Essen holen und austeilen. Die Zellen der Hausarbeiter sind in der Regel während der Geschäftszeiten nicht verschlossen. Ein großes Privileg und ein enormer Vertrauensvorschuss. Ein Hausarbeiter steht im inoffiziellen Rang über den anderen Gefangenen, hat einen guten Draht zu den Beamten und in der Regel auch zu den Fachdiensten. Mit einem Augenzwinkern werden sie auch häufig als „Hilfsbeamte“ bezeichnet. Nicht selten bekomme ich Hinweise über instabile Inhaftierte von meinen Hausarbeitern. „Der Rumäne in der 24 hat die ganze Nacht geflennt. Können Sie da mal hinschauen?“
Ein Hausarbeiter muss sich auch seiner Stellung entsprechend benehmen können. Wird er unverschämt, lügt die Beamten an, agiert manipulativ oder gar aggressiv, so wird er „abgelöst“. Eigentlich muss jeder Hausarbeiter nach einigen Monaten grundsätzlich abgelöst werden, um zu vermeiden, dass diese Gefangenen zu viel von den Abläufen und Interna mitbekommen und damit zu viel Macht erhalten. So manch ein Beamter vergisst nämlich bei besonders sympathischen Hausarbeitern bisweilen, dass es sich um einen Gefangenen handelt und plaudert ein bisschen zu viel Privates oder Internes aus. In der Realität ist ein guter Hausarbeiter aber Gold wert und man gibt ihn nicht gerne her. Kann sich ein Gefangener ordentlich verständigen, ist er sauber, macht keine „Geschäfte“ und arbeitet auch noch fleißig, so wird schon mal ein Jahr lang vergessen, ihn abzulösen.
Herr Celik ist erst seit sechs Wochen als „Hausl“ eingeteilt. Vor zwei Wochen hat er sich das erste Mal per Antrag an mich gewandt, da er einige „schlechte Dinge in seinem Kopf“ habe. Wir arbeiten uns über den vollen Gang durch die Gefangenen in Richtung meines Büros durch. Es ist „Aufschluss“. In diesem Zeitraum werden alle Hafträume geöffnet und die Gefangenen dürfen sich frei auf dem Gang bewegen. Der Aufschluss ähnelt in Struktur und Stimmung der „kleinen Pause“ einer Mittelschule. Alle wollen sich bewegen, keiner darf nach draußen und es stinkt. Ich laufe im Slalom durch alte dicke Männer im weißen Feinripp und durchtrainierte, nackte, verschwitzte Oberkörper. Mit Muskelmasse und Anzahl der Tattoos sinkt äquivalent die Bereitschaft, den Oberkörper zu bedecken.
Herr Adisenovic aus dem Gemeinschaftshaftraum am Ende des Ganges hat mich entdeckt und will seine Chance nicht vergeben, mir sein Anliegen vorzutragen. Um das Gefälle im Bekleidungsgrad zwischen uns beiden zu kaschieren, presst er sich auf die Schnelle ein zusammengeknülltes Hemd vor den Oberkörper. „FRAU PIIISCH!! HALT! ICH MUSS SIE WAS FRAGEN!“ Er hastet den Gang entlang auf uns zu, in einer Hand irgendein Schreiben, die andere Hand fixiert das blassblaue Baumwollhemd vor seiner Brust – was ihn nicht wirklich bekleidet aussehen lässt. Außer Atem hält er mir das Schreiben unter die Nase, während er neben mir herläuft. Ich unterbreche ihn, noch bevor er anfangen kann: „Herr Adisenovic, ziehen Sie sich bitte was an, bevor Sie mich auf dem Gang abfangen.“
„Aber dann sind Sie wieder weg.“
Ich gehe unbeirrt weiter. Herr Celik dackelt brav neben mir her. „Ja richtig. Jetzt ist auch der Herr Celik dran und nicht Sie.“
„Oh Mannnn…!! Und wann bin ich mal dran?!“ Mittelschule. Ich muss kurz stehen bleiben, weil der Russe aus der 8 am Ende des Ganges im Türrahmen Klimmzüge macht und mir so den Weg versperrt. „Ich bemühe mich, dass ich es diese Woche noch schaffe“, fertige ich Herrn Adisenovic ab. „keyyy…“ mault er enttäuscht. Der Russe springt vor mir herunter: „Uh, sorry! Hab Sie nicht kommen sehen.“ Er klingt wie der böse Agent aus einem beliebigen James Bond Streifen. Endlich schaffe ich es mit Herrn Celik durch die schwere Brandschutztür.
30 Minuten Gespräch. Herr Celik vermisst seine Familie und sein medizinisches Cannabis. Wir besprechen Strategien zur Selbstberuhigung und Tagesstrukturierung. Herr Celik bedankt sich, ich stemple den Antrag und bringe den Gefangenen zurück auf seinen Gang.
Wir treffen Herrn Fernandez-Neumüller. Ein lebensfroher Spanier mit einer Ersatzfreiheitsstrafe. „Holaaaaa Frau Piiichhhh!!“ strahlt er mir entgegen. „Herr Fernandez-Neumüller, Sie haben ja gute Laune.“ Ich lächle. Dieser Mann ist ein Phänomen. Drei Sekunden Kontakt und die eigene Stimmung hebt sich merklich. Ihm fehlen einige Zähne und er leidet unter kreisrundem Haarausfall. Der übriggebliebene Teil seiner Haarpracht wächst in wilden Dreadlocks aus seinem Kopf heraus. Eine absurde Optik – und dennoch ist dieser Mann wunderschön. Er strahlt eine innere Ruhe und Zufriedenheit aus, die in einem völligen Paradoxon zu seiner Situation und der Umgebung liegt. Ich kenne ihn aus dem Zugang. „Zwei Wochen haben Sie noch, soweit ich mich erinnere?“ Er lächelt und kippt einmal kurz den Kopf zur Seite, fast als würde er sagen wollen es dauert eben so lange, wie es dauert. Dann deutet er mit gefalteten Händen in meine Richtung und lispelt: „Achten Sie auf sich.“ Ich schenke ihm ein breites Lächeln und eine kleine Verbeugung und setze meinen Weg fort.
Ich möchte zu Herrn Lamboni. Der Togolese aus der 34 liegt mir am Herzen. Er sitzt in Haft, weil er illegal in Deutschland ist. Ich habe schon von ihm geschrieben. Keine weitere Straftat. Nur hier, obwohl er nicht hier sein darf. Das Delikt in Kurzform: Herr Lamboni hat seine Papiere verschmissen, doch ohne Papiere ist er „illegal“. Um neue Papiere zu erhalten, muss er nach Togo reisen – das geht aber nicht ohne Papiere. Und ohne Geld. Deutschland in einem Bild. Frau Exner, meine Juristin, hat sich mit der Staatsanwaltschaft und dem Gefangenenfürsorgeverein in Verbindung gesetzt. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie die Anklage fallen lässt und der Gefangenenfürsorgeverein prüft, ob eine finanzielle Unterstützung Herrn Lambonis Situation verbessern kann.
Eigentlich habe ich gar keine neuen Informationen für ihn. Aber ich möchte ihm mitteilen, was wir in der Zwischenzeit getan haben. Damit er sich besser fühlt und auch damit ich mich besser fühle. Denn diesen Fall nehme ich tatsächlich ein wenig mit in den Feierabend. Wie üblich bedankt sich Herr Lamboni überschwänglich bei mir. Gott möge mich schützen und ich sei ein Engel in diesen Mauern. So fühlt es sich nicht an, mir ist die ganze Sache nach wie vor sehr unangenehm. Ein Hauch von Fremdscham liegt über diesem Fall. Aber es fühlt sich gut an, dass das Anliegen an höherer Stelle Gehör findet und zumindest „geprüft“ wird.
Antrag um Antrag und Gespräch um Gespräch vergeht der Tag. Meine Laune steigt und das liegt heute nicht nur am nahenden Feierabend. Ich konnte heute helfen. Ich konnte Mut machen. Ich habe etwas bewirkt. Meine Klienten haben meinen Einsatz geschätzt, auch wenn er nicht zum erwünschten Ergebnis geführt hat. Welch ein Privileg, denke ich mir. Solche Tage sind es, die mich den genickstarren Amtsschimmel, der in diesen Hallen oft wiehert, genauso vergessen lassen wie die fäkalienverschmierten Psychiatriepatienten, die hier unter seichten Vorwänden geparkt werden, weil die Psychiatrien voll sind. Solche Tage sind es, die ich mir als Psychologiestudentin im Geiste ausgemalt habe, als ich mir den Hintern auf den Holzklappstühlen im Audimax plattgesessen habe. Zu einer Zeit, als die Professoren während der Vorlesung noch geraucht haben. Heilung durch das Wort, Besserung durch Beistand, Remission durch Dialog. Mein 22-jähriges Ich würde einen Freudentanz aufführen, könnte es heute einen Blick auf seine Zukunft erhaschen. Nicht immer fühlt sich meine Arbeit so stimmig an. Aber heute, heute ist wirklich ein guter Tag.
Bildquelle: Taejun H., Unsplash