Hitzewellen werden immer häufiger – und können tödlich sein. Auch Deutschland ächzt wieder unter Extremtemperaturen. Wir werfen einen Blick auf gesundheitliche Folgen für Körper und Psyche.
Ende Mai traf die erste Hitzewelle des Jahres Europa. Es wird nicht die letzte sein: Für 2026 erwarten Klimaforscher erneut einen überdurchschnittlich warmen Sommer, die Vereinten Nationen prognostizieren in den nächsten fünf Jahren weitere Rekordwerte. Was das für die Gesundheit bedeutet, ist längst keine abstrakte Frage mehr – sondern Klinik- und Praxisalltag. Für Ärzte bedeutet das: Hitze sollte als eigenständiger Risikofaktor bei Anamnese, Medikamentenanpassung und im Patientengespräch mitgedacht werden.
Für kardiovaskulär vorerkrankte Patienten ist Hitze ein ernstzunehmender Trigger. Durch Vasodilatation fällt der Blutdruck und das Herz muss kompensieren. Das hat bekannte Folgen: erhöhtes Risiko für Angina pectoris, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Arrhythmien. Hinzu kommen Dehydratation und Elektrolytstörungen durch Schwitzen, die Kreislaufkollaps und Thrombosen begünstigen können.
Wichtig für die Beratung: Bestimmte Medikamente verschärfen das Risiko. Dr. Alexandra Schneider weist darauf hin, dass Diuretika und Betablocker unter Hitze besonders problematisch sein können. Sehr vulnerabel sind ältere Menschen, deren Durstempfinden und Thermoregulation oft eingeschränkt sind, sowie Patienten mit Nieren-, Lungen- oder Stoffwechselerkrankungen.
Für Menschen mit COPD oder Asthma sind Hitzewellen eine doppelte Bedrohung: Hohe Temperaturen gehen häufig mit erhöhten Ozon- und Feinstaubwerten einher, die die Atemwege reizen und Exazerbationen provozieren. Gleichzeitig erschweren Hitze und Dehydratation die mukoziliäre Clearance – Sekretstau und Infektionen sind die Folge. Schneider fasst zusammen: „Hitze wirkt meist nicht isoliert, sondern als Verstärker bestehender Herz- und Lungenerkrankungen.“ Epidemiologische Daten zeigen entsprechend, dass ein Großteil der hitzebedingten Todesfälle auf diese Patientengruppen entfällt.
Die Auswirkungen auf das Nervensystem sind vielschichtiger als oft angenommen. Hitze kann die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen, oxidativen Stress und zerebrale Entzündungsprozesse fördern sowie die Fließeigenschaften des Blutes verändern, erklärt Dr. Ameli Breuer. Am besten belegt ist der Zusammenhang mit Schlaganfällen: Hohe Temperaturen erhöhen das Ereignisrisiko, und während Hitzewellen steigt die Post-Stroke-Mortalität. Besonders riskant sind warme Nächte, längere Hitzeperioden und abrupte Temperaturwechsel.
Für Menschen mit Multipler Sklerose ist das Uhthoff-Phänomen klinisch relevant: Bis zu 80 Prozent erleben bei Hitze eine vorübergehende Symptomverschlechterung. Bei Patienten mit Parkinson häufen sich motorische und nicht-motorische Beschwerden sowie Krankenhausaufnahmen. Auch Demenz-Betroffene sind besonders gefährdet – mit erhöhter Hospitalisierungsrate und Sterblichkeit bei extremen Hitzeereignissen. Hinzu kommt, so Breuer, dass neurologisch vorerkrankte Personen häufig eine beeinträchtigte Thermoregulation aufweisen, krankheits- oder medikamentenbedingt.
„Wahrscheinlich hat jeder schon mal am eigenen Leib erlebt, wie sich Hitze auf die psychische Gesundheit auswirken kann: Wir können uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer oder sogar aggressiv“, sagt Dr. Sebastian Karl. Hinter diesen Alltagserfahrungen stehen biologische Mechanismen: Hitze kann die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen, zerebrale Mikro-Inflammationen auslösen und Neurotransmittergleichgewichte stören.
Große epidemiologische Studien belegen mittlerweile einen Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und dem Auftreten nahezu aller Arten psychischer Erkrankungen. Besonders alarmierend: Es gibt einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Hitze und Suizidalität. Dr. Hans Knoblauch ergänzt, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen eine doppelt erhöhte Vulnerabilität aufweisen – einerseits durch verminderte behaviorale Adaptation (sie schützen sich weniger effektiv), andererseits durch pharmakologische Effekte auf die Thermoregulation, etwa durch Antipsychotika. Diese psychopharmakologische Behandlung „kann in die Regulation des Wärmehaushalts eingreifen und bedarf in Hitzeperioden einer besonderen Überwachung“, so Knoblauch.
Prävention beginnt mit Struktur. Dr. Kerstin Kammerer betont, dass bauliche Maßnahmen – Außenverschattung, Fassadenbegrünung, Entsiegelung – wirksam sind, aber für viele soziale Einrichtungen schlicht nicht finanzierbar. Prof. Dea Niebuhr unterstreicht, dass kommunale Hitzeaktionspläne nur dann wirken, wenn sie verbindlich umgesetzt werden: „Unverbindliche Empfehlungen, die freiwillig umgesetzt oder abgelehnt werden können, reduzieren die Wirksamkeit.“
Für die ambulante und stationäre Versorgung bedeutet das: Hitzeschutzpläne mit klaren Verantwortlichkeiten, Temperaturmonitoring in Patientenzimmern, angepasste Flüssigkeitszufuhr und – gerade bei Polypharmazie – eine situationsgerechte Medikamentenüberwachung. Soziale Ungleichheit verstärkt dabei das Risiko: Menschen in schlecht isolierten Wohnungen, mit eingeschränkter Mobilität oder sozialer Isolation erreicht medizinische Hilfe während Hitzephasen oft zu spät.
Bildquelle: ChatGPT