Er ist wieder da: Der Patient, der von einer Frau geghostet wurde. Er ist sichtlich mitgenommen. Warum mir seine Akte einen wichtigen Hinweis gibt – und was sein wippendes Bein damit zu tun hat.
Ein Text von Sprechzimmer 4
Erinnert ihr euch noch an meinen Patienten, der kurz vor Sprechstundenende unbedingt zu einer Ärztin wollte? Zu mir gebracht hatte ihn eine kurze, intensive Liebesbeziehung, die abrupt geendet war – und dieses Ende hatte ihn sichtlich aus der Bahn geworfen. Für die darauffolgende Woche vereinbarten wir einen Folgetermin. Zum einen, weil bei mir eine große Neugier entstanden war, was bei diesem Menschen eigentlich los war. Zum anderen, weil ich mir unsicher war, wie sich das Ganze weiterentwickeln würde.
Zu besagtem Termin erschien er 15 Minuten zu spät. Ich nutzte die Zeit und scrollte durch seine Patientenakte. Dabei fiel mir auf, dass ihn nicht nur die typischen Infekte für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu uns geführt hatten. Immer wieder tauchte auch ein „psychisches Thema“ auf. Mehrfach war er bei meinen Kollegen vorstellig geworden, um von Konflikten am Arbeitsplatz zu berichten und davon, wie sehr ihn diese belasteten. Offenbar kam er regelmäßig zu spät zur Arbeit. In Diskussionen mit seinem Vorgesetzten bestand er auf die Gleitzeitregelung seines Arbeitsvertrags. Wegen eines „emotionalen Ausrasters“ hatte es wohl bereits eine Abmahnung gegeben. Relevante psychiatrische Vordiagnosen fand ich in der Akte allerdings nicht.
Also lief ich ins Wartezimmer, um ihn abzuholen. Er nahm erneut in meinem Sprechzimmer 4 Platz, stellte seine Dose Red Bull auf dem Schreibtisch ab und roch nach kaltem Zigarettenrauch. Er entschuldigte sich für seine Verspätung und ich nahm das als Einstieg, um anzusprechen, dass mir in seiner Akte aufgefallen war, wie schwer es ihm offenbar fiel, pünktlich zu sein – sowohl privat als auch beruflich.
Er beschrieb bei sich selbst eine regelrechte Unfähigkeit, rechtzeitig zu kommen. Gleichzeitig berichtete er, dass Konflikte auf der Arbeit bei ihm manchmal so eskalierten, dass er mit Werkzeug um sich warf. Während er sprach, formte sich langsam ein Gedanke in meinem Kopf.
„Haben Sie eigentlich ein ADHS?“
Fast beiläufig antwortete er: „Ja, seit meiner Kindheit. In der Schulzeit habe ich Medikamente dafür bekommen.“
Ich war überrascht, fast irritiert darüber, wie schnell sich mein Verdacht bestätigt hatte. Sein ADHS war mir innerhalb weniger Minuten so deutlich begegnet, dass ich es unmittelbar angesprochen hatte. Warum nahm er heute keine Medikamente mehr? Darauf angesprochen konnte er mir keine richtige Antwort geben. Irgendwann beim Übergang vom Kinderarzt in die Erwachsenenmedizin war das Thema offenbar verloren gegangen. Außerdem habe er nie gerne täglich Medikamente genommen.
ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, erlebt aktuell viel Aufmerksamkeit – insbesondere in sozialen Medien. Dadurch entsteht teilweise der Eindruck einer „Modediagnose“. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine komplexe neurobiologische Störung der Reizverarbeitung und Exekutivfunktionen, die weit über Konzentrationsprobleme hinausgeht. Viele Betroffene beschreiben weniger ein generelles Aufmerksamkeitsdefizit als vielmehr eine Schwierigkeit der Aufmerksamkeitssteuerung. Dinge, die sie interessieren oder emotional aktivieren, können zu einem regelrechten Hyperfokus führen. Alles andere kostet oft unverhältnismäßig viel Energie.
Auch die emotionale Regulation scheint bei vielen Menschen mit ADHS beeinträchtigt zu sein. Gefühle entstehen oft mit hoher Intensität und werden impulsiver nach außen getragen, bevor sie innerlich verarbeitet oder eingeordnet werden können. Das „H“ für Hyperaktivität muss dabei nicht zwingend motorisch sichtbar sein. Bei meinem Patienten zeigte sie sich allerdings deutlich: Während des gesamten Gesprächs wippte sein linkes Bein hochfrequent auf und ab, fast ohne Pause.
Ein weiteres Phänomen brachte mich letztlich endgültig auf die Spur seines ADHS: die sogenannte Rejection Sensitivity. Gemeint ist damit eine ausgeprägte emotionale Empfindlichkeit gegenüber tatsächlicher oder auch nur befürchteter Zurückweisung, Kritik oder Ablehnung. Für viele Betroffene können solche Situationen massive Scham-, Schuld- oder Wutgefühle auslösen – oft in einer Intensität, die von außen kaum nachvollziehbar erscheint. Und genau so wirkte mein Patient auf mich.
Wir begannen ausführlicher über sein ADHS zu sprechen, über typische Symptome, seine Kindheit, Konflikte, Beziehungen und darüber, wie schnell Emotionen bei ihm eskalieren konnten. Im Vergleich zu unserem ersten Termin wirkte er dabei bereits etwas geordneter. Die Nächte nach der Trennung habe er kaum geschlafen. Stattdessen habe er stundenlang analysiert, warum diese Frau ihn „geghostet“ habe – und inzwischen glaube er, die Ursache gefunden zu haben. Auslöser sei vermutlich ein eingehender Anruf auf seinem Handy gewesen, bei dem ein auf dem Display angezeigter Frauenname ihn in ihrer Gegenwart nervös gemacht habe. Er habe den Anruf deshalb nicht angenommen. Tatsächlich handelte es sich dabei wohl um den Spitznamen eines amerikanischen Freundes.
Er berichtete, bereits in ihrem Gesicht gesehen zu haben, dass sie misstrauisch geworden sei. Danach habe er das Gefühl gehabt, nichts mehr richtigstellen zu können. Nun haderte er mit der Frage, ob er sie erneut kontaktieren und versuchen sollte, das Missverständnis aufzuklären. Und ich fragte mich, ob ich ihm gerade dabei half, etwas zu verarbeiten – oder dabei, sich noch tiefer darin zu verlieren.
Bildquelle: Krišjānis Kazaks, Unsplash