Ein perfekt integrierter, studierter Mann sitzt vor mir. Sein Verbrechen: Er hat seinen Pass verloren. Wie ihn das hinter Gitter gebracht hat – und warum ich meinen Job manchmal hasse.
„Für Sie besser deutsch or english?“ babble ich den Herren aus Togo in infantilem Tonfall an. „Ich spreche gerne Deutsch mit Ihnen, aber Englisch wäre auch kein Problem.“ Oh… „Wow, Ihr Deutsch ist ja hervorragend“, versuche ich meine und seine Würde wiederherzustellen. „Ich studiere Lehramt in München seit 2022. Ich komme ganz gut zurecht mit der Sprache. Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.“ Ein sehr aufgeräumter Typ. Mit seiner kleinen, runden Brille wirkt er sehr akademisch. Er spricht beinahe akzentfrei, wirkt belesen und sehr sympathisch. Er könnte einen spießigen Schwarzen Lehrer in einer amerikanischen Weihnachtskomödie spielen.
Das Delikt, wegen dem Herr Lamboni vor mir sitzt, kann getrost als mein persönliches Kryptonit bezeichnet werden. Nicht, weil es eine solch grauenvolle Tat ist, im Gegenteil. Wir sprechen von „Illegalem Aufenthalt“: Herr Lamboni hat nichts gemacht – dennoch ist er illegal. Er hat niemanden verletzt, niemanden um sein Geld oder seine Ehre gebracht, dennoch ist er ein Straftäter. Er ist hier. Komplett integriert. Ganz klar ein Deutscher, und darf doch hier nicht sein. Und so teilt er den Haftraum mit einem jungen Mann, der 2,5 Kg Kokain in seiner Garage gebunkert hatte, einem Herrn in den Fünzigern, der seine Vermieterin aus Zorn über eine Mieterhöhung erschlagen hat und einem Unsympathen aus Afghanistan, der seine Ehefrau mehrfach brutal vergewaltigt hat und nicht verstehen kann, warum er hier für so etwas eingesperrt wird.
Herr Lamboni hat einen Fehler gemacht. Er hat seinen Pass verloren. Er ging also zu seinem Rathaus in Miesbach, die schickten ihn zur Botschaft nach Pullach. Die wiederum teilten ihm mit, er brauche seine Geburtsurkunde und seine Stammesurkunde, sowie eine Identitätsbestätigung seiner togolesischen Heimatbehörde. Er telefonierte mit seiner Familie in Togo, um die Unterlagen zu beschaffen. All das nahm viel Zeit und Geld in Anspruch. Man darf sich ein Anliegen an eine togolesische Behörde nicht vorstellen wie einen Termin in unserer Deutschen Behördenwelt: Man kommt, wartet, trägt sein Anliegen vor und wird bedient. Nein, in Togo läuft das anders. Alles in Togo kostet und ist kompliziert. Korruption ist Trumpf. Ohne Geld wartet man, bis die Hölle zufriert. Je mehr man springen lässt, umso schneller wird man bedient und umso weiter kommt man. Gerne werden auch noch ein paar behördliche Notwendigkeiten dazu erfunden, einfach um noch mehr Kohle aus den Bürgern rauszuholen.
Herr Lambonis Familie hat es schlussendlich bis zu folgender Information geschafft: Herr Lamboni muss persönlich nach Togo in das Rathaus seines Dorfes reisen, um ein bestimmtes Dokument in Persona entgegenzunehmen. In Vertretung, per schriftlichen Antrag oder über die Botschaft sei dies nicht zu beschaffen. Das Problem daran: ohne gültigen Pass kann Herr Lamboni nicht nach Togo reisen. Und selbst mit einem vorläufigen Pass könnte er zwar nach Togo einreisen, aber nicht wieder nach Deutschland zurückkommen. Denn durch die „Straftat“ hat er seinen Aufenthaltsstatus eingebüßt. Einen speziellen Anwalt für Ausländerrecht kann er sich nicht leisten und so sitzt er jetzt vor mir und ringt um Fassung. Und ich mit ihm.
Ich öffne seine Anklageschrift im PC:„… verfügt der Beschuldigte, wie er wusste, nicht über einen Reisepass bzw. ein Passersatzpapier, obwohl ihm die Passbeschaffung möglich und zumutbar gewesen wäre. Der Beschuldigte wusste, dass er als togoischer Staatsangehöriger für einen Aufenthalt im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland über einen gültigen Reisepass bzw. Passersatz verfügen musste.“
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir so eine skurrile Geschichte anhören muss. Jedes Mal wünsche ich mir, der Gefangene lügt mich an. Lese ich das Ganze dann wortwörtlich in seinen Papieren bestätigt, so frage ich mich, ob es dem Richter nicht peinlich war, diese Zeilen zu schreiben. Ich frage mich, ob wirklich keinerlei juristischer Spielraum besteht. Ich frage mich, ob der Richter mit diesem Menschen gesprochen hat. Ob er weiß, dass er durch sein Handeln ein intaktes Leben zerstört. Das Leben eines Menschen, der es aus eigener Kraft geschafft hat, sich eine Existenz in Deutschland aufzubauen. Als wertvolles Mitglied unserer deutschen Gesellschaft. Herr Lamboni wollte Lehrer werden. Wie viel Wertvolles hätte er seinen Schülern mit seiner Lebenserfahrung mitgeben können? Ich schäme mich. Ich entschuldige mich bei ihm. Ich versichere ihm, dass das, was mit ihm passiert nicht richtig sei. Möglicherweise juristisch korrekt, aber nicht richtig.
In den nächsten Wochen werde ich versuchen, unseren Sozialdienst, unsere Juristin und seine Rechtsanwältin auf den Plan zu rufen. Ich werde mit ihm in der Botschaft und bei Gericht anrufen. Wahrscheinlich werde ich keinen Erfolg haben. Wahrscheinlich wird Herr Lamboni ein paar Monate im Gefängnis sitzen, seinen Studienplatz verlieren und im schlimmsten Fall wird er am Ende abgeschoben. Heute macht mein Job keinen Spaß. Heute erfüllt er mich nicht. Heute fühle ich mich, als stünde ich auf der falschen Seite.
Und Herr Lamboni? Der wirkt ergriffen, dass ich mich so „engagiere“. Bedankt sich für meinen „Einsatz“. Es so zu nennen, ist nicht richtig. Ich versuche lediglich, Schadensbegrenzung zu betreiben. Stelle mich gegen die atombombenstarken Windmühlen der deutschen und der bayerischen Justiz, ohne Aussicht auf Erfolg. Aber in der Hoffnung, dass Herr Lamboni bemerkt, dass ich es versuche. Dass ich da bin, für ihn kämpfe und in der Hoffnung, dass er sich etwas weniger verloren fühlt.Bildquelle: Midjourney