Die Bevölkerung wird älter – und die Behandlung komplexer. Für die Versorgung von Demenzpatienten heißt das: Die regionalen Unterschiede verschärfen sich weiter. Prognosen zufolge sieht Deutschland ganz schön alt aus.
Die Zahl der Demenzfälle in Deutschland könnte bis zum Jahr 2060 auf bis zu 2,1 Millionen ansteigen. Das geht aus aktuellen Analysen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervor, die gemeinsam mit Forschern der Universitäten Trier, Rostock und Köln durchgeführt wurden.
Grundlage der Berechnungen ist ein neu entwickeltes Mikrosimulationsverfahren der DFG-Forschungsgruppe MikroSim FOR2559. Das Modell ermöglicht Prognosen bis auf Kreisebene und berücksichtigt demografische Entwicklungen sowie epidemiologische Kennzahlen zu Demenzhäufigkeit, Demenzinzidenz und Demenzsterblichkeit.
Die Simulationsmodelle wurden an der Universität Trier entwickelt und anschließend um demenzbezogene Kennzahlen des WIdO erweitert. Die Entwicklung der Szenarien erfolgte unter Einbeziehung von Forschern aus den Bereichen Demographie und neurodegenerative Erkrankungen der Universitäten Rostock und Köln. „In unserem Mikrosimulationslabor entwickeln wir Modelle, die Prädiktionen zu allen erdenklichen demografischen Fragen für Deutschland bis hinab auf Haushaltsebene erlauben“, erklärt Prof. Dr. Ralf Münnich aus der Wirtschafts- und Sozialstatistik der die Forschungsgruppe an der Universität Trier leitet. Die Berechnungen gehen davon aus, dass die Zahl der Demenzerkrankten bei steigender Lebenserwartung von derzeit etwa 1,3 Millionen auf bis zu 2,1 Millionen im Jahr 2060 zunimmt.
Die Modellierungen zeigen erhebliche regionale Unterschiede. Besonders groß ist die Spannweite zwischen jüngeren städtischen Regionen und älteren ländlichen Gebieten. Für München wurde für das Jahr 2060 ein Anteil von 1,7 Prozent Demenzerkrankungen berechnet. Im brandenburgischen Landkreis Elbe-Elster liegt der prognostizierte Anteil dagegen bei 6,2 Prozent. Damit wäre der Bevölkerungsanteil von Menschen mit Demenz dort etwa 3,5-mal höher.
Zusätzlich untersuchten die Forscher die Auswirkungen des Rückgangs der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter auf die Versorgungssituation. Im Jahr 2020 kamen 2,6 Personen mit Demenz auf 100 Erwerbstätige. Für 2060 ergibt die ungünstigste Prognose 4,7 Demenzerkrankte pro 100 Erwerbstätige. In einzelnen Kreisen könnte dieser Wert auf nahezu 21 steigen. Die Prognosen basieren auf einer eng gefassten Demenz-Falldefinition, bei der reversible Fälle ausgeschlossen wurden. Nach Angaben der Forscher handelt es sich damit um konservative Schätzungen, die eher die untere Grenze der zu erwartenden Fallzahlen darstellen.
Die Modellrechnungen zeigen zugleich, dass Präventionsmaßnahmen die Entwicklung deutlich beeinflussen könnten. „Durch Prävention und eine gute Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, den Verzicht auf das Rauchen, mehr Bildung, die Behandlung von Hörstörungen und die Vermeidung sozialer Isolation kann einer Demenzentwicklung vorgebeugt werden“, verdeutlicht Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Unter optimalen Präventionsbedingungen wäre den Berechnungen zufolge für das Jahr 2060 eine Stabilisierung auf 1,3 bis 1,5 Millionen Demenzfälle möglich. Dann würden auf 100 Erwerbstätige noch 2,9 Personen mit Demenz kommen. Das regionale Gefälle zwischen städtischen und ländlichen Regionen bliebe den Prognosen zufolge jedoch bestehen.
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