Sexuelle Belästigung ist auch unter Medizinern keine Seltenheit – wie beim diesjährigen Deutschen Ärztetag deutlich wurde. Wir wollten wissen: Seid auch ihr betroffen? Hier sind eure Antworten.
Anlässlich der Berichterstattung zum diesjährigen Deutschen Ärztetag haben wir euch nach euren Erfahrungen mit Machtmissbrauch oder sexueller Belästigung von Kollegen oder Vorgesetzten gefragt. Auch haben wir Zuschriften bekommen, in denen Männer sich einen Austausch zu dem Thema wünschen, da sie sich nicht sicher sind, ob sie vielleicht unbewusst Teil des Problems sind. Was diese Diskussion zeigt: Es ist an der Zeit, über das Thema zu sprechen – und zwar ohne Stigmatisierung oder Verurteilung. Hierfür muss der erste Schritt sein, gemeinschaftlich anzuerkennen, dass sich etwas ändern sollte.
Leider haben nur rund 32 Personen unsere Umfrage abgeschlossen. Trotzdem wollen wir euch die Ergebnisse nicht vorenthalten. Etwa die Hälfte der Befragten arbeitet in einer Klinik, die andere Hälfte setzte sich aus Studenten, Rettungsdienstlern, Apothekern/PTA und Ärzten aus Praxen zusammen. Zwei Personen arbeiten in der Verwaltung. Mit 24 weiblichen Teilnehmern lag der Frauenanteil bei 75 Prozent. Acht Personen sind als Ober- oder Chefärzte tätig – hierunter fünf Frauen und drei Männer. Auf die Frage, ob sie im vergangenen Jahr unprofessionelles Verhalten erlebt oder beobachtet haben, antworteten 30 Befragte mit „Ja“. In 17 Fällen waren die Personen selbst betroffen.13 Stimmen berichten, unprofesionelles Verhalten beobachtet zu haben – von denen sechs von ihnen zugleich selbst betroffen waren
Auch wird sichtbar, dass bei diesem Thema oftmals ein Machtgefälle im Spiel ist: 20 Personen gaben an, dass das unprofessionelle Verhalten von Vorgesetzten bzw. höherrangigen Kollegen ausging. In acht Fällen von gleichrangigen Kollegen, in neun Fällen von Patienten oder Angehörigen, in vier Fällen von niederrangigen Kollegen und zwei Befragte wollten hierzu keine Antwort abgeben. Die Betroffenen waren in den meisten Fällen Ärzte, aber auch Personen aus der Pflege oder MFA – in sieben Fällen waren Berufsanfänger betroffen, in zwei Fällen Studenten.
In unserer Umfrage waren verbales und nonverbales übergriffiges Verhalten etwa zu gleichen Teilen vertreten – wobei verbales Fehlverhalten etwas öfter beobachtet wurde. Wir wollten es aber ganz konkret wissen: Beispiele für verbale Grenzüberschreitungen waren herabwürdigende Kommentare über die betroffene Person, sexuelle Anspielungen/anzügliche Kommentare, das Versprechen von Vorteilen in der Weiterbildung als Gegenleistung zu sexuellen Handlungen und Beschimpfungen; wobei Beschimpfungen gegenüber weiblichen Mitarbeitern oft sexuell konnotiert sind. Auch unangebrachte Aussagen über das Aussehen der Kollegen wurden genannt. Eine Oberärztin berichtet, dass ein Oberarzt-Kollege eine Studentin fragte, ob sie mal mit in sein Büro käme.
Nonverbal kam es zu aggressivem Gebaren („beim Äußern von Kritik wurde mehrmals auf den Tisch geschlagen“), körperlichen Übergriffen gegenüber Patienten und ärztlichen Kollegen, Küssen, Umarmungen oder Berührungen gegen den Willen der Betroffenen (Rücken streicheln, Berührungen an Bein, Hals oder Ohrläppchen). Aber auch Dienstplanschikanen, Mobbing oder gefälschte Protokolle wurden genannt.
Ein Oberarzt beschreibt: „Ein Chefarzt hat eine unterstellte Ärztin mit auf den Kongress genommen und wie ein Püppchen vorgeführt, auch während seines Vortrags. Es wirkte doch – wenn man das so nennen darf – sehr aus der Zeit gefallen. Konkreter: unangebracht.“ Eine Fachärztin beschreibt eine Situation so: „Pflegedienstleiter dreht Assistenzärztin schmerzhaft den Arm nach hinten (nachdem er so tut, als wolle er ihr die Hand geben), um ihr (unabgesprochen) zu demonstrieren, wie schutzlos sie sei gegenüber aggressiven Patienten.“ Eine Klinikärztin beschreibt: „Körperliche Übergriffe, z. B. Anfassen an den Schultern und dann über die Schulter auf den PC schauen. Aber auch viele Momente, in denen zum Beispiel bei der Chefarztvisite einfach nur willkürlich Macht demonstriert wird und Kolleg:innen schlecht gemacht werden, obwohl sie fachlich korrekt waren.“
Nun könnte man sagen: Wenn das doch so ein großes Problem ist, warum wird nicht öfter darauf hingewiesen? Dafür muss man aber erstmal schauen, was diese Vorfälle mit den Betroffenen machen. Dreizehn Befragte berichten von Ängsten und Stress, aber auch Angst vor Fehlern oder Schlafprobleme wurden als Auswirkungen genannt. Sieben Personen berichten von einem Abfall der Qualität der eigenen Arbeit. So ergeben sich für das gesamte Team Konsequenzen: Krankmeldungen (5 Personen) und überlegte (7 Personen) oder vollzogene (7 Personen) Jobwechsel waren hier der Ausweg für Betroffene. In mehr als der Hälfte der Fälle wurde das Fehlverhalten weder angesprochen noch gemeldet. Die Gründe hierfür sind vielfältig.
Die Betroffenen scheinen resigniert („bringt sowieso nichts“) und vertrauen nicht darauf, dass der Weg in die Kommunikation eine Besserung hervorruft. Die Gründe werden anhand eurer Kommentare klar: „Gehört schon fast zum Alltag, man gewöhnt sich daran und versucht, es zu ignorieren.“ Und auch, was für ein alter Hut es ist: „Der Vorfall fand vor ca. 30 Jahren statt. Während mir der Oberarzt das Angebot machte, gegen Sex operieren zu dürfen, war die Patientin im gleichen Raum hinter einem Vorhang. Ich war komplett sprachlos. Am gleichen Abend musste ich mich bei einer Gremiensitzung des MB plötzlich übergeben. Ich konnte mit einem Mitarbeiter des MB besprechen, wie ich mich schützen kann: Ich habe den Oberarzt in einen von mehreren Seiten einsehbaren Raum gebeten und ihm erklärt, dass sowas nicht wieder vorkommen darf. Er war durch mein resolutes Auftreten verwirrt. An eine Anzeige dachte damals niemand.“
Ein Kommentar zeigt, dass Betroffene – oft leider auch zu Recht – kein Vertrauen in das System haben: „Die Geschäftsführung und der Gesellschafter haben weggesehen trotz anwaltlicher Mobbinganzeigen! Der Betriebsrat wurde eingeschüchtert, Täter-Opfer-Umkehr praktiziert, Kollegen wurden instrumentalisiert. Es wurde auch gedroht. Inzwischen ist das Team zerstört, 11 Leute betroffen! Ärztekammer kümmert sich nicht – trotz Information. Arbeitsgericht ist eingeschaltet. Psychischer Schaden: nicht durch Schmerzensgeld zu bezahlen.“
Auch zeigen eure Erzählungen, dass weibliche Betroffene oftmals im Job erleben, wie ihnen gegenüber vom beruflichen Kontext abgewichen wird und unnötigerweise ihr Geschlecht oder ihr Aussehen zum Teil der Interaktion mit Kollegen oder Patienten wird – obwohl sie dort in ihrer Rolle als Ärztin sind, in der das Geschlecht eigentlich keine Rolle spielen sollte. Chefärztin (ZNA): „Häufig kommt es zu sexistischen Beschimpfungen durch Patienten (Männer) die völlig respektlos sind. Berichten möchte ich von einem anderen Fall. Ein Oberarzt hat eine Aufgabe sehr schlecht ausgeführt. Grundsätzlich ließ er sich nicht gerne etwas sagen. Ich war ihm übergeordnet. In einer ruhigen Minute wollte ich ihn ohne Zeugen/ohne Beisein anderer sehr freundlich auf eine Verfehlung/schlechte Arbeit hinweisen. Er ging darauf mit keinem Wort ein, sondern stellte sich plötzlich hinter mich und fing an, mir den Nacken zu massieren. Ich war so perplex, ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte.“
Eine Oberärztin aus der Neurochirurgie erzählt: „Bereits als Studentin waren Aussagen über mein Äußeres an der Tagesordnung. Berührungen etc. fanden ebenfalls statt, Aussagen von Kollegen mit welcher OP-Schwester sie sich etwas vorstellen können, Kommentieren des Äußeren von Mitarbeiterinnen war an der Tagesordnung.“
Eine Studentin berichtet: „Ich habe bereits mehrmals an zwei unterschiedlichen Unis erlebt, wie männliche Dozenten sehr unangemessene Bemerkungen über Frauen oder den weiblichen Körper machen. Das reicht von Physikvorlesungen, in denen der große Busen als Beispiel im Rahmen der Gravitationskraft herhalten musste, bis hin zu einem Dozenten, der in seine Vorlesung unbedingt einbringen MUSSTE, dass Vergewaltigungen bei Hirschen ja normal seien und dass man sich das ja auch mal klarmachen müsste ...“
Eure Zuschriften zeigen: Es gibt Handlungsbedarf und viele Frauen fühlen sich nicht wohl auf der Arbeit. Eine gute Faustregel für Interaktionen mit Kollegen könnte sein, sich zu fragen, ob man das gleiche Verhalten oder die Aussagen auch bei einem Kollegen des anderen Geschlechts gemacht hätte – man stelle sich vor, ein Oberarzt massiert plötzlich seinen Chef, der ihn gerade kritisiert hat. Im Zweifel einfach nochmal nachfragen, wie Aussagen oder Handlungen bei der anderen Person ankamen. Denn von einem Austausch profitieren meistens beide Seiten.
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